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Interview

«Wir waren viel frecher»: Die ehemalige St.Galler Regierungsrätin Kathrin Hilber über den Frauenstreik 1991

Als 1991 Hunderttausende Frauen in der ganzen Schweiz streikten und demonstrierten, war Kathrin Hilber mittendrin. Vier Tage vor dem nächsten Frauenstreik sagt die ehemalige St.Galler SP-Regierungsrätin, was die Bewegung damals bewirkt hat – und was sich noch ändern muss.
Sina Bühler
Kathrin Hilber nahm am Frauenstreik 1991 in St.Gallen teil – fünf Jahre vor ihrer Wahl zur Regierungsrätin. (Bild: Samuel Schalch)

Kathrin Hilber nahm am Frauenstreik 1991 in St.Gallen teil – fünf Jahre vor ihrer Wahl zur Regierungsrätin. (Bild: Samuel Schalch)

Wie war das damals, am 14. Juni 1991 am Frauenstreik in St. Gallen?

Kathrin Hilber: Ich habe die sehr aufgeladene Stimmung in Erinnerung. Wir Frauen hatten seit 20 Jahren das Stimmrecht, seit 10 Jahren stand die Gleichberechtigung in der Verfassung. Aber das wurde nicht umgesetzt. Der Frauenstreik gab uns einen Riesenschub. Wir merkten einfach, wie viel Kraft da ist, wenn wir nicht alleine sind. Ich bin 1951 geboren, solche Bewegungen gehörten zu unserer Geschichte: 68, Kaiseraugst, die Friedensbewegung. Es war eine neue Form der Politik, von unten nach oben. Dieses Gefühl ist mir in bester Erinnerung.

Heute scheint die Bewegung sehr integrativ. War das 1991 auch so?

Nein, es war viel radikaler. Damals ging es um den Kampf für uns Frauen und gegen die Vorherrschaft des Mannes. Ich finde es richtig, dass das heute anders ist. Im System geht es nur vorwärts, wenn die Männer mitmachen.

Die Basis der Bewegung ist heute grösser. Damals ging der Streik vor allem von den Gewerkschaften aus, bürgerliche Frauen nahmen nicht teil. Heute sind die Frauen streikkollektive viel breiter ausgerichtet.

Diese Themen «gleiche Löhne, Sozialversicherungen, Rentenalter» sind überall angekommen. Und das ist für mich auch die Chance: So kann man das Thema nicht auf das Thema «Geschlecht» reduzieren und man muss es ernst nehmen. Es ist anerkannt, dass es sozial- und gesellschaftspolitisch um ganz wichtige Fragen geht.

Wie sind Sie damals zur Frauenbewegung gekommen?

Ich habe 1977 in Zürich studiert und die Frauenbewegung war zu jener Zeit zentral. Das war bevor ich der SP beitrat. Meine Sozialisierung geschah ausserhalb der Parteien, sie war eine Kampfansage. Wir wollten damals nicht gleich werden wie Männer, aber Gleichheit war zentral.

Am Frauenstreik 1991 war Kindererziehung genauso ein Thema wie herablassende Sprache gegenüber Frauen. (KEYSTONE/Str)

Am Frauenstreik 1991 war Kindererziehung genauso ein Thema wie herablassende Sprache gegenüber Frauen. (KEYSTONE/Str)

In den letzten 28 Jahren haben viele Frauen selbst geglaubt, die Zeit der Diskriminierung sei vorbei.

Viele junge Frauen sind sich gewohnt, dass sie auswählen können. Ich rege mich immer auf, wenn eine Frau bei der Heirat als erstes den Namen abgibt. Und wenn ich frage warum, lautet die Antwort: «Wir können halt wählen.» Wir konnten nicht wählen, da war es vielleicht auch lustvoller zu kämpfen. Mein Mann und ich haben 25 Jahre auf den Heiratstermin gewartet, weil vorher die Bedingungen und auch das Namensrecht nicht gerecht waren. Die Frauenbewegung war im letzten Jahrhundert die wichtigste Kraft für gesellschaftliche Veränderungen. Dazu gehört vor allem das neue Rollenverständnis von Frau und Mann, das wesentlich zur Demokratisierung in den Familien beigetragen hat. Darauf kann die Frauenbewegung stolz sein. Verpasst haben wir die Sensibilisierung der jungen Frauen für diese und weitere Themen.

Wieso ist die Streikfrage trotzdem wieder aufgeflammt?

Die heutige Generation junger Frauen wird wieder Mutter. Sie merken sofort, was das für eine Fessel ist: Sie sind gut ausgebildet, volkswirtschaftlich relevant. Die Chancengleichheit in der Bildung ist erreicht. Aber danach ist das System nicht parat, es gibt keine Anschlussfähigkeit. Die Erziehung der Kinder bleibt immer noch an den Frauen hängen. Und ich glaube auch, dass die AHV-Abstimmung dazu beigetragen hat. Diese Geschichte mit den 70 Franken-Zuschlag für die Rentenaltererhöhung. Dort ignorierte man einfach, dass es keine Lohngleichheit gibt.

Die Löhne waren schon 1991 ein zentraler Punkt des Frauenstreiks. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Die Löhne waren schon 1991 ein zentraler Punkt des Frauenstreiks. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Was hat der Frauenstreik 1991 erreicht?

Es kamen die Bundesrätinnen, die Nicht-Wahl von Christiane Brunner, die Wahl von Ruth Dreifuss. Frauen in der Politik – das war das Sichtbarste. Und dann die Mutterschaftsversicherung, das Gleichstellungsgesetz. Vielleicht auch, dass in der öffentlichen Hand die gleichen Löhne vermutlich umgesetzt sind.

Und die Sprache!

Ja, wir brauchten noch das grosse I als Irritation, und ich war als Lehrerin «das Fräulein Hilber» und nicht «Frau Hilber». Es ist vieles selbstverständlicher geworden, wer in einer Beiz nach dem Fräulein ruft, wird schräg angeschaut.

Was hat sich nicht verbessert?

Dass im Zweifel die Frau zurücksteckt. Das ist an die Löhne gebunden.

Seit 1996 gibt es das Gleichstellungsgesetz. Trotzdem wehren sich die Frauen selten gerichtlich für gleiche Löhne. Warum?

Sich wehren heisst, sich aussetzen, als aufmüpfig und unbequem zu gelten, nicht verstanden zu werden. Und allenfalls die Verliererin zu sein. Die Angst um den Job ist viel grösser. In den 80ern, 90ern konnten wir uns alles erlauben, wir waren viel frecher. Heute geht das nicht mehr.

Was wären politisch die Lösungen für Lohngleichheit?

Man muss es einfach machen! Und kontrollieren. Ein paar Leute finden, die Zivilcourage zeigen, und sich vor Gericht wehren. Die Gesetze stimmen, es geht wirklich nur um die Umsetzung. Vielleicht auch über Anreize, gute Beispiele auszeichnen. Oder dass Lohngleichheit bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand ein Kriterium ist.

Sind Quoten noch ein Thema?

Ja, in Parlamenten bin ich sehr für Quoten. Dass die Parteien sich das selber auferlegen, dass Frauen auf den Wahllisten vorne sind. In der Wirtschaft bin ich nicht dafür.

Warum nicht?

Quotenfrauen in Führungspositionen werden nicht ernst genommen. Sie stehen mehr unter Druck, weil sie auch gegen die Quotenvorwürfe ankämpfen müssen. Ich erwarte von Führungsgremien, dass sie wissen, dass geschlechterdurchmischte Gremien besser arbeiten.

Wie erreicht man es dann?

An der Schule für Sozialarbeit oder auch als Regierungsrätin in meinem Departement habe ich dafür gesorgt, dass es im Kader gleich viele Frauen wie Männer hat. Da habe ich einfach eine Frau gesucht und nochmals ausgeschrieben, wenn sich keine bewarb. Wenn man will, findet man sie, vielleicht nur nicht in der ersten Runde.

Das Problem ist vielleicht, dass zu wenig Frauen das heute entscheiden können. Dass es in St. Gallen nur eine einzige Regierungsrätin gibt.

Und keine in Ausserrhoden. Dafür drei im Thurgau. Die Parteien müssen Frauen aufbauen wollen. Eine Partei, die keine Frauen aufstellt, müsste sich hinterfragen und an sich zweifeln.

Freuen Sie sich auf den kommenden Freitag?

Sehr. Ich weiss noch nicht genau, was ich mache. Ich habe ab 10 Uhr keine Termine auf der Agenda. Ich lass es auf mich zukommen, wo ich hingehe. Es ist ja auch ein Moment, wo man sich wieder trifft und sich zurückerinnert.

St.Galler Polit-Pionierin

Kathrin Hilber war von 1996 bis 2012 Regierungsrätin in St. Gallen. Sie und Rita Roos wurden gleichzeitig gewählt und waren die ersten Frauen im Gremium. Fünf Jahre zuvor hielt Hilber am Frauenstreik in St. Gallen eine Rede zum Thema Frauen und Sozialversicherungen. Damals leitete sie als Rektorin die Höhere Fachschule für Sozialarbeit und vertrat die SP im Kantonsrat. Heute arbeitet die 68-Jährige als Mediatorin. (av)

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