«Wir werten sogar Roboter-Staubsauger aus»: Die St.Galler Kantonspolizei ist bei Ermittlungen mit immer grösseren Datenmengen konfrontiert

Im Kampf gegen die Datenflut bei Ermittlungen setzt die Kantonspolizei St.Gallen auf künstliche Intelligenz.

Christoph Zweili
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Die bei der Kantonspolizei St. Gallen sichergestellte Datenmenge hat sich in den letzten Jahren exponentiell entwickelt.

Die bei der Kantonspolizei St. Gallen sichergestellte Datenmenge hat sich in den letzten Jahren exponentiell entwickelt.

Bild:Getty

Inspektor Watson ist schlau. So schlau, dass er 2019 mit dem Gottlieb-Duttweiler-Preis ausgezeichnet wurde. Damit weiss sich der Geehrte in guter Gesellschaft mit Václav Havel, Joschka Fischer oder Kofi Annan. So weit, so gut. Doch «Watson» ist kein Mensch, sondern eine Maschine. Genauer: Die leistungsfähigste Computerplattform der Welt. Die Software des US-Technologiekonzerns IBM lernt wie ein Mensch und analysiert dafür in kurzer Zeit riesige Mengen von Daten – viel mehr, als ein Mensch je bewältigen könnte. Die Luzerner Polizei will die Computersoftware Watson beschaffen, um nach Delikten rasch den Heuhaufen zu filtern, um die sprichwörtliche Nadel zu finden und monatelange Recherchearbeit von Polizisten einzusparen. Im Kanton Zürich wird «Watson» schon seit 2016 eingesetz.

Vom Quizkönig bis zum virtuellen Arzt

Der technische Fortschritt stellt die Strafverfolger vor grosse Herausforderungen. Wie die Ermittlungsarbeit in Zukunft aussehen wird, machte die Kriminalpolizei der Kantonspolizei Zürich 2016 wohl als erstes Polizeikorps der Schweiz vor. Heute analysiert sie mit «Watson» beispielsweise Datenbestände, die bei Hausdurchsuchungen gesammelt wurden. Das seien vor allem grosse Textmengen, «Hunderttausende von Seiten», heisst es auf Anfrage.

Auch die Polizei Luzern will bei aufwendigen Fällen künstliche Intelligenz einsetzen. Ein erster Test 2019 enttäuschte: Der Arbeitsaufwand bei der Auswertung von sichergestellten Daten liess sich nicht reduzieren. Nach einem zweiten realitätsnahen Test will die Luzerner Polizei die Software Watson nun «so schnell wie möglich» beschaffen. Das Computerprogramm, das die Inhalte von Festplatten, Handys oder digitalisierten Dokumenten rasch indexieren kann, soll noch in diesem Jahr bei der Analyse grosser Datenmengen helfen. Für die Beschaffung und den Unterhalt in den ersten drei Betriebsjahren wird ein hoher fünfstelliger Betrag veranschlagt, beschafft vermutlich über das ordentliche Kantonsbudget.

Andere Polizeikorps setzen bei grossen Verfahren sogenannte Open-Source-Tools, offen zugängliche Software, von verschiedenen Universitäten ein. Auch im Thurgau ist «Watson» nicht im Einsatz und man wolle das Programm auch nicht einsetzen, schreibt die Kantonspolizei. Es würden verschiedene Softwareprogramme zur Datenauswertung verwendet.

Der Supercomputer Watson ist als Quizkönig berühmt geworden, als er die Fähigkeiten seiner künstlichen Intelligenz in der Quiz-Show Jeopardy demonstrierte und gegen zwei menschliche Gegenspieler siegte. Später brachte IBM «Watson» nach China, um eine personalisierte, datenbasierte Behandlung von Krebs für Patienten zu ermöglichen. Allerdings kam der virtuelle Arzt in die Kritik, nachdem er fragwürdige und inkorrekte Therapieoptionen empfohlen hatte. (cz)

Es gibt nahezu keine Ermittlung mehr, in der nicht Mobilfunkdaten, Datenträger und E-Mails ausgewertet oder IP-Adressen ermittelt werden müssen. In Zeiten der Digitalisierung nimmt auch im Kanton St.Gallen die digitale Datenflut aus Computern, Smartphone-Videos und Überwachungskameras exponentiell zu, sagt Serdar Günal Rütsche, Leiter Proaktive Ermittlungen bei der Kriminalpolizei im Kanton St.Gallen.

Serdar Günal Rütsche, Leiter Proaktive Ermittlungen bei der Kriminalpolizei St.Gallen.

Serdar Günal Rütsche, Leiter Proaktive Ermittlungen bei der Kriminalpolizei St.Gallen.

Bild: PD

Polizei mit Millionen von Datensätzen konfrontiert

«Schon wenige Geräte generieren heute grosse Datenmengen. Diese übersteigen inzwischen die Terabyte-Dimension, also eine Billion Bytes – eine Zahl mit zwölf Nullen».

Bei Delikten sei allerdings nur ein Teil der Daten relevant, dieser müsse zuerst herausgefiltert werden. Günal Rütsche sagt:

«Wir werten heute sogar die Sensordaten von Roboter-Staubsaugern aus.»

Am Ende gehe es jedoch nicht ohne den Ermittler, der die Daten klassifiziere und einordne. «Klassische Einvernahmen und der Augenschein vor Ort werden durch künstliche Intelligenz nicht ersetzt.» Der 40-jährige St.Galler hat den Weg aus der IT-Branche zur Polizei gefunden, «ein ideales Profil für meine jetzige Tätigkeit. Wir brauchen Spezialisten mit IT-Affinität und kriminalistischer Erfahrung». Noch vor wenigen Jahren habe die Polizei bei Ermittlungen simple Daten von Kaba-Schlüsseln ausgewertet, um Verdächtige eingrenzen zu können. «Heute sehen wir uns bei ähnlichen Delikten mit mehreren Millionen Datensätzen konfrontiert, die wir auswerten müssen, wenn wir vor Gericht beweisen wollen, wo sich die Verdächtigen X und Y zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgehalten haben.»

Die Software «Watson» wurde ähnlich wie in Luzern auch im Kanton St.Gallen getestet, wird aber nicht vollumfänglich eingesetzt. «Wir behalten das Programm im Auge. Es bringt für unsere Anforderungen aber zu wenig Nutzen», sagt Günal Rütsche. Partiell werde es dennoch verwendet, «etwa, um Polizeiberichte gezielt nach dem Inhalt zu durchsuchen». Hier erbringe das Computerprogramm eine Rechercheleistung, zu der ein Mensch nicht fähig sei. «Watson» sei aber schwach bei weichen Faktoren, bei gewissen Auffälligkeiten, die einem erfahrenen Ermittler sofort ins Auge stechen. Die Software finde mehrere Nadeln im Heuhaufen, «es ist der Analytiker, der dann entscheidet, welche Nadel die richtige ist».

Die Kantonspolizei St.Gallen stellt hohe Anforderungen an ihre Mitarbeiter. In dringenden Fällen werden daher innert Tagesfrist Resultate verlangt – «dann wird alles andere zurückgestellt». Dafür gebe es Strukturen und Methoden, um die Daten für diesen Fall prioritär zu behandeln.

Cybercops und Analysten schwer zu finden

Günal Rütsche sagt:

«Wir brauchen für diese Auswertung schlaue Software, aber vor allem auch Spezialisten mit universitärem Wissen, die mit diesen Massendaten umgehen können.»

Gesucht seien auch Fachleute, die wissen, wie die Mobilfunk-Kommunikation funktioniert. «Wir suchen daher die Nähe zur Wissenschaft, die uns dieses Know-how vermitteln soll.» Diese Cybercops und Analysten seien allerdings schwer zu finden. Ausbildungen im Bereich Datenauswertung und Forensik gebe es erst an der HSR Hochschule für Technik Rapperswil oder der Uni Lausanne. Die Kantonspolizei St.Gallen schickt daher die Handvoll Spezialisten, die sich der Kanton leisten kann, auch ins Ausland.

Videoformate ohne menschliches Auge durchsuchen

Weil sich laut Günal Rütsche im Bereich Datenanalyse in der Schweiz wenig bewegt, startet der Kanton St.Gallen jetzt ein Pilotprojekt. «Nachdem wir die Speicherung der Daten und deren Übertragung im Griff haben, suchen wir nun mit Blick auf den ständig wachsenden Datenberg ein Tool, das wichtige Elemente in Videos erkennen kann», sagt Günal Rütsche. «Das kann eine oder es können mehrere Softwares sein.» Die Projektkosten sind noch offen: «Wir stehen erst am Anfang.» Derzeit würden die Anforderungen an die Industrie definiert, unter anderem geht es darum, standardisierte Videoformate ohne menschliches Auge zu durchsuchen.