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Den Sommer einmal anders geniessen: Bei hohen Temperaturen treibt es vor allem ältere Wanderer in den Alpstein. (Bilder: Benjamin Manser)

Den Sommer einmal anders geniessen: Bei hohen Temperaturen treibt es vor allem ältere Wanderer in den Alpstein. (Bilder: Benjamin Manser)

Reportage

«Wird es zu heiss, flüchten wir auf den Säntis»: Wenn die Hitze im Tal unerträglich wird

Das Quecksilber im Thermometer sinkt in den Ostschweizer Tälern derzeit kaum mehr unter 30 Grad. Für einige werden die Berge zum letzten Rückzugsort. Ein spontaner Tagesausflug auf den Ostschweizer Hausberg – Temperaturrekord inklusive.
Alexandra Pavlovic

Der Bub fährt mit seinen Fingern durch den Schnee und hinterlässt eine kleine Spur. Es könnte Dezember sein. Doch die Szene spielt sich mitten im Ostschweizer Hochsommer ab. Das Thermometer zeigt ungewöhnlich hohe 20 Grad an. Und das auf dem Säntisgipfel. Unten im Tal schwitzt die Region bei 30 Grad und mehr. Nicht nur die hiesigen Wetterstationen warnen schon seit Tagen vor der Hitzewelle, auch das Bundesamt für Gesundheit rät zur Vorsicht. Sorgt ein Sprung in den Bodensee oder ein Besuch in der Badi für die nötige Abkühlung? Nicht für jeden. Einige fliehen bei diesen hohen Temperaturen lieber in die Berge – etwa auf den Säntis.

Abkühlung auf 2502 Metern über Meer: Ein junger Besucher wandert durch ein Schneefeld.

Abkühlung auf 2502 Metern über Meer: Ein junger Besucher wandert durch ein Schneefeld.

Das bestätigt auch Andreas Marty, Leiter Verkauf und Marketing der Säntis-Schwebebahn. «Bei der derzeitigen Hitze zieht es viele in die Höhe. Der Sommer und Herbst ist unsere Hauptsaison», sagt er. Und tatsächlich, nach der 40-minütigen Autofahrt von St. Gallen über Urnäsch auf die Schwägalp zeigt sich: Die Talstation ist gut besucht. Wanderer, Tagesausflügler, Senioren und Familien drängen sich zu den Drehkreuzen. Marty sagt:

«Bei uns ist es in der Regel fünf bis sieben Grad kühler als in der Stadt.»

Diese Abkühlung sei es, welche die Leute anlockt. Er habe festgestellt, dass einige Gäste den Besuch im Schwimmbad nach ein paar Wochen satt haben und Abwechslung brauchen. «Sie wollen dann wandern, die Natur erleben, das Bergpanorama geniessen.»

Andreas Marty.

Andreas Marty.

Marty selber kommt mit der Hitze gut zurecht. Er habe das Glück, ein Büro auf 1300 Metern Höhe zu haben. Jeden Morgen kann er die Fenster öffnen und die frische Bergluft hereinlassen. «Das hält den ganzen Tag. Eine Klimaanlage brauche ich nicht.» Er ist nicht der Einzige: Weder das Hotel noch das Restaurant haben eine Klimaanlage. Gekühlt werde hier oben lediglich mit frischer Bergluft. Oben auf dem Säntis, auf 2502 Metern über Meer, ist das nicht anders.

Letztmals in den 1980ern so hohe Temperaturen

Schon beim Gang zur Schwebebahn weht uns eine Brise entgegen. Schwitzen? Fehlanzeige. Und auch in der Gondel mit rund 30 weiteren Gästen nicht. Dank der offenen Fenster weht auf der Fahrt auch immer wieder ein erfrischendes Lüftchen durch die Kabine. Auf dem Säntis angekommen, zeigt das Thermometer nur noch 17 Grad. Ein leichter Kälteschock.

«Unten im Tal kochen, oben auf dem Berg abkühlen» – so beschreibt ein Ehepaar aus Luzern die derzeitige Situation. Mit Hündin Lota machen die beiden gerade Ferien in Ebnat-Kappel. Auf dem Säntis sind sie nicht nur, um sich abzukühlen, sondern vor allem der Natur wegen. «Wir wohnen in der Nähe des Sempachersees und haben das Wasser praktisch vor der Nase. Trotzdem sind wir eher die Bergmenschen», sagt der Mann. Wandern, das Bergpanorama und die frische Alpenluft geniessen sei für sie im Sommer schöner, als einige Runden im See zu schwimmen.

«Der Vorteil in den Bergen ist, dass wir Lota überall mitnehmen können. Hier oben fühlt sie sich wohl.»

Nicht nur der Hündin scheint es auf der Säntisspitze gut zu gehen. Auch die anderen Touristen erkunden interessiert alle Ecken, begeben sich über die Steintreppen zu den verschiedenen Aussichtsplattformen, sonnen sich bei der Messstation auf ihren mitgebrachten Tüchern. Während Familien Erinnerungsfotos von sich und dem Panorama fürs Album knipsen, machen die eher jüngeren Gäste Selfies. Der Tagesausflug will schliesslich nicht nur auf dem Handy, sondern auch für Freunde im Netz festgehalten werden – möglichst mit passenden Hashtags wie #Hitze, #Abkühlung, #Säntis.

Hier oben auf 2502 Metern über Meer tickt das Wetter tatsächlich etwas anders. Zwar ist die Hitze deutlich weniger zu spüren als unten im Tal. Doch auch der Säntisgipfel ist vor der Hitzewelle nicht ganz sicher. Auch in den höheren Lagen ist die Luft seit Tagen ausserordentlich warm. Vielen Stationen in den Alpen brachte das Temperaturrekorde für den Monat Juni, wie MeteoNews meldet. Und auch immer mehr Bergstationen überbieten ihre bisherigen Juni-Rekorde. Von den Besuchern unbemerkt ist auch das Thermometer auf dem Säntis seit dem Mittag um einige Grad gestiegen. Um 13.30 Uhr zeigt es bereits 20 Grad. Das ist ebenfalls ein Rekord. Ein solcher Wert wurde hier oben zuletzt im Jahr 1983 gemessen.

Selten Schnee im Juni

Trotz der überdurchschnittlich hohen Temperaturen gibt es noch etliche schneebedeckte Stellen auf dem Säntis. «Hier oben ist das nicht ungewöhnlich. Dass wir im Juni eine solche Menge noch vorfinden, ist doch eher selten», bestätigt Andreas Marty. Aus diesem Grund seien derzeit gewisse Wanderrouten noch weniger gut begehbar. «Die Experten sind daran, die Wege freizuschaufeln.»

Einer deutschen Touristin vom Niederrhein hat diese Situation einen Strich durch ihre Pläne gemacht. Sie wollte mit ihrem Mann zum Seealpsee wandern, hat aber nur Turnschuhe statt Wanderschuhe angezogen. «Mit diesem schlechten Schuhwerk können wir da nicht hinunter. Ich hätte nicht gedacht, dass uns der Schnee um diese Jahreszeit noch überrascht.»

Experten beim Erkunden einer Wanderroute auf dem Säntis.

Experten beim Erkunden einer Wanderroute auf dem Säntis.

Den meisten scheint die weisse Pracht jedoch nichts auszumachen, im Gegenteil: Für viele ist er eine wohltuende und willkommene Abkühlung. Einige wandern mittendurch, andere formen Schneebälle oder kühlen mit dem Schnee ihre Unterarme ab. Besonders für ausländische Touristen ist es ein nicht alltägliches Naturphänomen, so etwa für zwei Asiaten. Von ihrem Arbeitskollegen Guido Benz lassen sie sich die Umgebung zeigen. Die Hitzewelle, welche derzeit die Schweiz heimsucht, mache ihnen nichts aus. Sie seien von ihren Heimatstädten Schanghai und Taipeh weitaus höhere Temperaturen gewohnt. «Die frische Luft hier oben tut dennoch gut», sagen die beiden Asiaten.

Was sie aber vielmehr fasziniere, sei die Natur im Alpsteingebiet und die Ruhe. «So etwas erlebe man heutzutage selten», sagt die Frau aus Schanghai. Ihr Kollege ergänzt: «Zudem gibt es wenige Orte wie den Säntis, von welchem man einen Überblick über mehrere Länder gleichzeitig hat. Schweiz, Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Frankreich und Italien – alles auf einen Blick.» Der Säntis scheint seine Wirkung auf die Touristen auch bei hohen Temperaturen nicht zu verfehlen.

Herzhaftes Essen statt leichte Kost

Während einige Besucher noch die Informationstafeln studieren, gönnen sich andere bereits eine Verpflegungspause in einem der Bergrestaurants. Seit 1846 werden Bergbesteiger auf dem Säntis bewirtet. Anfänglich in einfachen Schutzhütten, sind die Lokale heute mit modernster Infrastruktur und mit viel Liebe zum Detail eingerichtet. Was aber serviert das Personal bei Temperaturen um die 20 Grad? Etwa leichte und kühle Kost, wie von Experten derzeit empfohlen? Nichts dergleichen. Die Gäste bestellen lieber Herzhaftes aus der Region: Älplermagronen, Apfelmus und Appenzeller Siedwurst. Ein kühles Appenzeller Bier darf ebenfalls nicht fehlen.

Statt Wasser trinken einige Touristen lieber ein kühles Appenzeller Bier.

Statt Wasser trinken einige Touristen lieber ein kühles Appenzeller Bier.

Ort des Rückzugs und der Erinnerung

Wer nicht ins Bergrestaurant geht, sucht sich ein ruhiges Plätzchen und isst seinen Proviant. Zwei davon sind Robert und Therese Meier. In der Nähe der Messstation hat es sich das Rentnerpaar aus Zürich-Affoltern auf einer Decke gemütlich gemacht und geniesst mit Blick Richtung Bodensee sein Lunchpaket.

Das Rentnerpaar Robert und Therese Meier geniesst die Aussicht auf den Bodensee.

Das Rentnerpaar Robert und Therese Meier geniesst die Aussicht auf den Bodensee.

Meiers sind vertraut mit der Alpsteinregion. Der Säntis ist für die beiden nicht nur ein Rückzugsort, auch verbinden sie viele Erinnerung mit der Region. Robert Meier ist gebürtiger Herisauer, seine Frau Therese hat Verwandte hier. Beide kommen daher immer wieder hierher zurück. Therese Meier sagt:

«Vor allem, wenn es uns in der Stadt zu heiss wird, fliehen wir gerne auf den Säntis.»

Im Sommer sei nicht nur die Hitze in der Stadt unerträglich, auch das Gehetze und Gedränge der Leute. «Viele rennen nur noch umher. Da geniessen wir doch lieber etwas Ruhe und die schöne Natur auf dem Berg.»

Viele tun es den Meiers an jenem Tag gleich. Ruhe und Abkühlung sind es, was die vorwiegend älteren Gäste auf dem Säntis während der derzeitigen Hitzewelle suchen. Die Autofahrt nach St. Gallen verdeutlicht das noch einmal: Mit jedem Kilometer in Richtung Tal wird der Kopf heisser, die Temperatur im Wagen unangenehmer. In der Stadt zeigt das Thermometer auch am Abend noch über 30 Grad. Wie schön wäre es jetzt, mit dem Finger durch den kühlen Säntis-Schnee zu fahren.

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