WIRTSCHAFTSGESCHICHTE: Wie Zürich St.Gallen überholte

Bis vor 100 Jahren gab es zwischen St.Gallen und Paris eine direkte Zugverbindung – ohne Zwischenhalt in Zürich. Inzwischen hat Zürich die restliche Schweiz hinter sich gelassen. Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann erklärt, weshalb.

Roman Hertler
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Der Paradeplatz, 1883, und links der zehn Jahre zuvor eröffnete Hauptsitz der Schweizerischen Kreditanstalt (heute: Credit Suisse) bezeugen den Aufstieg Zürichs zur wirtschaftsstärksten Stadt der Schweiz. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich/Bildarchiv/Romedo Guler)

Der Paradeplatz, 1883, und links der zehn Jahre zuvor eröffnete Hauptsitz der Schweizerischen Kreditanstalt (heute: Credit Suisse) bezeugen den Aufstieg Zürichs zur wirtschaftsstärksten Stadt der Schweiz. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich/Bildarchiv/Romedo Guler)

Roman Hertler

roman.hertler@tagblatt.ch

Tobias Straumann, wenn über Zü­rich gesprochen wird, rümpfen viele St.Galler erst einmal die Nase. Eingebildet, ignorant, zu reich seien die Zürcher, besagt das Klischee. Spricht hier der Neid des kleinen, weniger erfolgreichen Nachbarn?

Möglicherweise spielt Neid eine Rolle. Wichtiger ist aber, dass die Städte schon immer in Konkurrenz zueinander standen. Vor 150 Jahren war Zürich gegenüber St.Gallen rückständiger.

Weshalb ging es St.Gallen damals besser als Zürich?

St.Gallen war lange eine äusserst gut vernetzte Handelsstadt. Mit dem Leinenhandel hatte sie im Mittelalter Kontakte nach Frankreich und in den Norden und später mit der Stickerei in die ganze Welt geknüpft. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs gab es zwischen St.Gallen und Paris eine direkte Eisenbahnverbindung – ohne Zwischenhalt in Zürich.

Auch Zürich war eine Textil- und Handelsstadt.

Ja, aber mit dem Unterschied, dass hier vor allem Zwischenprodukte – also solche für die Weiterverarbeitung und die Veredelung – hergestellt wurden. St.Gallen hatte sich auf die Endproduktion und -veredelung, auf Stickerei und andere Luxusprodukte spezialisiert, was viel einträglicher war als die Zürcher Baumwoll- und Seidenindustrie. Heim- und Fabrikarbeiter waren in St.Gallen insgesamt besser qualifiziert, sie verdienten mehr als ihre Zürcher Berufskollegen.

Zürich war zu Beginn der Industriellen Revolution noch keineswegs die Schweizer Wirtschaftsmetropole. Warum nicht?

Führend waren Basel und Genf, was wahrscheinlich mit der geografischen Lage zu tun hatte. Die Anbindung an Wasserwege war entscheidend. Über die Rhone war Genf mit Lyon, Arles und dem Mittelmeer verbunden; über den Rhein war Basel an deutsche und niederländische Handelszentren angeschlossen.

Wann hat sich das geändert?

Mit dem Bau der Eisenbahn rückte Zürich ins wirtschaftliche Zentrum des Landes. Zürich wurde zum Knotenpunkt, an dem kein Weg vorbeiführte – sowohl auf der Nord-Süd- als auch auf der Ost-West-Achse. Das brachte weitere Entwicklungen ins Rollen: Einerseits wurde für den Eisenbahnbau Kapital benötigt. Es war die Zeit, als in Zürich die grossen Bankhäuser am Paradeplatz gegründet wurden – allen voran die Kreditanstalt, die heutige Credit Suisse. Andererseits brauchte es Ingenieure, welche Brücken und insbesondere den Gotthardtunnel konstruierten: die Geburtsstunde der ETH.

Wie wichtig war Eisenbahnpionier Alfred Escher für die wirtschaftliche Prosperität Zürichs?

Wie viel Einfluss Einzelpersonen auf historische Prozesse tatsächlich haben, ist schwierig abzuschätzen. Im Falle Alfred Eschers lässt sich sagen, dass er ein äusserst gewiefter Politiker war, der es verstand, seine Umgebung von seinen Ideen zu überzeugen. Wie gut Escher als Unternehmer war, ist fraglich, aber als Leaderfigur hat er sicher wesentlich zum Wohlstand Zürichs beigetragen.

Als die Textilindustrie zusammenbrach, traf dies St.Gallen besonders hart. Was haben Basel und Zürich anders gemacht?

In Basel entstand aus einem Nebenprodukt der Seidenbandindustrie ein neuer, zukunftsträchtiger Industriezweig. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die synthetische Seidenfärberei eingeführt, welche sich ab den 1920er-Jahren zur chemischen Industrie weiterentwickelte. Hierbei zeigte sich der positiven Einfluss der innovativen Zuwanderer, weil die alteingesessenen Basler «Bändelherren» der chemischen Industrie zunächst äusserst skeptisch gegenüberstanden. In Zürich glückte der Strukturwandel vor allem wegen der weit fortgeschrittenen Mechanisierung. Sie schuf die Grundlage für die Entwicklung neuer Industrien in anderen Sektoren.

Was geschah in St.Gallen?

St.Gallen erlitt mit der Stickereikrise zu Beginn des Ersten Weltkriegs eine wirtschaftliche Bruchlandung. Weil die Mechanisierung weit weniger fortgeschritten war, war es in der Ostschweiz viel schwieriger, auf alternative Industrien auszuweichen. Es fehlte an technischem Know-how und an finanziellen Mitteln. Denn auch im Bankensektor hatte Zürich St.Gallen hinter sich gelassen.

Weshalb hat sich die Industrie in der Ostschweiz nicht auch früher mechanisiert?

Der Druck dazu war in St.Gallen schlicht zu gering. Mit der hochspezialisierten Stickerei liessen sich weiterhin hohe ­Gewinne einfahren, ohne massenhaft Arbeiter durch günstige Maschinenkraft ersetzen zu müssen. Hochtechnologische Herstellungsprozesse drängten sich bei Luxusartikeln viel weniger auf als bei weniger rentablen Produkten.

Gab es auch Kräfte, welche Innovation verhinderten?

Die gab es sicherlich. Das ist aber keine St.Galler Eigenheit. Bevor sich das marktwirtschaftliche Denken durchsetzte, wollten Handwerker und Händler ihre Einnahmequellen und Wirtschaftsformen schützen. Gerade Städte wie Basel und Zürich haben dann enorm von der Innovationskraft der Hugenotten profitiert, die vor der religiösen Verfolgung in Frankreich in die reformierten Städte der Schweiz geflüchtet waren – auch nach St.Gallen. Es ist ausserdem nicht so, dass es in St.Gallen keine In­novation gegeben hätte. Die 1858 gegründete Helvetia war die erste Gesellschaft in der Schweiz, die Transport- und Feuerversicherungen anbot.

Wie stark litt St.Gallen unter der Konkurrenz des aufstrebenden Zürich?

In Konkurrenz zu Zürich stand man höchstens geschäftlich. Auf politischer Ebene hingegen hatten die beiden Städte gemeinsame Interessen. In beiden Kantonen war die freisinnige Elite die treibende Kraft, die auch auf Bundesebene den Ton angab. Der St.Galler und der Zürcher Freisinn pflegten enge Kontakte. Im Vorort (Schweizerischer Handels- und Industrieverein, heute Economiesuisse, Anm. d. Red.) war St.Gallen immer vertreten.

Zürich floriert, St.Gallen stagniert. Lässt sich die heutige Situation aus der Geschichte heraus erklären?

Das Erbe ist spürbar. Der Rückstand, den man sich Anfang des 20. Jahrhunderts eingehandelt hat, erweist sich bis heute als grosser Nachteil. Zudem werden die grossen Zentren mit der Globalisierung noch stärker. Neben Genf sind das in der Schweiz Zürich und Basel, die künftig immer mehr miteinander verschmelzen dürften. Der Rest wird zum Zulieferer – das gilt wohl auch für St.Gallen. Zürich hat, historisch gesehen, einfach auch mehr Glück gehabt.

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