Reportage

«Wir sind in einer Schockstarre» – wie man im Spital Altstätten mit der geplanten Schliessung umgeht

In neun Jahren soll das Spital Altstätten zumachen. Die Leitung befürchtet, dass das Personal schon früher davonläuft.

Katharina Brenner und Adrian Lemmenmeier
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Jeder macht sich Gedanken über die eigene Zukunft. Bilder von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Akutgeriatrie im Spital Altstätten. (Bilder: Ralph Ribi)

Jeder macht sich Gedanken über die eigene Zukunft. Bilder von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Akutgeriatrie im Spital Altstätten. (Bilder: Ralph Ribi)

Die Cafeteria des Spitals Altstätten ist kaum grösser als die Stube einer Landbeiz: knapp zehn Tische, geschmückt mit Blumen in lila Töpfen. Grüppchenweise sitzen Ärztinnen, Pfleger, Patienten beim Mittagessen. Die Stimmung ist familiär; die Frau an der Theke begrüsst eine Ärztin mit dem Vornamen. Auf einer Auslage sind Zeitungen aufgereiht. «Der Rheintaler» titelt: «Gemeinden, Personal und Linke kritisieren Spitalschliessungen».

Geschlossen werden soll auch das Spital Altstätten. Wie in Rorschach, Walenstadt, Flawil und Wattwil will die St.Galler Regierung hier die stationäre Abteilung zumachen; erhalten wird eine medizinische Grundversorgung mit Notfalldienst. 2028 soll der Prozess abgeschlossen sein. Zwar regt sich Widerstand. SP, Grüne und Personalverbände haben die Spitalstrategie der Regierung scharf kritisiert. Nun fordert auch die Stadt Altstätten Anpassungen. Doch die Zeichen stehen auf Schliessung. Wie gehen die Angestellten mit dieser Situation um?

Die grosse Sorge der Angestellten

Natürlich habe man mit diesem Entscheid gerechnet, sagt eine Frau in der Cafeteria. «Dennoch tut es weh.» Die Stimmung in der Belegschaft sei so schlecht wie noch nie. Ihre Kollegin sagt, viele Angestellten könnten die Hiobsbotschaft noch gar nicht fassen. «Wir sind in einer Schockstarre.» Man konzentriere sich jetzt erst einmal darauf, die tägliche Arbeit motiviert und gewissenhaft weiterzuführen. Dann aber werde sich wohl jeder Gedanken über die eigene Zukunft machen.

Diese liegt für die wenigsten in Altstätten. Heute arbeiten 306 Leute an diesem Landspital. Das entspricht 196 Vollzeitstellen. Das geplante Notfallzentrum aber ist auf 20 bis 25 Vollzeitstellen angelegt. Parallel zu den Schliessungen werden die verbleibenden Standorte im Kanton ausgebaut: die Spitäler St.Gallen, Uznach, Wil und Grabs. Letzteres gehört mit Walenstadt und Altstätten zur Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland. Insgesamt gehen in diesem Prozess gemäss Regierung 60 bis 70 Stellen verloren. Der Abbau soll weitgehend durch natürliche Abgänge wie Pensionierungen möglich sein. Dennoch: In Altstätten ist die Angst, den Job zu verlieren, bei manchen gross. Nicht unbedingt bei Ärzten und Pflegepersonal. Sie sind als spezialisierte Fachleute gesucht. Aber in anderen Bereichen. Eine Sekretärin Ende vierzig sagt, sie habe mit einer Umschulung begonnen. Eine andere hofft, sie werde am Spital Grabs weiterbeschäftigt. «Aber die Unsicherheit ist gross.»

Birgit Schwenk, Chefärztin Akutgeriatrie Spital Altstätten und Walenstadt (Bild: Ralph Ribi)

Birgit Schwenk, Chefärztin Akutgeriatrie Spital Altstätten und Walenstadt (Bild: Ralph Ribi)

Birgit Schwenk, Chefärztin und Departementsleiterin der Akutgeriatrie, hat Verständnis für diese Unsicherheit. Sie betont statt Ängsten aber Chancen. Bereits in der Fragerunde mit der Geschäftsleitung hätten die Mitarbeiter gefragt, wie sie helfen könnten. Diesen «Spirit» schätze sie sehr. Schwenk, 53, arbeitet seit zehn Jahren am Spital Altstätten. Die Mitarbeiter hätten schon viele Veränderungen mitgemacht. «Und jedes Mal haben sie konstruktiv reagiert. Auch jetzt.» Bereits vor 16 Jahren bangte die Rheintaler Bevölkerung um ihr Spital. Es regte sich massiver Widerstand gegen die Pläne des Spitalregion-Verwaltungsrats, aus dem Spital ein Zentrum für Altersmedizin zu machen. Altstätten behielt sein Akutspital, allerdings in abgespeckter Form: Die Gynäkologie wurde aufgehoben, nachts und an Wochenenden wird nicht mehr operiert.

Küchenpersonal rechnet mit Stellenabbau

Es sei viel zu früh zu sagen, wie viele Stellen abgebaut werden und in welchen Bereichen, sagt Christian Prasciolu, Leiter Unternehmensentwicklung der Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland. Prasciolu, Zweitagebart und kumpelhafter Beratertyp, sitzt im Stab der Geschäftsleitung. Auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt vieles offen ist: Wenn aus drei Standorten einer wird, dürften Küche, Wäscherei, Reinigung und Sekretariat kaum dreifach besetzt werden. Damit konfrontiert, sagt Prasciolu: «In manchen Bereichen werden wir weniger Personal brauchen.» Das weiss auch Thomas Recktenwald, Leiter Hotellerie am Spital Altstätten:

«Die Stimmung ist gedrückt. Aber jetzt haben wir wenigstens endlich Gewissheit.»

Die Unsicherheit in den letzten eineinhalb Jahren sei belastender gewesen. Recktenwald, 57, arbeitet seit zwölf Jahren in Altstätten. Die 28 Angestellten in der Küche bereiten nicht nur das Essen für das Spital zu, sondern auch für das benachbarte Pflegeheim und das Regionalgefängnis Altstätten. «Vielleicht werden in diesen Einrichtungen Mitarbeiter unserer Küche in Zukunft für die Verpflegung der Bewohner und Insassen benötigt», sagt Recktenwald.

Christian Prasciolu, Leiter Unternehmensentwicklung Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland (Bild: Ralph Ribi)

Christian Prasciolu, Leiter Unternehmensentwicklung Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland (Bild: Ralph Ribi)

Das Spital will für seine Angestellten da sein, mit «zahlreichen Massnahmen», so Prasciolu. «Wir haben Ansprechpartner auf allen Ebenen. Wir zeigen Perspektiven auf.» Für viele Mitarbeiter werde es in Grabs weitergehen. Unterstützung komme auch aus der Personalabteilung und die Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland arbeite mit einer Firma, die Mitarbeiterberatung durchführt, zusammen. Eine Massnahme betont Prasciolu besonders: «VRP on tour», der Besuch des Verwaltungsratspräsidenten in allen neun Spitälern. «Er wird auf die Fragen des Personals eingehen können.» Die drängendste Frage wird er kaum beantworten können: Werde ich meinen Job behalten?

Chefärztin Birgit Schwenk dürfte sich weniger Sorgen machen müssen um ihren Job. Die Akutgeriatrie kommt 30 Kilometer weiter südlich nach Grabs und wird dort ausgebaut. Es werde eine Herausforderung, zwei Teams zusammenzuführen, sagt Schwenk. «Und eine Chance.»

Wer verlässt das sinkende Schiff als Erstes?

Für Thorsten Meuthen, Leitender Arzt in der Inneren Medizin am Spital Altstätten, ist offen, wie es weitergeht. Er arbeitet seit zehn Jahren in Altstätten und lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in St.Gallen. Meuthen, 46, lobt die familiäre Atmosphäre im Landspital, anders als im grossen Betrieb des Kantonsspitals St.Gallen, wo er vorher war. «Ich möchte so lange wie möglich in Altstätten bleiben. Ich bin nicht wie der Kapitän der Costa Concordia, der das sinkende Schiff als Erster verlässt.» Dass sich Kollegen in dieser unsicheren Situation nach Jobs umsehen würden, verstehe er aber.

«Es herrscht Konsternierung. Einige Ärzte könnten in den nächsten Jahren Altstätten verlassen. Sie zu ersetzen, wird schwer. Es könnte gut sein, dass das Spital bereits in einigen Jahren schliessen muss, weil das Personal fehlt.»

Die grosse Sorge des CEO

Stefan Lichtensteiger ist der CEO der Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland. Er empfängt im Büro eines Verwaltungsgebäudes des Kantonsspitals im St.Galler Museumsquartier. Gut einmal die Woche sei er in St.Gallen, sagt Lichtensteiger. «Der Austausch mit anderen Spitalregionen wird immer wichtiger, besonders in der jetzigen Situation.» Im taubenblauen Anzug, die Beine überschlagen, die Finger ineinander verhakt, sitzt Lichtensteiger am Tisch. Seit zehn Jahren leitet er die Spitalregion.

Stefan Lichtensteiger, CEO Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland

Stefan Lichtensteiger, CEO Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland

Wie will der CEO verhindern, dass man das Spital Altstätten wegen Mangel an Fachpersonal früher als vorgesehen schliessen muss? «Das ist die grosse Sorge», sagt Lichtensteiger. «Wenn wir Altstätten schliessen müssen, bevor Grabs ausgebaut ist, verlieren wir Patienten an andere Spitäler.» Wie aber gibt man Angestellten eine Perspektive, wenn noch vieles unklar ist? Die Spitalstrategie ist in der Vernehmlassung, ein Parlamentsentscheid wird erst im Frühling erwartet. «Wir sind uns bewusst, dass wir der Politik nicht vorgreifen dürfen», sagt Lichtensteiger. «Wir verwenden die Strategie der Regierung nun als Arbeitshypothese, um darauf basierend Mitarbeitergespräche zu führen.» Man wolle den Leuten unter anderem zeigen, dass es im Kanton nach Umsetzung der Spitalstrategie kaum weniger Stellen in Spitälern geben werde. Sie seien einfach an anderen Orten als heute. Lichtensteiger geht davon aus, dass es im Hausdienst, der Hotellerie oder Administration weniger Stellen geben wird. Doch auch im Management seien Veränderungen denkbar.

In Bezug auf die Ausbildungsplätze legt sich Lichtensteiger nicht fest. Der Schweizerische Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner hat kritisiert, dass mit der Schliessung der Bettenstationen auch Ausbildungsplätze für das Pflegepersonal wegfallen. «Angefangene Ausbildungen sollen dort fertiggemacht werden können, wo sie begonnen wurden», sagt Lichtensteiger. Ob die jetzige Anzahl Ausbildungsplätze über den gesamten Kanton erhalten werden könne, werde man im Verlauf des Transformationsprozesses sehen.

Das Spital vor der Tür und zur Operation nach Heiden

Die Cafeteria leert sich inzwischen. Ein paar Frauen sagen, sie könnten sich kaum vorstellen, weit zu pendeln. «Wir sind hier verwurzelt», sagt eine von ihnen. Und nicht nur das Personal, auch die Bevölkerung hänge am Spital. Trotzdem dürfe man sich nichts vormachen, fügt eine andere hinzu.

«Viele sagen zwar, dass Altstätten ein Spital braucht, aber operieren lassen sie sich dann in der Hirslanden Klinik in Heiden.»

Die anderen am Tisch nicken zustimmend. Das hätten sie von Bekannten schon öfters gehört. Ein Spital als Aushängeschild und als grosser Arbeitgeber sei den Leuten trotzdem wichtig.

CEO Lichtensteiger wehrt sich gegen den Vorwurf, das Rheintal werde mit der Schliessung des Spitals abgehängt. «In der Schweiz neigt man dazu, Wohnortsnähe und Qualität zu verwechseln.» Die Bevölkerung habe ein legitimes Bedürfnis nach Grund- und Notfallversorgung in der Nähe. Das sei aber nach wie vor gewährleistet.

Eine Frau, die in der Pflege arbeitet, setzt sich zu den Frauen in der Cafeteria. Wie geht sie mit der angekündigten Spitalschliessung um? Sie legt die Gabel mit der aufgespiessten Nudel auf ihrem Teller ab. «Wir haben jahrzehntelang um dieses Spital gekämpft. Wir haben demonstriert. Aber jetzt, jetzt haben wir resigniert.» An ihrem Arbeitseinsatz ändere das nichts. «Wir sind trotzdem ganz für unsere Patienten da und machen weiter, so gut es geht.» Für die Frau wird das noch zwei Jahre lang gelten. Dann geht sie in Pension.