«Wir müssen zeigen, was wir haben»

Die Regierungen der Ostschweizer Expo-Kantone haben am Donnerstag das Siegerprojekt für die Landesausstellung präsentiert. Politiker, Umweltschützer und Kulturschaffende in der Ostschweiz und im benachbarten Ausland reagieren wohlwollend, aber auch kritisch.

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Visualisierung eines Landschaftsraums des Siegerprojekts «Expedition 27». (Bild: pd)

Visualisierung eines Landschaftsraums des Siegerprojekts «Expedition 27». (Bild: pd)

Mit ihrem Entschluss, die nächste Schweizerische Landesausstellung auszurichten, haben die Ostschweizer Kantone Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Thurgau ein selbstbewusstes und mutiges Statement abgegeben. Die Umsetzung eines Vorhabens in dieser Grössenordnung mit diesem Renommée stellt eine grosse Herausforderung dar, finanziell ebenso wie in organisatorischer und logistischer Hinsicht. Lebensraum, Landschaft und Ressourcen und unsere Verantwortung, damit sorgsam und schonend umzugehen: Mit Blick auf die inhaltliche Konzeption wäre ein Gelingen des visionären Kraftakts äusserst wünschenswert für die gesamte Region. So liesse sich im Rahmen der Schau etwa auch die stark ausgeprägte grenzüberschreitende Kooperation im Bodenseeraum zum Thema machen. Beim Projekt Expo 2027 handelt es sich damit um eine grosse Chance. Den beteiligten Kantonen wünsche ich auf dem Weg zur Landesausstellung die nötige Hartnäckigkeit und die erforderliche Ausdauer. Zur gelungenen inhaltlichen Schwerpunktsetzung gratuliere ich herzlich.

Mit ihren Landesausstellungen schafft die Schweiz seit dem Jahr 1883 für jede Generation einen einzigartigen Rahmen, um über die Identität der Eidgenossenschaft und über aktuelle politische, wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Fragen zu reflektieren. Die Expo 2027 in der Region Bodensee-Ostschweiz macht deutlich, dass die Schweiz sich selbst mehr denn je als international vernetztes Land begreift. Als Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg und diesjähriger Vorsitzender der Internationalen Bodensee Konferenz begrüsse ich ausdrücklich die Absicht der Trägerkantone, die Bodensee-Anrainer in die Konzeption der Landesausstellung einzubeziehen. Dieser grenzübergreifende Ansatz ermöglicht es Baden-Württemberg, Bayern, Vorarlberg und dem Fürstentum Liechtenstein, einen konkreten Beitrag zur erfolgreichen Realisierung der Expo 2027 zu leisten. Der Bodensee wird damit abermals zum zentralen Verbindungselement und definiert die angrenzenden Länder und Kantone als einen gewachsenen und zusammengehörenden Lebens-, Natur- und Kulturraum. Darüber hinaus hat die Landesausstellung das Potenzial, die internationale Wirtschaftsregion Bodensee als Modellregion für nachhaltige und intelligente Entwicklung zu präsentieren und die herausragende Innovations- und Wirtschaftskraft der Region widerzuspiegeln.

Das ist eine riesige Chance, unsere vielfältige Region von Boden- bis Walensee, vom Rheintal bis zum Untersee einem enorm grossen Kreis von Besuchern bekannt zu machen. Dazu zählt nicht nur die Schweiz, nicht nur das benachbarte Ausland, sondern die ganze Welt. Und es ist eine riesige Chance, unsere Zurückhaltung abzulegen. Denn bei diesem Projekt können wir unser Licht nicht unter den Scheffel stellen. Wir müssen alles zeigen, was wir haben. Und es zwingt uns, zusammenzurücken – auch dort, wo wir das bisher nicht getan haben. Denn ein derart grosses Projekt schaffen wir nur gemeinsam. Diese gewaltige Chance für die Ostschweiz müssen wir packen. Wir werden lernen, dass wir überhaupt keinen Grund haben, uns klein zu machen. Ich wünsche mir deshalb nur eines: dass wir uns gemeinsam auf diese Expedition ins Jahr 2027 begeben. Wir müssen diesen Mut, diese Risikobereitschaft aufbringen. Damit können wir Werte schaffen, die weit über die Expo hinaus Bestand haben werden.

Auf den ersten Blick scheint die Idee der «Expedition 2027» reizvoll zu sein. Beim heutigen Stand der Information ist jedoch noch nicht erkennbar, was neben den drei Hauptorten Romanshorn, Winkeln und Säntis geschehen soll und was die Rolle der anderen Orte am See und in der Ostschweiz sein könnte. Wäre das – jetzt viertplazierte – Projekt La Suisse Orientale gewählt worden, wäre Kreuzlingen die Hauptrolle mit einer grossen Seebühne zugekommen. Jetzt soll Kreuzlingen ein «Satellit» oder «Einstiegsort» sein. Wir werden sehen, was damit gemeint ist – und was wir daraus machen können.

Die Idee einer Erzählungs-Rundreise mit dem Zug finde ich schön. Andererseits widerstrebt mir die Expo als eine von aussen, sprich Zürich, diktierte Riesenkiste, statt dass mit Institutionen und Kulturschaffenden von hier gearbeitet wird. Viele Leute an vielen Orten in der Ostschweiz sind bemüht, das kulturelle Leben in Gang zu halten. So poetisch das Expo-Projekt klingt und so nachhaltig es sein soll, stelle ich mir ausserdem die Frage nach der Dringlichkeit und dem Sinn des Ganzen. Mit Blick auf Mailand sind Zweifel berechtigt: Da lautete das Thema «Ernährung», und dann standen Nestlé und Syngenta als Sponsoren dahinter. Und doch habe ich die Hoffnung, dass die tollen Visionen auch Chancen und Möglichkeiten bedeuten können für Ostschweizer Künstler und Veranstaltungsräume. So richtig lässt sich das heute noch nicht beurteilen.

Noch ist die Expo 2027 eine Idee, ein Konzept – und kein konkretes Projekt. Es ist daher heute schwierig zu beurteilen, ob sie ihren Anspruch, nachhaltig zu sein, dannzumal tatsächlich wird einlösen können. Grundsätzlich ist es aber schön, dass die Landschaft ins Zentrum gerückt wird – und ihr nicht etwas übergestülpt wird. Die Ostschweiz bietet zwischen Bodensee und Säntis Landschaft und Natur, von deren Schönheit die Ostschweizer selber oft nicht, oder nur wenig Kenntnis haben. Der Landschaftsansatz der Expo birgt eine Gefahr: Bestimmte Natur- und Landschaftsschutzgebiete müssen geschont werden. Ob sie überhaupt gefährdet wären, wissen wir heute noch nicht. Es ist verfrüht, konkret etwas dazu zu sagen.

Es ist sehr erfreulich, dass der Oberthurgau eine derart wichtige Rolle im Expo-Konzept spielt. Dass Romanshorn eine besondere Bedeutung zukommt, bietet sich auf Grund seiner geographischen Lage an. Das muss uns in Arbon nicht neidisch machen. Was Romanshorn nützt, nützt dem ganzen Oberthurgau. Auch Arbon wird Teil der Expo sein. Unsere Stadt hat grosse freie Flächen, die wir als Arteplages für die Landesausstellung einbringen wollen. Die Oberthurgauer Gemeinden sind bereit für die Expo. Ich freue mich über dieses Konzept und freue mich darauf, bei der Umsetzung zu helfen. Wenn alles gut geht, werde ich die Planungen für die Expo bis zum Schluss begleiten und die Eröffnung der Landesausstellung noch in meiner aktiven Amtszeit erleben können.

Grundsätzlich ist diese «Expedition 27» eine grossartige Zukunftsvision, die ohne Wenn und Aber, also ohne Zwänge und dafür mit grossen Freiheiten realisiert werden sollte. Das Konzept wirkt nicht abgehoben und legt eine sinnvolle Basis. Wenn diese Vision dereinst ästhetische Formen annimmt, ist es für mich als Vertreter einer Institution entscheidend, dass Überlappungen und Partizipationen mit bestehenden Häusern möglich sind. Dies gerade auch wegen der nachhaltigen Strukturen, die bleiben sollen. Demnach wäre an dem als «Küste» bezeichneten Seeufer nach der Rolle etwa der Kunsthalle Arbon zu fragen, und in St. Gallen-Winkeln läge der Einbezug des Sitterwerks nahe, es ist geographisch prädestiniert. Schliesslich sollte bei diesem Aufbruch ab 2020 der Bildenden Kunst auch als historisches Gedächtnis der St. Galler Stickereiblüte ebenso wie unserer Jetztzeit, die sozial, ökonomisch und gesellschaftlich viel erreicht hat, bedacht werden.

Aufgezeichnet: mel, rw, ar, wid

Markus Wallner (pd) (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

Markus Wallner (pd) (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

Winfried Kretschmann, Ministerpraesident des Landes Baden-Wuerttemberg spricht anlaesslich in einer oeffentlichen Veranstaltung am 28. internationalen Europa Forum Luzern, am Montag, 27. April 2015, im KKL in Luzern. Bundespraesidentin Simonetta Sommaruga, die die Sicht des Bundesrates darlegen wird, setzt in ihrem Praesidialjahr einen Akzent auf die direkte Demokratie. Winfried Kretschmann, Ministerpraesident des Landes Baden-Wuerttemberg, hat mit seiner Regierung einen Aufbruch fuer mehr Buergerbeteiligung und direkte Demokratie gewagt. Im Anschluss an die Keynotes debattieren auf dem hochrangig besetzten Podium Persoenlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. (KEYSTONE/Anthony Anex) (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

Winfried Kretschmann, Ministerpraesident des Landes Baden-Wuerttemberg spricht anlaesslich in einer oeffentlichen Veranstaltung am 28. internationalen Europa Forum Luzern, am Montag, 27. April 2015, im KKL in Luzern. Bundespraesidentin Simonetta Sommaruga, die die Sicht des Bundesrates darlegen wird, setzt in ihrem Praesidialjahr einen Akzent auf die direkte Demokratie. Winfried Kretschmann, Ministerpraesident des Landes Baden-Wuerttemberg, hat mit seiner Regierung einen Aufbruch fuer mehr Buergerbeteiligung und direkte Demokratie gewagt. Im Anschluss an die Keynotes debattieren auf dem hochrangig besetzten Podium Persoenlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. (KEYSTONE/Anthony Anex) (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

Portrait von Freddy Geiger. 30.04.2011 Bild: Urs Jaudas (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

Portrait von Freddy Geiger. 30.04.2011 Bild: Urs Jaudas (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

Kreuzlingen TG - Der amtierende Stadtammann Andreas Netzle an der Pressekonferenz zum Wahlauftakt des Kreuzlinger Stadtrates und des Stadtammanns. (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

Kreuzlingen TG - Der amtierende Stadtammann Andreas Netzle an der Pressekonferenz zum Wahlauftakt des Kreuzlinger Stadtrates und des Stadtammanns. (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

St. Gallen - Lika Nüssli - Illustratorin, Comiczeichnerin, Künstlerin. Ein Porträt anlässlich ihrer Ausstellung im Architekturforum Ostschweiz (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

St. Gallen - Lika Nüssli - Illustratorin, Comiczeichnerin, Künstlerin. Ein Porträt anlässlich ihrer Ausstellung im Architekturforum Ostschweiz (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

Martin Zimmermann (pd) (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

Martin Zimmermann (pd) (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

Arbon TG , 14.12.2014 / People - Geschichten, Korbball Turnier Arbon . Roman Fuchs und Stadtammann Arbon Andreas Balg . (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

Arbon TG , 14.12.2014 / People - Geschichten, Korbball Turnier Arbon . Roman Fuchs und Stadtammann Arbon Andreas Balg . (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

OaS Lokremise 1000 Tage , St. Gallen, People (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)

OaS Lokremise 1000 Tage , St. Gallen, People (Bild: Roland Wäspe Direktor Kunstmuseum St. Gallen)