Wintersport-Saison
«Das ist eine unausgereifte Hauruckaktion des Bundesrates»: Präsident der Ostschweizer Seilbahnen kritisiert Last-minute-Verschärfungen für Skigebiete

Weniger Skifahrer, Beizen-Sperrstunde um 15 Uhr: Mit einem einschneidenden Last-minute-Paket will Gesundheitsminister Berset die Wintersportsaison retten. Bergbahn-Betreiber und Kantone kritisieren die Aktion.

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Trotz Maskenpflicht: Der Bundesrat will die Kapazitäten der Bergbahnen beschränken.

Trotz Maskenpflicht: Der Bundesrat will die Kapazitäten der Bergbahnen beschränken.

Bild: Alexandra Wey

(watson/tn) Eigentlich hätten die Skigebiete allen Grund zur Freude. Pünktlich zum meteorologischen Winterbeginn hat Frau Holle Gas gegeben. Frisch verschneite Berge – die perfekte Instagram-Kulisse, um Touristen auf die Hochsaison einzustimmen.

Der Bundesrat hat das Schweizer «Weihnachtspaket» als Antwort auf den massiven Druck der EU in Windeseile geschnürt. Denn die Schweiz fährt nach wie vor einen Sonderweg: Österreich will laut «Standard» nur Tagestouristen zulassen, Gastro und Hotellerie sollen geschlossen bleiben. Deutschland oder Italien machen Skigebiete bis im Januar komplett dicht. Frankreichs Präsident Macron droht der Schweiz gar wegen des Skizoffs.

Aber wie geht es jetzt in den Schweizer Bergen weiter? Bereits am Freitag will der Bundesrat laut Tamedia nach einer Expressvernehmlassung entscheiden.

  • Variante 1: Skigebiete lassen höchstens zwei Drittel der Anzahl Gäste des bestbesuchten Tages der vergangenen Saison zu.
  • Variante 2: Die Gästezahl wird auf 80 Prozent des Durchschnitts der Weihnachtsfeiertage in den letzten fünf Jahren begrenzt.
  • Dazu müssen Beizen in den Skigebieten um 15 Uhr dichtmachen.

Das sagen die Skigebiete

Roger Walser, Präsident der Ostschweizer Seilbahnen.

Roger Walser, Präsident der Ostschweizer Seilbahnen.

Bild: PD

Wie kommen diese Regelungen bei den Betroffenen an? Von einer unausgereiften «Hauruckaktion» spricht Roger Walser, Präsident der Ostschweizer Seilbahnen. So oder so sei die Kapazitätsbeschränkung in der Realität schwer umzusetzen. «Die meisten Skigebiete haben verschiedene Eingänge. Die Zählsysteme sind nicht auf Echtzeitdaten ausgelegt», so der oberste Chef der Luftseilbahn Unterterzen-Flumserberg.

Viele Skigebiete in der Ostschweiz sind stark auf den Tagestourismus ausgerichtet. Zu Tausenden strömen die Unterländer an den Wochenenden in die Berge.

«Die Kapazitätsbeschränkung bedeutet, dass man eigentlich auch den Anreiseverkehr an einem gewissen Punkt stoppen müsste. Wie soll das gehen?»

Walser befürchtet, dass künftig alle Wintersportler auf einmal frühmorgens anreisen würden. «Wenn die Leute um die letzten freien Plätze kämpfen müssen, schaffen wir uns an den Talstationen das nächste Problem.»

In den letzten Monaten hätten sich die Skigebiete, gemeinsam mit den Behörden, auf die neue Skisaison vorbereitet. Grössere Skigebiete haben Gästebetreuer und Sicherheitsleute engagiert, um die die Besucher bei den Transportanlagen und Restaurants zu kanalisieren.

Trotzdem sei es verständlich, dass der Bundesrat Angesicht der hohen Coronafallzahlen ein Zeichen setzen müsse.

«Niemand will, dass die Schweiz und die Tourismusregionen als Corona-Hotspot Europas dastehen.»

Kanton St.Gallen sieht keinen Platz für Après-Ski

Und auch die Kantone melden sich zu Wort. In einer Medienmitteilung vom Mittwoch äussert sich St.Gallen ebenfalls kritisch zur Idee des Bundesrats. Der Kanton St.Gallen habe sich gemeinsam mit anderen Kantonen sowie umliegenden Bundesländern und Regionen aus Österreich und Italien im Rahmen der Arge Alp verpflichtet, einen sicheren Wintertourismus zu fördern und den Touristen ein sicheres Wintererlebnis und Erholung zu bieten. Weiter heisst es:

«Der Kanton St.Gallen spricht sich damit aber auch klar gegen eine vollständige Schliessung der Skigebiete aus.»

Im Grundsatz stehe die St.Galler Regierung hinter den vorgeschlagenen Einschränkungen des Bundesrates. Die konsequente Umsetzung der Schutzkonzepte der Bergbahnen verbunden mit einer massvollen Beschränkung der Kapazitäten würden das Infektionsrisiko wirksam reduzieren. Die Regierung begrüsse dabei ausdrücklich, dass für alle Schweizer Skigebiete einheitliche, nationale Regeln gelten sollen. Insbesondere sehe die St.Galler Regierung dieses Jahr keinen Platz für Après-Ski.

Voraussetzungen müssen gegeben sein

Christoph Egger hat als Leiter der Schilthornbahnen schon manchen Sturm erlebt. «Lieber fahren wir mit angemessen eingeschränkten Kapazitäten als ganz zuzumachen», so der Berner Oberländer zu den Plänen von Berset.

Die Voraussetzungen müssten jedoch gegeben sein, damit sich der Betrieb der Bergbahnen einigermassen rechnen könne. «Sonst bedeutet dies faktisch ein versteckter Lockdown für die Berggebiete.» Restaurants, Hotels, Skigeschäfte: Die ganze Wirtschaft der Randregionen wäre lahmgelegt.

Egger bedauert, dass man die von Berset angestossenen Änderungen nicht schon vor einem Monat diskutiert habe. Die Unternehmen müssten seit März praktisch ununterbrochen improvisieren. Wichtig sei jetzt, dass sich nicht wieder ein Kanton nach dem anderen mit Einschränkungen in den Berggebieten überbiete. Es gelte auch auf Seiten der Bergbahnen, Gelassenheit zu wahren.

«Wir dürfen diese Saison einfach nicht mit einem normalen Winter vergleichen.»
Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle, BAG.

Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle, BAG.

Bild: Peter Klaunzer/Keystone

Aber kann man Angesicht der stark belasteten Spitäler es überhaupt verantworten, die Pisten offen zu lassen? Man müsse alle aufrufen, vorsichtig zu fahren und keine Unfälle zu produzieren. Dies, um die Spitäler nicht noch mehr zu belasten. «Doch, ob das ausreicht, ist ungewiss», sagt Virginie Masserey vom BAG.