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Wir haben uns auf die Suche nach dem seltenen Auerhuhn gemacht

Das Auerhuhn ist anspruchsvoll und scheu. Der Kanton St. Gallen unterstützt die geschützte Art in ihrem Lebensraum. Die aktuelle Bestandsaufnahme geht von 70 bis 90 Individuen aus. Wir gingen auf die Suche.
Katharina Brenner
Wildhüter Urs Büchler und seine Hündin Luna im Auerhuhngebiet. (Bild: Sabrina Stübi)

Wildhüter Urs Büchler und seine Hündin Luna im Auerhuhngebiet. (Bild: Sabrina Stübi)

Luna hat sich gerade noch im dreckigen Schnee gewälzt, jetzt steht sie auf, schüttelt sich und hört in den Wald hinein. Eine Tannenmeise singt ihr helles Lied. Neben Luna, einer Bayerischen Gebirgsschweisshündin, steht in Wanderschuhen Urs Büchler, Wildhüter im oberen Toggenburg und Neckertal. Was passiert, wenn Luna ein Auerhuhn findet? Büchler reisst die Augen auf streckt die Arme durch. «Dann würde sie mich ansehen und fragen: Darf ich?» Aber Jagdhündin Luna würde nicht dürfen. Auerhühner sind stark gefährdet. Sie stehen unter Schutz – weil ihr Lebensraum ­zurückgeht, weil Wälder zu eintönig geworden sind, weil sie von Wanderern, Skifahrern und Ornithologen gestört werden. Noch gut 1000 Auerhühner ­leben in der Schweiz. Die aktuelle Bestandsschätzung des Kantons St. Gallen geht von 70 bis 90 Individuen aus. Viele sind das nicht, die Population gilt aber als stabil.

Der Weg ins Auerhuhngebiet führt bergauf. Luna geht voraus, Büchler hinterher; die hellgrünen Triebe der Heidelbeeren federn bei jedem seiner Schritte nach. Wo sie wachsen, bleibt geheim. Das passt zu den «heimlichen Tieren», wie Büchler sie nennt. Weil Auerhühner sehr scheu sind, möchte der Wildhüter nicht verraten, in welchem Gebiet die meisten von ihnen im Kanton leben – aus Angst, dass Fotografen sie suchen und vertreiben könnten. Mit dem Foto eines Auerhahns kann man Kollegen beeindrucken. Die langen Schwanzfedern der männlichen Vögel formen aufgefächert ein schwarzes Rad, ihre Hälse glänzen metallig grün, über dem Auge tragen sie Rot. Auerhähne sind mit einer Länge von fast einem Meter die grössten Raufusshühner. Die Weibchen, die Auerhennen, sind kleiner und weniger auffällig. Ihr braun-weiss geschecktes Gefieder ist die perfekte Tarnung auf dem Waldboden.

(Bild: Sabrina Stübi)

(Bild: Sabrina Stübi)

Positives Denken scheint zu helfen

«Die Chancen, dass wir ein Auerhuhn sehen, liegen bei 50 Prozent», sagt Büchler zu Beginn der Suche. Das klingt nicht schlecht; für Optimisten sogar ziemlich gut. Worauf gilt es zu achten? «Auf die Losung.» Losung – das klingt nach schicksalhafter Fügung, positivem Denken, mehr als 50 Prozent, ganz klar. Doch diese Assoziationen schafft Büchler mit seiner Übersetzung aus der Waidmannssprache sogleich aus der Welt: «Losung heisst Kot.» Der Boden rund um den Stamm einer Weisstanne ist gesäumt von den Würstchen, sechs bis sieben Zentimeter lang. «Ein Äsungsbaum, ein Baum, auf dem Auerhühner Nadeln fressen», erklärt Büchler. Ein Blick nach oben – kein Huhn in Sicht. Liegt unter einem Baum nur an einer Stelle Losung, handelt es sich um einen Schlafbaum. Die Bestandsschätzung des Kantons St. Gallen beruht auf Genanalysen gesammelten Auerhuhnkots. Daraus lässt sich ablesen, wie sich die Zahl der Tiere verändert hat, wer mit wem verwandt ist und wer wie weit gewandert sein muss.

Luna und Büchler gehen weiter bergauf. Plötzlich bleibt der Wildhüter ­stehen. Er atmet tief ein. «Es schmeckt nach Auerhuhn», sagt er und reibt dabei Daumen und Zeigefinger, als würde sich der Duft erst dadurch richtig entfalten. Ein Duft von Tannennadeln, modrigem Laub und Moos. «Wenn ich sage, es schmecke nach Auerhuhn, meine ich aber eigentlich, was ich sehe», sagt Büchler. Sieht er etwa ein Auerhuhn? Hat sein geübter Blick längst erspäht, was dem Laien verborgen bleibt? Ist der Laubhaufen da drüben eine Henne? Aber warum suhlt sich Luna dann wieder im Schneematsch, statt «darf ich?» zu betteln? Weil auch Büchler kein Auerhuhn sieht. Er sieht licht angeordnete Tannen und Buchen und Heidelbeersträucher, deren Nadeln und Knospen Auerhühner gern fressen. Er sieht, wie die Sonne goldene Flecken auf den Waldboden sprenkelt. «Dieses Umfeld ist perfekt für Auerhühner.» Das meint Büchler, wenn er vom Geschmack der Auerhühner spricht.

Spektakuläres Schauspiel am frühen Morgen

Diese lichten Stellen sind neben Wild­ruhezonen eine der Massnahmen des Kantons zum Schutz von Auerhühnern. Forstbetriebe haben Bäume gefällt, damit mehr Licht auf den Boden fällt und Heidelbeeren gedeihen. Ausserdem dienen die lichten Stellen den Vögeln als Anflugschneisen. Auerhühner seien die anspruchsvollsten Tiere in seinem Gebiet, sagt Büchler. Wo sie leben, fühlen sich auch andere anspruchsvolle Tiere wie Sperlingskauze, Dreizehenspechte und Waldschnepfen wohl. Nach einem etwas dichteren Waldstück erreichen Luna und Büchler eine ovale lichte Fläche, ringsum Tannen, Buchen, Heidelbeeren. Es schmeckt nach Auerhuhn. «Ein Balzplatz», sagt Büchler. Der wissenschaftliche Name des Auerhuhns lautet Tetrao urogallus. Schnell schleicht sich ein Tippfehler ein; das «a» rutscht nach vorne und bildet Teatro urogallus – das Urhahnschauspiel. Jede Aufführung eine Uraufführung, keine wie die andere. Termine sind jedes Jahr im März und April, in den frühen Morgenstunden, lange bevor es hell wird. Büchler hat schon mehrere dieser Inszenierungen gesehen. Er hat Laute gehört, «die in Schriftzeichen überhaupt nicht wiedergegeben werden können», wie der Zoologe Alfred Edmund Brehm Ende des 19. Jahrhunderts schrieb. Das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft hat es hundert Jahre später in einer Broschüre versucht: «tet-telep, tetelep, tetelep, telep, telep, telep telep, pop, tschi-teschi-te-schi-te-schi». Die Hähne geben erst kehlige Laute von sich, es folgt das Wetzen, ein schleifendes Geräusch. Nach diesem Auftakt kommen sie aus den Bäumen hinunter auf den Balzplatz, in die Arena. «Dabei geht es richtig zur Sache», meint Büchler. In seinem Gebiet treten zwei oder drei Hähne gegeneinander an. In Skandinavien sind es bis zu acht. Dort leben viele Auerhühner; die Vögel mögen es kalt, sogar ihre Zehen sind mit Federn bedeckt. Im Kampf springen sich die Hähne mit ihren scharfen Zehen an, Federn fliegen. Das Publikum sind die Auerhennen. Sie picken am Rand der Waldarena vor sich hin. Und paaren sich mit dem Gewinner.

Nicht ohne Grund zieht die Auerhuhnbalz Schaulustige an. Die «Berliner Morgenpost» hat es kürzlich sogar als «beliebtes Schauspiel in der Schweiz» bezeichnet, Wildhühner beim Sex zu ­beobachten. Unter dem Titel «Schwere Zeiten für Wildhuhn-Voyeure» ging es um eine geplante Änderung in der Jagdverordnung des Kantons Zug, die das gezielte Beobachten von Raufusshühnern verbieten will. Die diesjährige Balzzeit ist vorbei. Auch dafür hat Wildhüter Büchler den passenden Waidmannsspruch parat: «Buchlaub raus, Balzzeit aus.» Im Juni schlüpfen dann die ­Jun- gen – bereits mit fertigem Federkleid. Es ist so schön, wozu am Anfang darauf verzichten?

Unter jungen Fichten fühlen sich Hennen wohl

Mittlerweile führt der Weg bergab, der Bärlauch riecht streng. Unten, am Ende dieses Waldstücks, steht das Auto. Die Chancen, ein Auerhuhn zu sehen, schwinden. Oder sind sie gerade jetzt am grössten? Büchler sagt, es sei hier schon öfters vorgekommen, dass eine Auerhenne abgeflogen sei. Unter den jungen Fichten würden sich die Vögel besonders wohl fühlen. Luna gleitet geschwind durch die Zwischenräume der Bäume hindurch – leider ohne aufzuhorchen, ohne innezuhalten. Und schon wartet Luna vor dem Auto, bis Büchler den Kofferraum öffnet und sie hineinspringt.

Unterwegs hat der Wildhüter eine Geschichte erzählt: Vor ein paar Jahren habe er den Kantonsoberförster durchs Auerhuhngebiet geführt. Es sei damals um die Bewilligung von Geldern gegangen, um Schutzmassnahmen für Auerhühner. «Wir waren gerade aus dem Auto gestiegen, da stand schon das erste Auerhuhn im Wald, weiter oben das zweite.» Vier Auerhühner hätten sie an diesem Tag gesehen. Als würden die heimlichen Tiere ganz genau wissen, wann es sich lohnt, sich zu zeigen.

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