Eidgenössische Truppen belagern im Jahr 1490 die Stadt St.Gallen: Ausschnitt aus einer Illustration in der Luzerner Chronik von Diebold Schilling, 1513. (ZHB Luzern, Sondersammlung. Eigentum: Korporation Luzern)

Eidgenössische Truppen belagern im Jahr 1490 die Stadt St.Gallen: Ausschnitt aus einer Illustration in der Luzerner Chronik von Diebold Schilling, 1513. (ZHB Luzern, Sondersammlung. Eigentum: Korporation Luzern)

Wir feiern unsere Eroberer: Wie die Ostschweiz in die Hände der Eidgenossen geriet

Von wegen «ein einig Volk»: Die heutige Ostschweiz hatte im Mittelalter ein angespanntes Verhältnis zu den Eidgenossen.
Sie belagerten die Stadt St.Gallen und eroberten den Thurgau.

Adrian Vögele
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Bloss nicht zu genau hinschauen: Am 1.August drückt die Schweiz ganz gern ein Auge zu und ­vermeidet einen scharfen Blick hinter die Kulissen ihres Nationalfeiertags. Huch, der Bundesbrief mit Datum 1291 war gar nicht der Grundstein der Eidgenossenschaft, nicht der absolute Ursprung von Freiheit und Unabhängigkeit, sondern ein eher unbedeutendes Stück Pergament? Der Rütlischwur: Eine unbelegte Legende, die dann im 19. Jahrhundert mit anderen Erzählungen und Fakten in denselben Topf geworfen und zur Schweizer Gründungs-Sauce aufgekocht wurde? Ach was! Die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft wedelt man in diesen Tagen lieber weg wie lästige Mücken. Und überhaupt: Warum soll ein Nationalfeiertag nicht auf Mythen beruhen dürfen?

Dabei hätte gerade die Ostschweiz allen Grund dazu, das Haar in dieser Ursuppe zu suchen. Leicht beunruhigend ist ja schon das Gerücht, die Figur des Vogts Gessler aus der Tell-Geschichte könnte auf einem Thurgauer Vorbild basieren. Bewiesen ist das nicht. Aber es führt auf die richtige Fährte. Denn wenn wir ehrlich sind, dann waren diese vielbesungenen Vorgänge am Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts primär eine Innerschweizer Angelegenheit. Und es war nicht so, dass die Eidgenossen danach als Heilsbringer auszogen, mit Freiheit und Frieden im Gepäck. Sie betrieben Machtpolitik, genau wie ihre Gegner. Die Bevölkerung im Osten bekam das schmerzhaft zu spüren.

Krieg am Bodensee und der Untergang von Weesen

Die Atmosphäre damals war unheilschwanger, darin liegen die Legenden richtig. 1291 starb König Rudolf von Habsburg und hinterliess ein Machtvakuum. Was in den Innerschweizer Tälern Unruhe auslöste, stellte sich für die Bürger der Stadt St.Gallen zunächst als Vorteil heraus: Abt Wilhelm von Montfort, einst von König Rudolf vertrieben, konnte nach St.Gallen zurückkehren. Noch im selben Jahr garantierte er den Bürgern der Stadt mehr Unabhängigkeit vom Kloster und eine Reihe neuer Rechte. Zum Beispiel: Bei Auseinandersetzungen um Güter darf kein fremder Richter das Urteil sprechen. Moment mal: Fremde Richter? Hat da jemand aus dem berühmten Bundesbrief abgeschrieben? Ausgeschlossen. Die Innerschweizer Bündnisse werden in St.Gallen kaum jemanden interessiert haben, falls man überhaupt davon wusste. Die Stadt war wirtschaftlich und politisch vor allem auf den Bodenseeraum ausgerichtet.

Die St.Galler «Handfeste» von 1291 – eine Art Stadtverfassung, die der Abt des Klosters zugunsten der Bürger ausstellte. (StadtASG, Tr. IV A, 2a)

Die St.Galler «Handfeste» von 1291 – eine Art Stadtverfassung, die der Abt des Klosters zugunsten der Bürger ausstellte. (StadtASG, Tr. IV A, 2a)

Und in diesem Gebiet wurde es sogleich ungemütlich: Der St.Galler Abt, seinerseits nicht unbedingt ein Friedensapostel, zog im Herbst 1291 mit dem Bischof von Konstanz gegen Habsburg in den Kampf. Der Konflikt breitete sich bis ins Rheintal aus. Hart traf es auch die Appenzeller: Ihr Land, das zum Kloster St.Gallen gehörte, wurde verwüstet.

Auch die Eidgenossen, man weiss es, gerieten mit den Habsburgern bald aneinander – Stichwort Morgarten. Wer nun die Guten und wer die Bösen waren, ist eine Frage der Perspektive. Das Städtchen Weesen beispielsweise scheint in den folgenden Jahrzehnten unter habsburgischer Herrschaft nicht allzu schlecht gelebt zu haben. Es erlangte schrittweise einige Privilegien, etwa Steuerfreiheit und ein gewisses Mass an Selbstverwaltung. Dann kam das Jahr 1386 – und die Eidgenossen, siegestrunken von der Schlacht bei Sempach, unterwarfen und besetzten den Ort. Zwei Jahre später rächten sich die Habsburger und brachten in der «Mordnacht von Weesen» viele der ­Besatzer um. Die eidgenössische Seite setzte sich am Ende aber durch. Das Resultat: Die Stadt wurde niedergebrannt, ihr Wiederaufbau verboten. Auf diese «Einschweizerung» hätte der durchschnittliche Weesner damals wohl gerne verzichtet.

Eidgenössische «Langfinger» plagen den Thurgau

Schlecht erging es auch dem Thurgau, der ein Untertanengebiet der Habsburger war. Nachdem Thurgauer Adlige in der Schlacht am Stoss (1405) auf habsburgischer Seite gekämpft und verloren hatten, folgte die Retourkutsche: Die Appenzeller überzogen den Thurgau mit Krieg. Nur wenige Jahrzehnte später rückten die Eidgenossen an, die ihre Macht in Richtung Bodensee erweitern wollten. Sie nahmen sich das Gebiet mit Gewalt. Ab 1460 regierten im Thurgau Landvögte aus Uri, Schwyz oder Zürich – vom einheimischen Volk als «Langfinger» beschimpft, weil sie ständig Geld eintrieben.

In den Raum des heutigen Kantons St.Gallen breiteten sich die Eidgenossen im 15. Jahrhundert ebenfalls mehr und mehr aus, vor allem mit Herrschaftskäufen, Verträgen und geschickter Diplomatie. Sie scheinen das regionale Recht meist geachtet zu haben, aber trotzdem: Sie kamen «als Herren, nicht als Genossen oder gar Befreier», wie es in der Kantonsgeschichte von 2003 heisst. Als im Jahr 1489 Stadtsanktgaller, Rheintaler und Appenzeller aufmüpfig wurden und sich mit dem «Rorschacher Klosterbruch» gegen den Einfluss des St.Galler Klosters wehrten, zeigte die Eidgenossenschaft die Zähne: Sie entsandte Truppen und belagerte die Stadt St.Gallen (siehe Bild oben). Viel gekämpft wurde nicht, die Aufständischen ergaben sich.

Die Freiheit des Einzelnen kam erst nach 1800

Ziemlich düster und ernüchternd, das alles. Wann also wurde denn die Ostschweiz endlich frei? 1803, mit der Gründung der Kantone St.Gallen und Thurgau? Klar ist, dass seither die ganze Region ein gleichberechtigter Teil der Eidgenossenschaft ist. Die Rechte des Einzelnen sind ein anderes Thema. Wo bleiben die Ostschweizer Freiheitskämpfer? Gab es sie überhaupt? Der St.Galler «Kantonsgründer» Karl Müller-Friedberg zählt sicher nicht dazu – er war eine autoritäre Figur und misstraute dem Volk. Nach der Julirevolution 1830 wurde er gestürzt. Sein Widersacher Gallus Jakob Baumgartner weibelte für eine liberale Kantonsverfassung, driftete später aber selber ins konservative Lager ab. Zum nationalen Vorreiter schwang sich der Thurgau auf: Der Weinfelder Pfarrer Thomas Bornhauser löste eine Demokratiebewegung aus, die auf andere Kantone übergriff – ein Meilenstein auf dem Weg zum modernen Bundesstaat. Gewiss: Diese Politiker, Publizisten und Denker des 19. Jahrhunderts taugen nicht so recht als Helden. Dennoch: Wenn jemand unsere heutige Freiheit erfunden hat, dann sie. Darauf könnte man am 1.-August-Feuer ruhig einmal anstossen. Ohne dass Tell und seine legendären Mitstreiter zu Schaden kommen.