«Wir schauen, dass die Kinder nicht alles auseinandernehmen»: Wie eine Goldacher Familie den Corona-Alltag im 7. Stock eines Wohnblocks meistert

«Bleiben Sie zuhause!» Die bundesrätliche Weisung ist besonders für jene schwer einzuhalten, die in Wohnblöcken leben. Wenn dazu noch zwei Kinder Lärm machen, die Mutter hochschwanger ist, der Vater zur Covid-19-Risikogruppe gehört, ist die Ausnahmesituation besonders delikat. Ein Beispiel einer Familie aus Goldach. 

Ralf Streule
Hören
Drucken
Teilen
Fabio und Stefanie Borza mit ihren Söhnen Matteo (links) und Luca.

Fabio und Stefanie Borza mit ihren Söhnen Matteo (links) und Luca.

Bild: Ralf Streule

Es geht lebendig zu und her bei Borzas im siebten Stock. Der Fernseher läuft, der sechsjährige Matteo rennt im Kreis, Vater Fabio ist gerade von seiner Morgenschicht als Buchdrucker heimgekehrt. Die hochschwangere Mutter Stefanie hat den Zmittag weggeräumt, hebt den zweijährigen Luca hoch, setzt sich dann mit einem Seufzer aufs Sofa.

Alltag in einer Familie. Und halt doch ein etwas aussergewöhnlicher Alltag, seit das kleine Coronavirus die grosse Welt aus den Fugen gehoben hat. Die Empfehlung des Bundesrats, in diesen Tagen zu Hause zu bleiben, ist für Menschen in einem Wohnblock besonders schwierig einzuhalten. Das wissen Tausende Familien in der Schweiz, die irgendwo in einem fünften, siebten oder zehnten Stock wohnen. Das wissen eben auch Borzas in Goldach, die in einer von 44 Wohnungen in besagtem Block eingemietet sind. Und die stellvertretend für viele andere von den ungewöhnlichen Tagen auf Balkonien erzählen.

20 Minuten auf dem Spielplatz müssen reichen

Die Mutter zeigt auf den Fernseher und schmunzelt. «Der muss jetzt halt etwas öfters herhalten», sagt die 31-Jährige. Und manchmal gehe sie mit den Kindern halt doch nach draussen, für 20 Minuten, auf den Spielplatz unten vor dem Block. Wo die Kleinen aber sicherheitshalber nur mit den immer selben zwei, drei Gspändli spielen, und die Eltern sich höchstens aus der Distanz grüssen. Es ist ein ständiges Abwägen zwischen Vorsicht und Pragmatismus.

Ein bisschen Bewegung an der frischen Luft brauche es, sagt Stefanie Borza. Sie merke, dass der Bewegungsdrang ihres ältesten Sohnes grösser geworden ist, seit er nicht mehr in den Kindergarten gehen darf. Auch wenn Matteos Kindergärtnerin ihn immer wieder mit lustigen Videobotschaften, Chindi-Post und spannenden Aufgaben bei Laune halte, fehle halt doch eines: das Toben und Balgen mit Kindergartenfreunden. Darum, eben:

«Bevor die Kinder die Wohnung auseinandernehmen, müssen wir raus.»

Auch der Blick auf andere Spielplätze vor anderen Wohnblöcken in diesen Wochen zeigt: Da ist wenig Bewegung, die Leute sind diszipliniert, halten sich grundsätzlich ans Gebot. Und auch Borzas nehmen die Situation ernst, beim kurzen Fototermin in der Wohnung wird per Fusskick gegrüsst, die Kinder haben ihren Spass an der eigentlich ernsten Vorkehrung. 

Balkon mit Abendsonne: Stefanie und Fabio Borza mit ihren Kindern Luca und Matteo. Das dritte Kind folgt im April.

Balkon mit Abendsonne: Stefanie und Fabio Borza mit ihren Kindern Luca und Matteo. Das dritte Kind folgt im April.

Bild: Ralf Streule

«Die Geburt können wir nicht verschieben!»

Aussergewöhnlich ist die Situation für Borzas auch deshalb, weil die Geburt des dritten Kindes ansteht und hier viele Fragen offen sind. Vater Fabio darf bei der Geburt nach aktuellen Corona-Spitalregeln dabei sein, Besuch hingegen darf nicht empfangen werden. Doch wie werden die Kinder während dieser Zeit betreut? Die Grosseltern wolle man nur in äussersten Notfällen um Hilfe fragen, so die Eltern.

Über einen Brief des Spitals hätten sie kürzlich ziemlich lachen müssen, erzählt Stefanie Borza. Patientinnen und Patienten werden darin gebeten, Behandlungen möglichst auf später zu verschieben. «Das hier», sie zeigt auf den Bauch, «können wir nicht verschieben!».

Doch wie fühlt es sich an, sich in so unsicheren Zeiten auf eine Geburt vorzubereiten? Nicht anders, als bei den zwei Buben zuvor, sagt die Mutter. Die Vorfreude sei ungebrochen, Corona zum Trotz, auch wenn in der Planung etwas mehr Unabwägbarkeiten mitspielten. Sie ist nun immerhin froh, konnte sie ihre Arbeit in der Migros vergangene Woche schwangerschaftsbedingt niederlegen – das hat der Familie organisatorisch vieles erspart seit der Schulschliessung.

Dramatische Corona-Erfahrungen der Verwandten in Norditalien

Lange habe er und sein Arbeitsumfeld über Corona gelacht, sagt Vater Fabio Borza. Bei jedem Hüsteln sei ein dummer Spruch gefallen. Unterdessen wird im Druckereibetrieb in zwei Schichten gearbeitet, damit sich immer nur höchstens zwei Personen in einem Raum aufhalten. Der Ernst der Lage sei damit definitiv bei ihm angekommen, sagt der 35-Jährige. Dazu kam, dass sein Arzt kürzlich deutlich gemacht habe:

«Herr Borza, Sie gehören zur Risikogruppe!»

Fabio Borza hat ein Augenleiden, die Medikamente dagegen setzen die Aktivität seines Immunsystems herab. «Ich gehe weiterhin arbeiten, was bleibt mir anderes übrig», sagt Borza. Auch wenn sein Onkel aus Turin ihn immer wieder anflehe, zuhause zu bleiben. Jener Onkel habe die Tragik der Krankheit in Norditalien aus nächster Nähe miterlebt. Seine Frau steckt in Quarantäne, sein Schwiegervater ist an Covid-19 gestorben und seine Schwiegermutter liegt auf der Intensivstation. «Natürlich gibt einem das zu Denken», sagt Borza. Eine gänzliche nationale Ausgangssperre würde er begrüssen, auch aufgrund seiner gesundheitlichen Situation.

«Gibt's mehr Scheidungen oder Babys?»

Vergangene Woche wäre der Onkel aus Norditalien in Goldach an der Geburtstagsparty von Göttikind Matteo dabei gewesen. Im Sommer wären Borzas nach Italien zur Verwandtschaft gereist, um den jüngsten Nachwuchs vorzustellen. All diese Dinge werden nun per Videotelefonie erledigt. Fabio Borza sagt:

«Das ist kein Zustand. Dennoch haben wir die Lebensfreude nicht verloren.»

Den Humor haben sich Borzas ebenfalls erhalten. Die Mutter lacht über die Vorstellung einer strikten Ausgangssperre und fragt sich mit einem Schmunzeln: «Wird Corona mehr Scheidungen oder Babys hervorrufen?» Schliesslich komme man sich in Coronazeiten näher – könne sich auf engem Raum aber auch mal ziemlich auf die Nerven gehen. Und Fabio Borza stellt die Frage aller Coronafragen: «Weshalb um Himmels Willen brauchen derzeit alle so viel WC-Papier?»

Mehr zum Thema