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«Wir fühlen uns nicht als Influencer»: Die St.Galler Social-Media-Polizisten über ihren neuen Job

Roger Spirig und Thomas Christen sind seit Anfang März Social-Media-Polizisten. Im Interview sprechen sie über die Verlagerung vom Stammtisch zu Instagram und erklären, warum sie sich selbst beim Schiessen filmen.
Luca Ghiselli
Roger Spirig (links) und Thomas Christen sind seit drei Wochen für die St.Galler Stadtpolizei in den sozialen Medien im Einsatz. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo, 20. März 2019)

Roger Spirig (links) und Thomas Christen sind seit drei Wochen für die St.Galler Stadtpolizei in den sozialen Medien im Einsatz. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo, 20. März 2019)

Von aussen betrachtet wirken sie wie ganz normale Polizisten: Thomas Christen und Roger Spirig tragen Uniform und Dienstwaffe wie die meisten anderen Korpsmitglieder der St.Galler Stadtpolizei auch. Seit Anfang März haben die zwei Quartierpolizisten aber eine zusätzliche Aufgabe: Sie sind nun auch Social-Media-Polizisten, betreuen personalisierte Facebook- und Instagram-Kanäle. Dort nehmen sie ihre Follower mit zu Einsätzen, gewähren Einblicke in die tägliche Arbeit und haben ein offenes Ohr für die Bevölkerung.

Wie fühlt man sich als Influencer?

Thomas Christen: (lacht) Ich fühle mich nicht anders als vorher. Es hat sich auch nicht wahnsinnig viel geändert. Wir machen unseren Job genau gleich in den Quartieren. Und wenn wir etwas Spannendes zum Schreiben haben, dann machen wir das. Aber als Influencer fühle ich mich nicht.

Trotzdem: Das Ziel der Social-Media-Polizisten ist doch, die Polizei über diese Kanäle persönlicher und nahbarer zu machen. Da stehen Sie ziemlich im Schaufenster.

Roger Spirig: Bei mir hat das schon vorher angefangen. Ich war 2017 Olma-Botschafter, aus diesem Anlass haben wir einen kurzen Video gedreht. Der Film landete dann auf Youtube und Facebook. Die Signalwirkung war riesig.

Wie hat sich das geäussert?

Spirig: Ich habe zahlreiche Reaktionen von Nachbarn und Bekannten an meinem Wohnort erhalten. Beim Einkaufen zum Beispiel. Mit der neuen Aufgabe ist das nicht weniger geworden, da kommen viele Reaktionen.

Christen: Das ist bei mir ähnlich. Mir ist einfach wichtig, dass die Stadtpolizei im Zentrum steht und nicht ich als Person. Das ist aber auch immer eine Schwierigkeit – die Leute auf der Strasse nehmen natürlich zuerst die Person wahr.

Wie wird man denn Social-Media-Polizist? Hat Sie die Kommunikationsabteilung dazu verdonnert?

Christen: Überhaupt nicht, im Gegenteil! Als ich vor zweieinhalb Jahren in Winkeln gewählt wurde, habe ich im Alltag schnell gemerkt, dass der Quartierpolizist eben nicht mehr das ist, was er früher war.

Wie meinen Sie das?

Christen: Wenn ich morgens um 7 Uhr auf die Strasse gegangen bin, hat niemand mit mir geredet. Die Leute haben Kopfhörer in den Ohren, sind gestresst. Am Mittag wollen sie möglichst schnell nach Hause zu ihren Familien, am Abend ins Training.

Die Gesellschaft ist in den Stadtquartieren anonymer als früher.

Christen: Genau. Und die Uniform wirkt zusätzlich abschreckend. Deshalb bin ich auf die Kommunikationsabteilung zugegangen und habe Interesse bekundet, etwas im Social-Media-Bereich machen zu wollen. Der persönliche Kontakt ist immer noch der beste Kontakt. Wir wollen aber für möglichst viele Personen niederschwellig erreichbar sein. Dafür sind soziale Medien ideal.

Spirig: Früher ging der Quartierpolizist hauptsächlich an den Stammtisch, um zum Beispiel präventiv zu wirken und den Puls der Bevölkerung zu fühlen. Heute findet dieser Vorgang auch in den sozialen Medien statt. Das heisst aber nicht, dass wir nicht mehr auf der Strasse unterwegs sind.

Sie teilen auf Ihren Profilen auch mal etwas Lockeres. So weiss Ihre Community jetzt, dass Sie einen Meter Bier im Büro haben.

Spirig: (lacht) Ja! Wir wollen möglichst authentisch von uns berichten. Den Meter Bier hat ein Quartierpolizist von einem Bürger geschenkt bekommen, und der steht jetzt halt immer noch im Büro.

Sie sind jetzt seit drei Wochen in einem Zehn-Prozent-Pensum neben Ihrer Tätigkeit als Quartierpolizisten auch Social-Media-Polizisten für die ganze Stadt. Wie sind die ersten Reaktionen ausgefallen?

Christen: Es ist eigentlich alles positiv. Das hat mich schon überrascht. Ich hätte gedacht, dass auch Kommentare unter der Gürtellinie kommen. Vor einigen Tagen habe ich zum Beispiel einen Beitrag über Parkbussen veröffentlicht. Da ging ich schon davon aus, dass auch Negatives kommt, à la: «Haben die nichts Besseres zu tun?» Bisher blieben solche Stimmen aber aus.

Spirig: Ich habe vor einigen Tagen das Video von Thomas geteilt, das ihn im technisch-taktischen Kurs beim Schiesstraining zeigt. Da fand dann einer meiner privaten Facebook-Freunde, wir seien Revolverhelden und wir sollen das nicht zur Schau stellen. Zu erklären, dass das Training mit der Waffe wichtig ist, ist auch Teil unserer neuen Aufgabe.

Erhalten Sie auch Hinweise aus der Bevölkerung zu mutmasslichen Straftaten?

Spirig: Ja, aber aus der ganzen Schweiz! Eine Frau zum Beispiel, die vom Skitag mit dem Car nach Hause fuhr und einen lauten Knall hörte. Sie fragte, was das war. Und ich konnte sie dann darüber aufklären, dass das wohl nur Fehlzündungen des Motors und nicht etwa Schüsse waren.

Christen: Oder es kommen Fragen zur Polizeischule von Personen, die sich für den Beruf interessieren.

Als Social-Media-Polizisten sind Sie potenziell immer erreichbar. Fällt es da schwer, nach Feierabend das Smartphone auch mal wegzulegen?

Spirig: Es ist wie mit einem neuen Auto (lacht). Wenn man es erst seit kurzem hat, nutzt man es öfter und probiert viel aus. Aber ich denke, das wird sich einpendeln.

Christen: Zuhause haben meine Frau und ich die strikte Regel, dass wir das Smartphone weglegen, wenn wir etwas unternehmen oder uns unterhalten. Da ziehe ich die Grenze.

Im Notfall gilt immer noch: 117 wählen.

Christen: Genau. Wir sollten nicht das Gefühl haben, ständig erreichbar sein zu müssen. Das Privatleben sollte nicht unter der Funktion leiden.

Und wissen Sie schon, was Sie als nächstes posten?

Spirig: Ja, wir haben einen Redaktionsplan. Davon ausgenommen sind aber grössere Ereignisse, die spannend für unsere Community sind. Da gehen wir vor Ort, helfen in der ersten Chaos-Phase als normale Polizisten mit und machen dann unsere Facebook- und Instagram-Beiträge.

Zu den Personen

Thomas Christen ist seit bald 16 Jahren Stadtpolizist. Nach der Polizeischule leistete er sieben Jahre Sektionsdienst, anschliessend wechselte er in die Abteilung Kommunikationstechnologie. Seit zweieinhalb Jahren ist Christen Quartierpolizist in Winkeln. Er ist unter @staposgchristen auf Instagram und «Stadtpolizist Thomas Christen» auf Facebook.

Roger Spirig schloss 2006 die Polizeischule ab und blieb neun Jahre im Korps der Stadtpolizei, bevor er einen Abstecher in die Privatwirtschaft wagte. 2015 kehrte er zur Stadtpolizei zurück und amtet seither als Quartierpolizist für Nord-Ost, Süd-Ost und Heiligkreuz. Er ist unter @staposgspirig auf Instagram und «Stadtpolizist Roger Spirig» auf Facebook. (ghi)

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