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St.Galler Spital-Chef: «Erste Spitäler werden in zwei bis drei Jahren schliessen»

Die St.Galler Spitalverbunde wollen stationäre Betten nur noch an vier Standorten anbieten. Ohne diesen rigiden Einschnitt droht laut Verwaltungsratspräsident Felix Sennhauser ein Fiasko.
Interview: Silvan Lüchinger, Regula Weik
Felix Sennhauser ist skeptisch, wie offen die politisch Verantwortlichen für eine ostschweizweite Spitalplanung bereits sind. (Bild: Hanspeter Schiess)

Felix Sennhauser ist skeptisch, wie offen die politisch Verantwortlichen für eine ostschweizweite Spitalplanung bereits sind. (Bild: Hanspeter Schiess)

Felix Sennhauser, Sie waren bis Ende Juli am Universitäts-Kinderspital Zürich tätig. Kennen Sie die St.Galler Spitäler überhaupt?

Ich bin St.Galler. Ich gehöre seit zehn Jahren dem Verwaltungsrat der St.Galler Spitalverbunde an. Ich habe am Kantonsspital und am Ostschweizer Kinderspital gearbeitet. Ich war schon Patient im Kantonsspital. Das St. Galler Spitalwesen ist mir sehr gut bekannt.

Die Kritiker Ihrer Pläne werfen Ihnen vor, nur den Profit vor Augen zu haben.

Das ist ärgerlich. Treiber unseres Vorschlags sind nicht nur die Finanzen. Es ist vielmehr auch die zunehmende Spezialisierung der Ärzte, die wachsende Zahl ambulanter Eingriffe, der Zwang zu mehr Kooperationen. Dazu kommen der Fachkräftemangel sowie die medizinische und technologische Entwicklung. All dies hat dazu geführt, dass die Frage der künftigen Ausrichtung der St. Galler Spitäler dringlich ist.

Die Spitäler schreiben noch immer schwarze Zahlen. Ihr Vorschlag wird als Panikmache empfunden.

Ich verstehe diesen Vorwurf – aus Sicht des Bürgers. Wir müssen aber strategisch für morgen und übermorgen denken. Deshalb haben wir den Kanton rechtzeitig informiert: Wir laufen in ein Desaster hinein, wir müssen rasch handeln.

Ist das drohende Finanzdebakel nicht die Folge einer verfehlten kantonalen Spitalpolitik?

Die Situation hat sich durch die Tarifeingriffe des Bundes noch akzentuiert. Kosten und Preis stimmen ganz klar nicht mehr überein. Hinzu kommen Vorhalteleistungen, welche die Spitäler nicht refinanzieren können. Nehmen wir das Beispiel Notfall Wattwil: Im Jahresdurchschnitt sucht ihn ein Patient pro Nacht auf. Diese Rechnung geht unternehmerisch betrachtet nie und nimmer auf.

Die Not ist also nicht hausgemacht?

Betriebliche Optimierungen sind nötig. Die Spitäler sind gefordert, innerhalb der Leistungsaufträge noch mehr Netzwerke, noch mehr Leistungskonzentrationen, noch mehr Kooperationen anzugehen. Doch das wird nicht ausreichen. Es braucht auch Preisanpassungen.

Jetzt wollen Sie in fünf von neun Akutspitälern das stationäre Angebot aufheben. Damit erreichen Sie die Zielvorgabe?

Um ein Spital ökonomisch betreiben zu können, ist eine EBITDA-Marge von 10 Prozent notwendig. Wir nehmen an, dass wir mit dem Konzeptvorschlag eine Marge von 4 bis 5 Prozent erzielen können. Das Ziel werden wir nur mit zusätzlichen Massnahmen erreichen.

Geprüft wurde auch die Reduktion auf zwei Spitäler . . .

Wir kämen damit dem rein unternehmerischen Ziel näher. Aber das Risiko, dass die Bevölkerung relevante Verluste bei der innerkantonalen Versorgung hinnehmen müsste, ist zu gross.

Die 2014 beschlossenen Bauprojekte laufen – ausser in Altstätten. Begraben Sie die dortigen Pläne?

Wir werden die geplanten Arbeiten in Altstätten zum jetzigen Zeitpunkt kaum starten. Das ergibt keinen Sinn.

Bei welchen anderen Bauprojekten greifen Sie ein?

Wattwil wird nochmals überprüft und wo nötig angepasst. Der Vollausbau wird kaum so erfolgen, wie er geplant war –weil er nicht mehr nötig ist. Das gilt vor allem für den Operationsbereich. Abschliessend entschieden ist noch nichts.

Der Kanton hat also doch eine Milliarde in den Sand gesetzt?

Dieser Anwurf hat mich persönlich verletzt. Wer so polemisch politisiert, wird den Bürgerinnen und Bürgern nicht gerecht. Sie haben 2014 an der Urne 805 Millionen bewilligt. Davon brauchen wir 635 Millionen so oder anders, denn die Standorte St. Gallen, Grabs und Linth stehen nicht zur Debatte. Die restlichen Vorhaben sind jetzt zu diskutieren – Altstätten und der Vollausbau Wattwil. Zudem gewährt der Kanton nur Kredite, er bezahlt rein gar nichts.

Tatsache ist: Das Kantonsspital wird gestärkt auf Kosten der Regionen.

Das Gegenteil ist der Fall. Wir könnten heute in einzelnen Regionen gewisse Leistungen ohne Netzwerk und ohne Absicherung durch das Kantonsspital gar nicht mehr anbieten. Es braucht ein starkes Zentrumsspital, um die Regionalspitäler kompetent am Leben zu erhalten.

Wird das Richtige gebaut? Für ambulante Behandlungen braucht es doch keine so teure Infrastruktur?

Die teuren Investitionen an einem Spital sind für ambulante wie stationäre Behandlungen dieselben. Der Operationssaal für einen ambulanten Eingriff beispielsweise ist derselbe wie für einen stationären. Gefragt sind flexible Nutzung und rasche Anpassungsfähigkeit. Das ist nicht neu. Wenn die Spitäler nicht bereits seit Jahrzehnten flexibel wären, hätte bei jedem medizinischen Innovationsschub ein neues Haus gebaut werden müssen.

Werden wegen der finanziellen Probleme unnötige Eingriffe vorgenommen?

Ganz klar: Nein. Die Fallzahlen und damit die Behandlungsroutine sind ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Sie sind aber kein ökonomisches Heilmittel.

Bis die neue Spitalstrategie umgesetzt ist, dauert es womöglich Jahre. Sind die Spitäler dann nicht längst bankrott?

Das ist mir eine grosse Sorge. Die politischen Gremien haben uns ihre Fragen zum Grobkonzept zugestellt. Wenn ich sie anschaue, frage ich mich: Was bezwecken einzelne Fragen? Wollen die Fragesteller polemisieren? Wollen sie verzögern? Wollen sie verhindern? Die Entwicklung ist derart rasant, dass wir effektiv in Zeitnot geraten werden. Es ist nicht damit getan, die Defizite zu decken. Es braucht dringlich Leistungs- und Strukturanpassungen, wie von uns vorgeschlagen.

Müsste die Spitalplanung nicht ostschweizweit erfolgen?

Unternehmerisch und medizinisch wäre das sinnvoll und machbar. Wir, der Verwaltungsrat und die Spitalunternehmen, sind offen dafür. Ich bin allerdings skeptisch, wie offen die politisch Verantwortlichen für solche Ideen bereits sind. Manchmal denke ich, die Bürger seien weiter als gewisse Politiker.

Innerhoden hat erst kürzlich einen Spitalneubau beschlossen.

Der Entscheid ist zu respektieren. Materiell ist er unverständlich. Und er ist anachronistisch, wenn man schaut, was national und international läuft.

Wie viele Spitalbetten gibt es in zehn Jahren im Kanton St. Gallen noch?

Sicher weniger als heute. Eine genaue Zahl wäre Kaffeesatzlesen. Bevor wir Räume leerstehen lassen, müssen wir uns neue Nutzungen überlegen.

Wann wird das erste Spital im Kanton geschlossen?

Ich rechne, in zwei bis drei Jahren. Vielleicht auch schon früher. Aber: An diesen Spitälern wird das Angebot nicht auf null herabgefahren. Es wird primär keine stationären Betten mehr geben.

Kandidaten sind Flawil oder auch Rorschach?

Es kann sein, dass es in Rorschach oder Flawil schnell geht. Die beiden Spitäler waren nicht Teil der Abstimmung. Dort müssen wir einzig den Leistungsauftrag erfüllen können.

Der St. Galler Gesundheitschef Anton Grüninger wurde abgewählt, die Zürcherin Verena Diener hat Spitalschliessungen politisch überlebt. Wo liegt der Unterschied?

Die Kommunikation, die fundierte Überzeugungsarbeit ist das Zünglein an der Waage. Zudem ist die Zeit heute eine andere. Das Geld, ob in Form höherer Steuern oder Prämien, wird ebenfalls Wirkung zeigen.

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