«Wir stehen an einem kritischen Punkt»: Gesundheitsdirektor Bruno Damann ist alarmiert – denn bereits mit 11 Neuansteckungen stösst das Contact-Tracing im Kanton St.Gallen an seine Grenzen

In den Kantonen St.Gallen und Thurgau steigen die Coronafallzahlen wieder. Die Lungenliga St.Gallen-Appenzell, welche das Contact-Tracing für St.Gallen durchführt, ist bereits wieder ausgelastet. Derweil verweisen die Verkehrsbetriebe der Region bei der Umsetzung der Maskenpflicht auf die «Systemführer SBB und Postauto».

Noemi Heule
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Sollte es zu einem sogenannten Super-Spreader-Vorfall kommen, behält sich der Kanton vor, Clubs zu schliessen.

Sollte es zu einem sogenannten Super-Spreader-Vorfall kommen, behält sich der Kanton vor, Clubs zu schliessen.

Bild: Getty

Und plötzlich zeigt die Kurve wieder steil nach oben. Innert eines Tages sind im Kanton St.Gallen 11 Personen positiv auf Covid-19 getestet worden. Das sind mehr als doppelt so viele wie am Vortag. Schweizweit hat sich die Zahl der Fälle in der gleichen Zeitspanne mit 137 Neuansteckungen gar mehr als verdoppelt. Bruno Damann sagt:

«Wir stehen an einem kritischen Punkt.»
Bruno Damann, St.Galler Gesundheitsdirektor.

Bruno Damann, St.Galler Gesundheitsdirektor.

Bild: Anna Tina Eberhard

Zwar sei ein Anstieg zu erwarten gewesen, dennoch ist der St.Galler Gesundheitsdirektor alarmiert. Von einer zweiten Welle will er noch nicht sprechen. Allerdings:

«Sie könnte jeden Moment ausbrechen.»

Während der letzte grössere Anstieg vor zwei Wochen einer Grillparty geschuldet war, die Kantonsärztin sprach damals von einem lokalen «Mini­cluster», sind die neuerlichen Ansteckungen über den ganzen Kanton verteilt. Dies erschwert das Contact-­Tracing, das am Mittwoch erstmals von der Lungenliga St.Gallen-Appenzell durchgeführt wurde, welche diese Aufgabe vom Kanton übernahm.

Ein Erkrankter, bis zu 63 mögliche Infizierte

«Wir haben einen turbulenten Starttag erwischt», sagt Marc Philippe von der Lungenliga. Momentan sind vier Personen Vollzeit damit beschäftigt, die Kontakte nachzuverfolgen, um die Ansteckungskette zu unterbrechen, hinzu kommen zwölf externe Pflegefachpersonen, welche die hauseigenen Fachpersonen nach Möglichkeiten unterstützen.

Dieser Pool stösst mit den neuerlichen Ansteckungen bereits an seine Grenzen, denn die möglichen Ansteckungsketten können lang sein. Entsprechend variiert der Aufwand von Fall zu Fall. Während einige Erkrankte keinen näheren Kontakt ausserhalb des Familienkreises pflegten, kommen im Extremfall 63 Personen zusammen, welche den Virus nun möglicherweise in sich tragen.

«In diesem Fall ufert der Aufwand aus.»

Für Philippe ist deshalb klar: «Wir brauchen dauerhaft mehr Leute.» Die Rekrutierung laufe bereits auf Hochtouren. Die Lungenliga setze alles daran, das Contact-Tracing aufrechtzuerhalten.

Mit Ansteckungszahlen im tiefen zweistelligen Bereich stehe das Contact-Tracing bereits auf der Kippe, sagt Gesundheitsdirektor Damann. Dennoch betont auch er, dass man so lange wie möglich an der Massnahme festhalte. Der Kanton begann bereits zu Beginn der ersten Welle mit dem Contact-­Tracing, stellte es jedoch zu hoher Fallzahlen wieder ein. Damit steigt auch die Anzahl der Personen in ­Quarantäne. 150 Personen waren es noch am Dienstag, diese Zahl habe sich mit den Neuansteckungen wiederum vervielfacht.

Das Durchschnittsalter sinkt auf 40 Jahre

Urs Martin, Thurgauer Regierungsrat und Leiter des Fachstabes Pandemie.

Urs Martin, Thurgauer Regierungsrat und Leiter des Fachstabes Pandemie.

Bild: Andrea Stalder

In den Nachbarkantonen ist der Stand am Mittwoch weniger dramatisch. Dennoch steigen auch dort die Fälle wieder an. Der Kanton Appenzell Ausserrhoden blieb während vier Wochen von einer neuen Ansteckung verschont. Nun verzeichnet der Kanton vier Fälle innert Wochenfrist. Innerrhoden dagegen ist gemäss offiziellen Zahlen momentan coronafrei. Im Thurgau sind am Mittwoch drei neue Fälle hinzugekommen. Urs Martin, Regierungsrat und Leiter des Fachstabes Pandemie, sagt:

«Wir stehen an einem entscheidenden Punkt für den weiteren Verlauf der Pandemie.»

Mit den ansteigenden Fallzahlen werde auch das Contact-Tracing hochgefahren und intensiviert. Martin weist zudem noch auf eine andere Entwicklung hin. Das Virus habe vor allem jüngere Personen infiziert, das Durchschnittsalter betrage neu 40 Jahre.

Wo sich die Personen angesteckt haben, lassen die Verantwortlichen offen. Im Kanton St.Gallen sei es aber noch nicht zu einem sogenannten Superspreadervorfall gekommen, sagt Damann. Sollte sich dies ändern, behält sich die Regierung vor, einzelne Diskotheken oder Clubs zu schliessen oder notfalls gar Zusammenkünfte wieder weiter einzuschränken. Über konkrete Massnahmen werde am Wochenende an einer ausserordentlichen Regierungssitzung entschieden. Er sagt:

«Wir müssen nun aus den Erfahrungen lernen und umso schneller auf steigende Fallzahlen reagieren.»

Die Massnahmen müssten überdies regional gezielt eingesetzt werden statt rigoros über das ganze Land verteilt.

Wer setzt die Maskenpflicht durch?

Während derartige Einschränkungen nach Ende der ausserordentlichen Lage in der Kompetenz der Kantone liegen, nahm der Bund am Mittwoch das Zepter in Sachen ÖV in die Hand. Ab Montag gilt in öffentlichen Verkehrsmitteln landesweit Maskenpflicht.

Zur Umsetzung wollen sich Ostschweizer Verkehrsunternehmen noch nicht äussern. So verweist etwa die Thurbo Regionalbahn auf die «Systemführer SBB und Postauto», welche die Schutzkonzepte nun anpassen würden. «Daraus abgeleitet werden wir dann auch die Umsetzung vornehmen», sagt Sprecher Werner Fritschi.

Aktuell gelte weiterhin, dass die SBB und Postauto in Absprache mit dem Bund alle Massnahmen für Bahn-, Schiff und Busunternehmen verbindlich anordneten. Ähnlich äussern sich die Appenzeller Bahnen und die Verkehrsbetriebe St.Gallen. Sicher ist für deren Unternehmensleiter Ralf Eigenmann, dass nicht die Fahrerinnen und Fahrer im Bus «Polizist spielen» werden. Sie hätten genug damit zu tun, die Passagiere sicher durch den Verkehr zu ­transportieren.

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