Interview

«Wir müssen für Reiche attraktiver werden» – Beat Tinner will für die FDP in die St.Galler Regierung

Beat Tinner will für die Freisinnigen den zweiten Sitz in der St.Galler Regierung verteidigen. Der 48-Jährige spricht im Interview über die Finanzkraft des Kantons, über Frauenpower und Biedermänner.

Michael Genova und Regula Weik
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FDP-Regierungskandidat Beat Tinner im Interview.

FDP-Regierungskandidat Beat Tinner im Interview. 

Bilder: Hanspeter Schiess

22 Jahre Gemeindepräsident, 19 Jahre Kantonsrat. Was wären Sie geworden, wenn nicht Politiker?

Beat Tinner: Hmmm. Eine spannende Frage. Vermutlich wäre ich in der Bankenbranche geblieben. Da habe ich meine Ausbildung absolviert. Auf jeden Fall würde ich eine Aufgabe wahrnehmen, bei der ich mit Menschen zusammenarbeiten kann.

Nun wollen Sie Regierungsrat werden. Ihr Traumberuf?

Die Kindergärtnerin fragte uns damals nach unserm Traumberuf. Ich wollte Bundesrat werden. So wird es jedenfalls kolportiert. Bundesrat ist sicher nicht mein Ziel, aber heute ist es Regierungsrat.

Welches Ziel wollen Sie als Regierungsrat erreichen?

Den Kanton wirtschaftlich besser positionieren. Da haben wir Aufholbedarf, auch wenn mir Finanzchef Benedikt Würth widersprechen würde. Meine Vision ist die Unabhängigkeit des Kantons vom Finanzausgleich des Bundes.

Das erreichen Sie nicht über Nacht.

Das stimmt, aber in 10 bis 20 Jahren ist vieles möglich, wenn das Ziel konsequent und umfassend verfolgt wird.

Das müssen Sie erklären.

Finanzen und Raumplanung hängen stark zusammen. Wir müssen hinreichend Angebote für attraktive Wohnlagen und qualifizierte Arbeitsplätze ermöglichen, um die Finanzkraft zu stärken. Wir dürfen uns nicht nur auf verdichtete Bauweise und Innenentwicklung beschränken.

Also zahlungskräftige Steuerzahler in den Kanton locken?

Genau. Wir müssen auch grosszügige Grundstücke mit Blick auf den See oder die Berge im Angebot haben. Doch das hat einen Haken: Der Kanton St.Gallen ist für Gutverdienende steuerlich unattraktiv.

Sie fordern Steuererleichterungen für Reiche?

Wir müssen für Leute mit einem mittleren oder hohen Einkommen attraktiver werden. Bei den tieferen Einkommen und Familien sind wir es bereits.

Wo beginnt das?

Ab 150000 Franken Jahreseinkommen aufwärts.

Diese Forderung dürfte in weiten Teilen der Bevölkerung schlecht ankommen?

Das ist mir bewusst. In der Politik darf man nicht nur das machen, was vordergründig populär ist.

In der Session des Kantonsparlaments wollte die Junge SVP die Steuern senken. Die FDP wehrte sich dagegen. Das überrascht.

Sie können eine solche Forderung nicht derart kurzfristig und ohne vorgängige Diskussion in den Fraktionen in die Parlamentsdebatte einbringen. Da spielt die FDP bei aller Sympathie für das Anliegen nicht mit.

Sie sind ein Vertreter des ländlichen St.Gallen. Kürzlich wurden Sie als «Landei aus Wartau» bezeichnet.

Damit wird man mir nicht gerecht. Ich verleugne meine Herkunft und auch meine Bodenständigkeit nicht. Aber ich bin ein weltoffener Mensch und in vielen Bereichen wohl fortschrittlicher als vermutet.

Sie spielen auf Tunesien an, die Heimat Ihrer Frau?

Ich bin jedes Jahr mehrmals in unserem Ferienhaus in Hammamet. Das öffnet andere Blickwinkel. Und das hat mir in der Zeit als Präsident der Vereinigung der St.Galler Gemeindepräsidenten geholfen, wenn es um Integrationsfragen ging. Wichtig ist, dass wir den potenziellen Asylsuchenden vor Ort Arbeit ermöglichen.

Was haben Sie persönlich in Tunesien gelernt?

Gelassenheit.

Das Thema der Stunde ist das Klima. Wie klimafreundlich ist die FDP nach den Wahlen noch?

Wir tragen seit Jahren immer wieder Vorstösse zur Weiterentwicklung des öffentlichen Verkehrs mit. Die Mobilität darf aber nicht einseitig betrachtet werden. Wir brauchen in unserem Kanton ein austariertes Angebot von Bahn, Bus und Auto. In den urbanen Gebieten haben wir ein höheres Angebot an öffentlichen Verkehr als im ländlichen Raum. Im Rheintal etwa macht der Individualverkehr 67 Prozent aus.

Die Landbevölkerung soll also ruhig weiter Auto fahren?

Es ist schlicht nicht finanzierbar, für jeden Weiler im Kanton einen Halbstundentakt anzubieten.

Sie sind mit dem ÖV unterwegs?

Meistens. Aus Überzeugung und einem einfachen Grund: Im Zug kann ich arbeiten.

Beat Tinner

Skifahrer und Krimileser
Skifahrer und Krimileser

Die Lehre und die ersten Berufsjahre absolvierte Beat Tinner in der Bankenbranche. Dann folgte der Wechsel in die Politik. Seit 1997 ist er Gemeindepräsident von Wartau, seit 2000 Kantonsrat, seit 2017 Fraktionschef der FDP im Kantonsparlament. Von 2004 bis 2016 präsidierte er die Vereinigung der St.Galler Gemeindepräsidenten. Tinner ist 48 und mit einer Tunesierin verheiratet. Reisen zählt er zu seinen Hobbys. Er ist begeisterter Skifahrer, 20 bis 30 Tage ist er im Winter auf der Piste. Und wenn noch Zeit bleibt, vertieft er sich in einen Krimi. (rw) 

Braucht es höhere Benzinpreise?

Ich halte nicht viel davon, die Mobilität mit Strafzöllen einschränken oder regeln zu wollen. Eine Regelung wäre auch nicht einfach, ohne die ländliche Bevölkerung zu benachteiligen.

Steht den Grünen ein Sitz in der Regierung zu?

Nein.

Weshalb nicht?

Das sind meist Pendelbewegungen, vor vier Jahren schlug es auf die liberale Seite aus, jetzt nach grün-links.

CVP, SP und Grüne schicken Frauen ins Rennen. Sind Sie gerne Hahn im Korb?

Ja.

Sie sind parteiintern gegen eine Frau angetreten. Den FDP-Frauen steht kein Sitz in der Regierung zu?

Sie wollen wissen, ob ich ein Frauenverhinderer bin? Der Anteil an Kaderfrauen in der Gemeindeverwaltung von Wartau ist während meiner Zeit auf 50 Prozent gestiegen. Damit bin ich gut gefahren, auch im Gemeinderat.

Wie viele Frauen braucht es in der Regierung?

Das entscheidet das Volk.

Und wie viele Spitäler im Kanton?

Ich stehe hinter der Strategie der Regierung. Wir brauchen nicht mehr neun Spitalstandorte. Wir können diese gar nicht mehr finanzieren. Das A und O ist eine schnelle Rettungsorganisation im Notfall.

Wie bekommen wir die Gesundheitskosten in den Griff?

In Zukunft müssen noch mehr Patientinnen und Patienten ambulant behandelt werden. Und wir dürfen nicht bei jedem Wehwehchen gleich zum Arzt rennen.

Die Plafonierung der Kultur- ausgaben ist aufgehoben. Sogar Ihre Partei war dafür.

Wir setzen uns seit jeher für kulturelle Anliegen ein. Das liegt in der DNA der FDP. Ein Kanton St.Gallen ohne Theater wäre kein Kanton. Das gehört für mich dazu, wie auch die Tonhalle und Museen.

Wie oft sind Sie im Theater in St.Gallen?

Im Schnitt einmal pro Jahr. Wenn Sie im Werdenberg oder in Sargans zu Hause sind, gehen sie eher nach Zürich als nach St.Gallen. Wenn ich im Ausland bin, etwa in Wien oder Prag, besuche ich gerne klassische Konzerte.

Ihnen haftet das Image eines biederen Politikers an. Ärgert Sie das?

Ich wundere mich schon über solche Etiketten. Wer mich kennt oder kennen möchte, dürfte ein anderes Bild haben.

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