WISSENSCHAFT: Uni übt leise Kritik an Ganser

Noch steht die Uni St. Gallen hinter dem Historiker Daniele Ganser. Doch hinter vorgehaltener Hand kritisieren Professoren seine Thesen zum 11. September. Derweil freuen sich seine Anhänger.

Michael Genova
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Daniele Ganser unterrichtet an der Uni St. Gallen. (Bild: Ingo Wösner)

Daniele Ganser unterrichtet an der Uni St. Gallen. (Bild: Ingo Wösner)

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch

Daniele Gansers Fangemeinde in den sozialen Netzwerken frohlockte. «Daumen hoch für St. Gallen!», schrieb ein Anhänger auf Twitter. «Ein grosses Lob und Anerkennung sende ich an die Universitätsleitung von St. Gallen», kommentierte ein anderer auf Facebook.

Was war geschehen? Vor einer Woche verteidigte Rolf Wüstenhagen, Professor für Management erneuerbare Energien, den umstrittenen Historiker Ganser in der «Ostschweiz am Sonntag»: «Wer ihn einfach als Verschwörungstheoretiker abstempelt, macht es sich zu einfach.» Seit 2012 unterrichten Wüstenhagen und Ganser einmal pro Jahr gemeinsam ein Master-Seminar zur Geschichte und Zukunft von Energiesystemen. Zuletzt war Ganser nach einer «Arena»-Sendung des Schweizer Fernsehens in die Kritik geraten, weil er die offizielle Version der US-Regierung zu den Terroranschlägen des 11. September hinterfragt.

Deutungskampf in den sozialen Medien

Auch an der Uni St. Gallen bezeichnen mehrere Professoren Gansers Aussagen zu 9/11 als problematisch. Öffentlich will sich jedoch keiner der angefragten Professoren dazu äussern. Kollegenschelte ist verpönt. Die Professoren fordern eine «differenzierte Beurteilung», denn an der HSG unterrichte Ganser zur Geschichte von Energiesystemen. Diese Forschung sei getrennt von seinen spekulativen Thesen zu 9/11 zu beurteilen. Deutlichere Worte kommen aus dem Kreis der ehemaligen Professoren. «Ich hätte ihn nicht engagiert», sagt ein Kritiker. Denn mit einem Wissenschafter sei immer auch ein gewisser Ruf verbunden.

Der Fall ist heikel, denn Gansers Lehrauftrag wurde erst kürzlich verlängert. Direkt will sich das Rektorat zur Angelegenheit nicht äussern. Stattdessen lässt es Caspar Hirschi, den Leiter des Kontextstudiums, eine Stellungnahme abgeben. «Herr Ganser vertritt in der Öffentlichkeit Meinungen zu anderen Themen als im Seminar. Diesen Themen steht die Leitung des Kontextstudiums kritisch gegenüber.» Die Universität St. Gallen verstehe sich jedoch als Denkplatz, auf dem eine offene Auseinandersetzung mit kontroversen Denkern möglich sein soll, und sie traue ihren Masterstudierenden zu, Argumente kritisch zu reflektieren. «Kritisches Denken gehört zu den wertvollsten Kompetenzen, die man an Hochschulen erwerben kann», sagt Geschichtsprofessor Hirschi.

Unterdessen geht in den sozialen Medien der Kampf um die Deutungshoheit über die Anschläge vom 11. September weiter. Die Anhänger Gansers verbuchen die Aussagen der Uni St. Gallen als Etappensieg. In der vergangenen Woche wurde der Artikel der «Ostschweiz am Sonntag» auf Gansers Facebookprofil über 700-mal geteilt und erhielt rund 5000 «Gefällt mir»-Angaben. Für die Uni ist es ein Balanceakt: Mit ihrer differenzierten Stellungnahme verteidigt sie grundsätzlich die Freiheit von Lehre und Forschung. Ganser-Fans werten die Statements hingegen als Unterstützung für eine «kritische Stimme, die den Schwindel hinterfragt».

Andere Institutionen haben sich schon vor Jahren von Daniele Ganser abgegrenzt. 2006 veröffentlichte er im «Tages-Anzeiger» einen Teil seiner Forschungsergebnisse zu 9/11. Seine zentrale These: Es sei ungeklärt, ob Feuer oder eine Sprengung zum Einsturz des WTC7-Gebäudes führte. Eine Woche später gingen ETH und Universität Zürich auf Distanz. Später wechselte Ganser an die Universität Basel, wo er bei Historiker Georg Kreis habilitieren wollte. Aber auch in Basel wurde er fallengelassen. Als er 2011 zum Jahrestag von 9/11 einen Vortrag hielt, kam es zum Eklat. Ganser hatte sich mit dem Logo der Universität Basel geschmückt. Daraufhin verbot ihm der damalige Rektor die Verwendung des Logos, da er nicht mehr an der Uni angestellt sei.