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Wirtschaftsforscher und Universalgelehrter

Nachruf auf Gebhard Kirchgässner

Gestern hat in Engelburg eine grosse Trauergemeinde Abschied von Professor Gebhard Kirchgässner genommen. Ein herber Verlust für die Familie, aber auch für viele Freunde und Bekannte, die ihn auf seinem Lebensweg begleiten durften. Ich hatte das grosse Privileg, mit ihm zusammen seit 1992 bis zu unserer Emeritierung das Schweizerische Institut für Aussen­wirtschaft und Angewandte Wirtschaftsforschung an der Universität St. Gallen leiten zu dürfen.

Auf den ersten Blick überraschend, erinnere ich mich vor allem an unzählige Gespräche bei Kaffeepausen, die sich oft fast ­unzulässig in unsere Arbeitszeit verlängerten.

Wir diskutierten grund­sätzliche Fragen des volkswirtschaftlichen Theorieverständnisses, hatten präzise, wenn auch oft voneinander abweichende Ratschläge für die schweize­rische und die deutsche Wirtschaftspolitik, kommentierten wichtige Wahlen und Abstimmungen, auch HSG-interne ­Fragen fehlten nicht. In diesen Gesprächen ­durfte ich wichtige Eigenschaften von Gebhard Kirchgässner er­leben.

Erstens war er ein Mann der klaren Standpunkte, aber gleichzeitig auch der offenen Ohren. Seine Gedanken waren in der ökonomischen Theorie und der empirischen Forschung fest verwurzelt. Der Homo Oeconomicus als rational entscheidendes Individuum im Rahmen natürlicher und institutioneller Rahmenbedingungen war sein zentrales theoretisches Handwerkszeug, das er in einem auch international vielbeachteten Lehrbuch überzeugend entwickelte. Er hat diese methodische Strenge aber nie gleichgesetzt mit der Forderung nach einer Laissez-faire-Politik, wie dies von einigen Strömungen der Ökonomie gemacht wird und wie dies Ökonomiekritiker der Volkswirtschaftslehre oft generell vorwerfen. Gerade umgekehrt: Er trat für die sozial Schwachen ein, und die Armutsdebatte war ihm in den letzten Jahren ein besonderes Anliegen. Für ihn waren staatliche Anbieter und enge regulatorische Vorgaben keine Glaubensfragen, sondern unter den zu erwartenden Ergebnissen zu beurteilende Alternativen. Methodische Strenge und Offenheit für unterschiedliche politische Lösungen waren für ihn notwendige Ergänzung.

Bewundernswert war seine disziplinäre Breite. Ich erlebte ihn als kenntnisreichen Diskussionspartner in der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, in zentralen ethischen Fragen wie auch in der institutionenorientierten Politikwissenschaft. Inhaltlich interessierten ihn finanzwissenschaftliche Fragestellungen wie Steuerreformen, Schuldenbremsen oder Finanzausgleich, die Sozialpolitik in ihren vielen Facetten und die Umweltpolitik, ohne aber andere Politikfelder auszuschliessen. Er entsprach dem Bild des Universalgelehrten, soweit dies heute angesichts der starken Ausdifferenzierung der Wissenschaften überhaupt noch möglich ist.

Und schliesslich: Gebhard Kirchgässner war ein Wissenschafter, der sich gerne in die praktische wirtschaftspolitische Diskussion einbrachte – als Gutachter, als Präsident (z. B. der Schweizerischen Kommission für Konjunkturfragen) bzw. als Mitglied von Expertengruppen, als Verfasser von Beiträgen in politiknahen Veröffentlichungen. Ich erinnere mich vor allem an seine Beiträge zu den staatlichen Gebäude­versicherungsmonopolen, seine Stellungnahmen zu kantonalen Steuergesetzrevisionen oder zu umweltpolitischen Forderungen. Prononciert auch seine Ablehnung eines bedingungslosen Grundeinkommens, das er als nicht finanzierbar beurteilte. Dieses politische Engagement zeigte sich auch in praktischen Aufgaben auf der untersten politischen Ebene. So war er viele Jahre Mitglied der Geschäftsprüfungskommission seiner Wohngemeinde Gaiserwald.

Von der kleinen wieder zur grossen Politik: Für ihn bildeten Föderalismus mit Steuerwettbewerb und direkte Demokratie klare Vorteile des schweizerischen institutionellen Aufbaus, und er zögerte nicht, diese auch für deutsche Länder zur ernsthaften Prüfung zu empfehlen. Er war gewissermassen ein überzeugender «Exporteur» von Ideen und Erfahrungen, und dies bereits lange vor dem Erwerb der schweizerischen Staatsbürgerschaft. Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Dies ist ein kleiner Strauss der Fragen, zu denen wir am Kaffeetisch viele Stunden debattierten.

Heinz Hauser ist emeritierter Professor für Aussenwirtschaftstheorie und Aussenwirtschaftspolitik an der Universität St. Gallen. Er war von 1982 bis 2010 Mitglied der Direktion des Schweizerischen Instituts für Aussenwirtschaft und Angewandte Wirtschaftsforschung (SIAW-HSG), der auch Gebhard Kirchgässner angehörte.

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