Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Interview

«Wir wollen keinen weiteren Anstieg des Hirschbestands»

Die Jagdsaison hat begonnen. Die Abschusszahlen für Rothirsche im Kanton St.Gallen sind so hoch wie nie. Dominik Thiel, Leiter Amt für Natur, Jagd und Fischerei, über Wildschäden, Wölfe und eine weiblichere Jägerschaft.
Katharina Brenner, Silvan Lüchinger
2017 erlegten die St.Galler Jäger 848 Rothirsche. Im laufenden Jahr sollen es nochmals mehr sein. (Bild: Markus P. Stähli/wildphoto.ch)

2017 erlegten die St.Galler Jäger 848 Rothirsche. Im laufenden Jahr sollen es nochmals mehr sein. (Bild: Markus P. Stähli/wildphoto.ch)

Dominik Thiel, haben Sie Ihren ersten Hirsch in dieser Saison schon geschossen?

Nein. Der Hirsch war schlauer.

Wo jagen Sie?

Primär in Graubünden und im Aargau. Das ist als Vorsteher des St.Galler Amtes für Natur, Jagd und Fischerei hygienisch besser.

Die Vorgaben im Kanton St.Gallen sind hoch – sind die Jäger im Plan?

Wir hatten einen guten Start, aber das ist eigentlich immer so. Die Hirsche hatten acht Monate keinen Jagddruck und sind we­niger misstrauisch. Je länger die Jagd dauert, desto schwieriger wird es.

Wie viele Hirsche leben in St.Gallen und den beiden Appenzell?

Wir rechnen mit einem Frühlingsbestand von 3000 Stück. Das gibt im Herbst zusätzlich 1000 Kälber.

2017 waren die Abschusszahlen so hoch wie nie, und für 2018 sind die Vorgaben noch höher. Haben wir ein Hirschproblem?

Zu viel oder zu wenig ist immer eine Frage der Zielsetzung. Eindeutig ist: Wie in der ganzen Schweiz nimmt der Hirsch­bestand auch in der Ostschweiz nach wie vor zu. Unser Ziel heisst Stabilisierung; wir wollen keinen weiteren Anstieg. Jede Hege­gemeinschaft erhält Vorgaben zu Alter und Geschlecht der Tiere, die geschossen werden sollen.

Wer darf die schönen Kronenhirsche schiessen?

Kronenhirsche sind im Kanton St.Gallen geschützt. Wenn einzelne Tiere freigegeben werden, kann die Hegegemeinschaft entscheiden, ob sie das Tier jemandem zuteilen will oder ob «de flingger isch de gschwinder» gilt.

Dominik Thiel, Leiter Amt Natur, Jagd und Fischerei Kanton St.Gallen (Bild: Coralie Wenger)

Dominik Thiel, Leiter Amt Natur, Jagd und Fischerei Kanton St.Gallen (Bild: Coralie Wenger)

Werden Hirsche überall toleriert?

Bei uns wie in der ganzen Schweiz gilt der Grundsatz «Wo Lebensraum, da Lebensrecht». Es gibt keine Gebiete, aus denen Hirsche auf jeden Fall entfernt werden. Wir sind aber verantwortlich, dass keine Populationsdichte entsteht, die übermässige Wildschäden verursacht.

Daran dürften Forstwirtschaft und Waldbesitzer nicht nur Freude haben.

Hirsche sind Rudeltiere, da kann es zu grösseren Konzentrationen kommen. Gehen entsprechende Klagen ein, fordern wir die Jagdgesellschaften auf, regulierend einzugreifen. Manchmal melden sich Landwirte, die keine Freude haben, wenn sich am Gras ihrer Kühe 30 Hirsche gütlich tun.

Ist die Zunahme der Hirsche überall gleich gross?

Nein. Die besten Lebensräume sind besetzt. Darum breiten sich die Tiere jetzt stärker aus, etwa in Richtung Fürstenland. Mittlerweile können Sie an jeder Waldecke im Kanton auf einen Hirsch treffen.

Das war vor nicht allzu langer Zeit anders.

Man geht davon aus, dass der Rothirsch in der ganzen Schweiz ausgestorben war. Die Art hatte keinen Lebensraum mehr, die Schweiz war im 19. Jahrhundert praktisch waldfrei gerodet. Die Wende kam erst mit dem neuen Waldgesetz gegen Ende des Jahrhunderts. Dann ist der Hirsch von Osten her wieder eingewandert. Die ersten Einzelnachweise im Kanton St. Gallen stammen aus den 1930er-Jahren.

Seit wann zeigt die Wachstumskurve steil nach oben?

Seit rund 20 Jahren. Das hat wesentlich damit zu tun, dass früher nur sehr wenige weibliche Tiere geschossen wurden. Das führte zu hohen Wachstumsraten. Im Gebiet Rheintal-Werdenberg hat sich der Bestand in 15 Jahren nahezu verdreifacht. Hier wollen wir nicht nur stabilisieren, sondern reduzieren.

Wandern auch heute noch Hirsche ein?

Ein Forschungsprojekt in Graubünden, Vorarlberg und Liechtenstein hat gezeigt, dass es dort viele Wanderhirsche gibt. Sie verbringen den Sommer mehrheitlich in Vorarlberg, den Winter in Graubünden. Unsere Studie zeigt das Gegenteil: Wir haben mehrheitlich stationäre Rothirsche.

Vorarlberg hat Probleme mit der Wildtuberkulose, die von Hirschen auch auf Rinder übertragen werden kann. Wie sieht es hier aus?

Es gibt seit einigen Jahren ein Überwachungsprogramm. Bisher waren sämtliche Proben von St.Galler und Appenzeller Hirschen einwandfrei negativ. Mit der Autobahn und dem Rhein ist die Grenze ziemlich dicht.

Genf hat keine Volksjagd mehr, Zürich stimmt in einer Woche darüber ab. Sind Sie für eine Milizjagd?

Die Milizjagd hat sich sehr bewährt. Als einziger Revierjagdkanton in der Schweiz haben wir in St. Gallen noch staatliche Wildhüter. Diese Kombination ist meiner Meinung nach für ein zukunftsorientiertes Wildtiermanagement und die Jagd optimal.

Wie ist die Stimmung zwischen Jägern und Forstwirtschaft?

Die Wald-Wild-Probleme sind eindeutig abnehmend. Das hat vor allem zu tun mit der Entwicklung der Wälder weg von den ­reinen Fichtenbeständen hin zu Mischwäldern. Hier gibt es kaum Wildschäden. Dazu kommt, dass der Luchs die Rehbestände lokal reduziert hat – und für den Jungwaldverbiss sind vor allem die Rehe verantwortlich.

Für den Hirsch ist der Luchs keine Gefahr?

Luchse fressen zu 90 Prozent Rehe und Gämsen.

Hat der Hirsch ausser dem Menschen Feinde?

Von der Entwicklung her gehören Hirsch und Wolf zusammen.
Dann könnte man die Hirschregulierung ja dem Wolf überlassen.
In einem grossen Nationalpark in der Wildnis in den USA hat das funktioniert. Aber: In der dicht- besiedelten Schweiz bräuchte es dafür sehr viele Wölfe. Das wäre von der Akzeptanz her, wegen der dichten Besiedelung und Landwirtschaft gar nicht möglich.

Gibt es denn genug Jäger?

Im Moment ja. Jagen ist wieder attraktiv, wir haben viele Jungjäger, auch Frauen. Die Jägerschaft wird grösser, jünger, weiblicher.

Wie finanzstark muss man sein, um Jäger zu werden?

Wer bereit ist, für Ausbildung und Ausrüstung, verteilt über mehrere Jahre ein paar tausend Franken auszugeben, kann Jäger werden. Reich sein muss man nicht.

Lesen Sie auch:

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.