WinterWunderLand
«Mehr Schnee als jetzt gab es erst einmal in der Geschichte» – Die Ostschweiz im Taumel zwischen Wintermärchen und Lawinengefahr

Seit 14 Jahren hat es nicht mehr so viel geschneit. Doch auf das Wintermärchen, das die Ostschweiz derzeit schreibt, blicken Lawinenexperten mit Sorge.

Viola Priss
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So wunderschön und so rekordverdächtig ist der derzeitige Schneefall in der Ostschweiz.

So wunderschön und so rekordverdächtig ist der derzeitige Schneefall in der Ostschweiz.

Bild: Arthur Gamsa

«So viel Schnee gab's das letzte Mal als ich ein Kind war», ruft man sich diese Woche von der einen schneeummauerten Strassenseite zur anderen Seite zu. Der Fussgängerstreifen dazwischen ist nicht mehr sichtbar. Wer derzeit die Strasse in St.Gallen überqueren will, braucht schon ein wenig Kreativität und Mut.

Die Schneemengen der zweiten Kalenderwoche brechen im Vergleich zu den Vorjahren Rekorde, sagt Ludwig Z'graggen, Meteorologe der MeteoSchweiz. Im Flachland fielen zum Teil über 40 Zentimeter, in den Bergen sogar 60 bis 80 Zentimeter. Die Freitagsmessung um 7.30 Uhr in der Stadt St.Gallen ergab fast einen halben Meter - mehr gab es hier nur ein einziges Mal:

Ludwig Z'graggen, Meteorologe MeteoSchweiz

Ludwig Z'graggen, Meteorologe MeteoSchweiz

Bild: PD
«41 Zentimeter in 24 Stunden, getoppt wurde dieser Wert, seit Beginn der Aufzeichnungen, nur einmal: 2006.»

Richtig schön und richtig gefährlich

Der Schnee überraschte die Ostschweiz, nicht aber die Meteorologen. Z'graggen erinnert, dass die Winter der letzten Jahre aufgrund der Westlage, des Föhns und des milden Einflusses aus Südeuropa aussergewöhnlich mild verlaufen seien. «Wir haben jetzt viel Schnee. Aber es gab früher viel, viel kältere Winter und viel, viel mehr Schnee.»

Am Samstag pausiere Frau Holle. In der Höhe dürfe mit sonnigem Wetter gerechnet werden, während es im Mittelland neblig bleibe. Sonntag käme dann erneuter Pulverschnee hinzu, die freitägliche rekordverdächtige Marke von 41 Zentimeter würde aber, nach Einschätzung des Meteorologen, nicht mehr geknackt:

«Dem Schnee geht es ab Dienstag, Mittwoch an den Kragen.»

Insbesondere im Rheintal und Appenzellerland werde der Föhn deutlich mildere Luft bringen. Kommt mit den schmelzenden Massen dann auch die Lawinengefahr – wie zuletzt 2019 auf der Schwägalp? Damals ging eine Lawine von rund 300 Metern Breite und fünf Metern Höhe auf das Hotel und Restaurant der Schwägalp nieder – völlig überraschend für die Gäste. In der Ostschweiz ist die Lawinengefahr aktuell, Freitag, verbreitet «gross» (Stufe 4 von 5), in den Voralpen ist sie «erheblich» (Stufe 3 von 5)», sagt Christine Pielmeier, Lawinenexpertin vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos.

Christine Pielmeier, Mitarbeiterin WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF)

Christine Pielmeier, Mitarbeiterin WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF)

Bild: Kilian J. Kessler

Heikle Lawinensituation

Die Skipisten der Ostschweiz seien zwar geöffnet und damit für sicher befunden. Abseits der Pisten besteht aber laut Lagebulletin des SLF vom Freitag eine «sehr gefährliche Lawinensituation», sagt Pielmeier.

«Im gesamten Touren- und Variantengelände ist die Lawinengefahr sehr gross.»

Auch wenn am Samstag der Schneefall pausiere, bliebe der Schneesport abseits der Pisten eine ausgesprochen heikle Angelegenheit. Die Gefahr von Spontanlawinen ist derzeit gegeben. Wie sich die Situation wo weiterentwickelt, kann nur von Tag zu Tag neu eingeschätzt werden. Ein wenig Entwarnung kann Pielmeier aber geben: «Sonntag wird erneut etwas Neuschnee erwartet, die spontane Lawinenaktivität wird aber abnehmen.»

Dienstag geht es dem Schnee an den Kragen

Ob der Traum in Weiss ein Hinweis auf normalisierte Klimaverhältnisse sei? «Klima ist nie zu verwechseln mit Wetter. Das ist alles in Relation zu betrachten, so einfach ist das leider nicht.» Möglicherweise erinnere die derzeitige Pulverpracht dennoch daran, wie ein richtiger Ostschweizer Winter sein sollte – wie im Märchen.

Verschneiten Wald nicht betreten

Das St. Galler Forstamt ruft dazu auf, Wald und  Bäume derzeit zu meiden, da derzeit eine grosse Gefahr von abbrechenden Ästen und umstürzenden Bäumen ausgehe. Das Naturgefahrenportal des Bundes weist für den gesamten Kanton St. Gallen die Gefahrenstufe 4 von 5 «Grosse Gefahr» durch Schnee auf. Im südlichen Kantonsteil kommt zudem die Gefahrenstufe 4 von 5 aufgrund der Lawinensituation hinzu.