Interview

«Wir müssen weg vom reinen Brodworscht-Image» — Die neue Olma-Direktorin Christine Bolt im Interview

Mit Christine Bolt steht erstmals eine Frau an der Spitze der Olma. Die neue Direktorin über virtuelle Messerundgänge und Sprungbretter.

Interview: Regula Weik
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«Es muss möglich sein, Traditionen zu modernisieren», sagt Christine Bolt.

«Es muss möglich sein, Traditionen zu modernisieren», sagt Christine Bolt.

Bild: Urs Bucher (St.Gallen, 16. März 2020)

Sie werden neue Olma-Direktorin zu einer Zeit, da Messen abgesagt werden. Fühlen Sie sich nun gleich als Krisenmanagerin?

Christine Bolt: Es ist eine extrem schwierige Situation. Immo-Messe und Offa sind abgesagt, zahlreiche Kongresse verschoben. Es wird einschneidend sein, ganz klar.

Ist die Olma gefährdet?

Das können wir derzeit nicht sagen. Ich hoffe es natürlich nicht.

Wie gesund sind die Olma Messen finanziell?

Es wird dieses Jahr sicher einen Einschnitt geben. Die Olma Messen stehen insgesamt auf sehr soliden Beinen. Ich habe bereits mit dem Verwaltungsrat geredet. Es wird auch Gespräche mit Banken geben. Die langfristigen Perspektiven sind solide.

Unabhängig vom Corona-Virus: Die Publikumsmessen stehen unter Druck, die Besucherzahlen brechen ein. Haben Sie ein Gegenrezept?

Es wäre vermessen zu sagen, ich hätte die Lösung. Früher wurde an Messen vor allem verkauft, heute hat eine Messe für Unternehmen eine ganz andere Rolle und Funktion.

Welche?

Die Chance der Messe ist die direkte Begegnung, der direkte Austausch. Sie wird auch künftig eine Ergänzung der digitalen Kanäle der Unternehmen sein.

Die Messen werden in der zunehmend digitalisierten Welt also überleben?

Viele Unternehmen haben heute nicht mehr direkten Kundenkontakt, an einer Messe können sie diesen pflegen, haben so direkte Rückmeldungen auf ihre Produkte und können umgekehrt auch direkt Rückfragen bei den Kunden stellen.

Weshalb sollen Besucher heute noch an eine Messe gehen?

Eine Messe ist ein Erlebnis und hat auch einen Unterhaltungscharakter. Weshalb gehe ich an eine Hochzeitsmesse? Oder an eine Ferienmesse, wenn ich jede Reise im Internet buchen kann? Die Menschen wollen sich an der Messe inspirieren lassen, sie entdecken womöglich etwas, das nicht kannten. Sie können etwas erleben, etwas ausprobieren, etwas berühren. All dies geht im Digitalen nicht.

Christine Bolt

Christine Bolt

Urs Bucher

Dann könnte das Corona-Virus sogar eine Chance für die Messen sein?

Wenn wir nun über Wochen nicht mehr unter Leute dürfen, wird das Bedürfnis uns zu sehen, uns zu begegnen riesig sein. Wir werden alle ein Manko an Begegnungen haben. Vor lauter Virtualität wird das Fassbare einen neuen Wert erhalten.

Die Besucher werden künftig also nicht zu Hause virtuell durch die Olma-Hallen schlendern?

Vielleicht ergibt es Sinn, dass wir beides haben. Vielleicht wird es eine App geben, mit der Besucher sich virtuell auf einen Messebesuch vorbereiten können. Wir müssen das Analoge und das Digitale verbinden.

Die Olma positioniert sich seit Jahren zwischen Tradition und Moderne. Wo sehen Sie die Olma heute?

Wir wollen «Neuland» bauen, so heisst das Hallenprojekt der Olma. Doch auch die Organisation und Institution soll zu neuen Ufern aufbrechen. Die Olma ist für Stadt und Region St.Gallen, für die ganze Ostschweiz sehr wichtig. Wir müssen alle vom reinen Brodworscht-Image wegkommen und uns als professionelle Messe- und Kongressstadt positionieren.

Wie viel Landwirtschaft wird künftig noch in der Olma stecken?

Die Olma hat als Messe einen landwirtschaftlichen Charakter und dies soll so bleiben. Aber, und das ist für mich kein Widerspruch: Es muss möglich sein, Traditionen zu erneuern. Sie sollen nicht verleugnet werden, aber es braucht subtil ein paar Schritte Richtung Modernisierung.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Scherzhaft sage ich jeweils: Ich schaffe alle Ehrendamen an der Eröffnung ab.

Eröffnung ist ein gutes Stichwort: Es wird immer schwieriger, Gastkantone zu finden.

Ziel muss sein, dass die Kantone darum buhlen, Gastkanton zu sein. Wir müssen attraktiv sein für Gastkantone wie für Aussteller. Konkrete Ideen dazu habe ich noch nicht.

Wie stark beeinflusst die Olma das Image von Stadt und Region?

An der Olma-Eröffnung schaut die ganze Schweiz nach St.Gallen. Das ist eine Riesenchance für die Ostschweiz. Die Olma ist zentral für die Wahrnehmung der ganzen Region.

Sie haben in den letzten Wochen politische Ämter angestrebt. Sind diese Ambitionen nun auf Eis gelegt?

Die Olma-Direktion ist für mich kein Sprungbrett, um in vier Jahren weg zu sein. Ein Engagement im Kantonsparlament kann ich mir weiterhin vorstellen.

Sie sind die erste Frau an der Spitze der Olma. Was wird sich ändern?

Es wird Veränderungen geben, aber nicht, weil ich eine Frau bin. Das hängt vom Typ ab, egal ob Mann oder Frau.

Sie haben den Hallen-Neubau erwähnt. Wie wichtig ist er für die Zukunft der Olma?

Sehr wichtig. Er ist der Treiber für die Veränderungen, die anstehen. Wir bauen die Halle aber nicht nur für die Olma, sondern für die ganze Region. Es ist ein klares Signal, dass wir an diese Region und an die Zukunft als Event- und Kongressstandort glauben. Was eine Bergbahn für eine Bergdestination ist, soll die Olma für die Ostschweiz sein: Treiberin für die touristische Entwicklung.

Die Nachfolge von Nicolo Paganini ist geklärt

Die 44-jährige Christine Bolt wird neue Olma-Direktorin. Der Verwaltungsrat der Genossenschaft Olma Messen St. Gallen wählte die stellvertretende Leiterin des «St. Galler Tagblatts» zur Nachfolgerin von Nicolo Paganini. Er gibt die operative Führung des Unternehmens auf Ende Monat ab. Er steht aber für Spezialaufgaben und die Einarbeitung der neuen Direktorin weiter zur Verfügung.

Christine Bolt tritt ihre Funktion spätestens auf 1. Oktober an. Bis zu ihrem Stellenantritt würden die Geschäfte durch Vizedirektor Adi Stuber geführt, heisst es in der Medienmitteilung der Olma Messen vom Montag. Und weiter: Christine Bolt übernehme das Unternehmen «in einer bedeutenden Phase», in der es darum gehe die eingeleitete strategische Weiterentwicklung umzusetzen.
Vor ihrer Tätigkeit bei CH Media war sie unter anderem Direktorin von Toggenburg Tourismus. Die gelernte Marketingplanerin und Verkaufsleiterin hat einen Master in Supervision und Coaching in Organisationen. Sie ist verheiratet und wohnt in Abtwil. (rw)