«Man muss sich fragen, inwiefern Suizidbeihilfe nicht letztlich die Solidarität der Gesellschaft mit Schwächeren unterwandert»

Ruth Baumann-Hölzle steht Suizidhilfeorganisationen kritisch gegenüber. Sie sagt, warum wir uns besser mit medizinischen Massnahmen im Sterbeprozess auseinandersetzen sollten, bevor wir krank werden.

Interview: Janina Gehrig
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Ruth Baumann-Hölzle, Theologin, Leiterin Institut Dialog Ethik.

Ruth Baumann-Hölzle, Theologin, Leiterin Institut Dialog Ethik.

Bild: Alex Spichale

Ist die Sterbehilfe Ausdruck unserer Lebensweise, alles bestimmen, wählen und bezahlen zu können?

Ruth Baumann-Hölzle: Das ist eine Haltungsfrage. Tatsächlich wird der Entscheid, dass das Leben sinnlos ist, in anderen Ländern teils weniger häufig gefällt. Man muss aber grundsätzlich zwischen Suizidbeihilfe und Sterbehilfe unterscheiden. Suizidbeihilfe ist Hilfe zur Selbsttötung. Hier geht es nicht nur um die Hilfe beim Sterben, sondern zum Sterben. Dass wir in der Schweiz dafür schon fast gewerbsmässige Suizidhilfeorganisationen haben, unterscheidet uns vom Ausland. Hilfe beim Sterben hingegen bedeutet, im Sterbeprozess oder schon vorher auf gewisse lebenserhaltende Massnahmen zu verzichten. In der Suizidbeihilfe geht es aber darum, dass der Mensch den Zeitpunkt des Sterbens absolut selber bestimmen will. Hier findet ein Wandel statt.

Wird heute das Selbstbestimmungsrecht höher gewichtet als das Tötungstabu?

Das ist grundsätzlich so. Jede medizinische Massnahme gilt als Körper- oder Integritätsverletzung. Deshalb braucht es die Einwilligung für eine medizinische Behandlung. Aus diesem Abwehrrecht resultiert die Freiheit zur Selbstschädigung und auch die Suizidbeihilfe, die jedoch uneigennützig sein muss. Wir haben keinen staatlichen Anspruch auf Suizidbeihilfe, nur Anspruch darauf, gefragt zu werden, ob man einen am Leben erhalten darf.

Könnte diese Freiheit Kranke auch unter Druck setzen, der Gesellschaft nicht weiter zur Last zu fallen?

Die Diskussion um Suizidbeihilfe enttabuisiert das Thema Suizid. Wir müssen uns fragen, ob und, wenn ja, welche Rolle die Suizidbeihilfe bei unserer hohen Suizidrate spielt. Und wir müssen uns fragen, welche Haltung eine Gesellschaft gegenüber kranken und leidenden Menschen entwickelt. Die Gefahr ist, dass Betroffene sich rechtfertigen müssen, warum sie denn noch am Leben sind, wenn doch die Möglichkeit besteht, effizient und kostensparend aus dem Leben zu scheiden.

Im Text oben entscheidet sich ein depressiver, halbseitig fast gelähmter Mensch, zu sterben. Ist es heikel, wenn die Suizidhilfe auch psychisch Kranken oder Dementen zugänglich gemacht wird?

Es gibt unzählige Lebenssituationen, in denen man sich die Frage stellen kann: Welchen Sinn macht das Leben noch? Mit solchen Beispielen nimmt man dem Suizid aber zunehmend die Tragik und präsentiert ihn als gute Lösung. Betroffen von einem Suizid ist nicht nur eine Einzelperson, sondern immer auch ein Umfeld. Was macht das mit dieser Frau, die ihren Onkel begleitet hat, und was heisst es letztlich für die Gesellschaft? Man muss sich fragen, inwiefern Suizidbeihilfe nicht letztlich die Solidarität der Gesellschaft mit Schwächeren unterwandert.

Der Ruf nach Suizidbeihilfe ist also nur ein Hilferuf. Man könnte den Leuten statt des sanften Todes ein besseres Leben ermöglichen?

Meistens. Es ist eine Illusion, Leiden und den Schmerz gänzlich vermeiden zu können. Diese Illusion kann zu einer gesellschaftlich gefährlichen Entwicklung führen.

Als lebenswert gälte dann nur noch, wer leistungsfähig ist?

Genau, und wer unabhängig ist und keine Kosten verursacht. Aber eine demente Person hat nicht per se eine schlechte Lebensqualität. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir nicht so unabhängig sind, wie wir glauben. Sehr vieles hängt von der Art der Betreuung ab, die wir einem kranken Menschen zur Verfügung stellen. Wir müssen uns mit der Endlichkeit befassen. Wenn wir mit unseren Nächsten nicht darüber sprechen, ob wir im Falle eines Unfalls oder einer Krankheit reanimiert oder palliativ behandelt werden wollen, dann kommen wir in sehr schwierige Situationen, in denen andere für uns stellvertretend entscheiden müssen.

Sie sind gegen aktive Sterbehilfe, bei der ein tödliches Medikament von einem Arzt abgegeben wird. Warum?

Damit würde das Verbot, zu töten, aufgeweicht. Das Tötungsverbot ist ein weltweit verbindliches Verbot. Es stellt sich die Frage, warum dieser weltweite Konsens zu Stande gekommen ist. Ich gehe davon aus, dass dies wohl deshalb der Fall ist, weil der Mensch mit der Möglichkeit der Tötung nicht umgehen kann. Diese führt immer dazu, dass auch Menschen getötet werden, die dies nicht wollen. Die Tötung wird dadurch als Mittel zum Zweck und zum einforderbaren Recht. Die zentrale Frage muss daher sein: Wie kann man in einer sehr stark ökonomisierten Gesellschaft den Lebensschutz von stark eingeschränkten oder abhängigen Menschen aufrechterhalten? Interessant ist: In der Coronapandemie haben wir das kurzfristige Überleben priorisiert. .

Hat Sie das überrascht?

Ja, denn es ist paradox und widerspricht eigentlich meiner Argumentation. Einerseits sind wir bereit, die Lebensqualität von alten und eingeschränkten Menschen massiv einzuschränken, ohne sie zu fragen, ob sie mit solchen Schutzmassnahmen überhaupt einverstanden sind. Gleichzeitig aber weiten wir die Suizidbeihilfe aus mit der Begründung der Lebensqualität von Menschen, deren Leben sich noch nicht dem Ende zuneigt.

Scheuen wir die Frage, wie viel ein Leben kosten darf?

Ja. Die Debatte um die Mittelverteilung und die Wirksamkeit, den Nutzen und die Kosten von medizinischen Massnahmen müssen wir führen. Wichtig ist aber, daran festzuhalten, dass menschliches Leben unabhängig von Fähigkeiten und Eigenschaften immer gleich wertvoll ist.

Was verstehen Sie unter würdevollem Sterben?

Es gibt keine objektiven Kriterien dafür. Sterben ist etwas sehr Persönliches. Die menschliche Zuwendung ist für mich aber eine Grundvoraussetzung für würdevolles Sterben. Man weiss auch, dass das Schmerzempfinden stark von der Betreuung abhängt. Ein sterbender Mensch sollte nicht allein gelassen werden – es sei denn, er will dies so. Viele Covidpatienten mussten allein ohne ihre Angehörigen sterben. Das ist hochproblematisch. Dass es in diesen Situationen genügend Schutzmaterial für die Angehörigen gibt, ist eine humane Verpflichtung.