Wintereinbruch
Im Thurgau kämpfen Räumfahrzeuge die ganze Nacht gegen die Schneemassen – in den Pausen gibt es schnell einen Kaffee

Kaum geräumt, schon wieder schneebedeckt. Der Frauenfelder Einsatzleiter Tim Riebli über eine schlaflose Nacht, die enorme Leistung seines Teams und unbelehrbare Autofahrer.

Ida Sandl
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Alle Räumungsfahrzeuge im Werkhof Frauenfeld waren die vergangenen Tage unterwegs. Einsatzleiter Tim Riebli instruiert einen Chauffeur.

Alle Räumungsfahrzeuge im Werkhof Frauenfeld waren die vergangenen Tage unterwegs. Einsatzleiter Tim Riebli instruiert einen Chauffeur.

Bild: Andrea Stalder

Wie viele Kaffee er getrunken hat, kann er nicht sagen. «Viele und ein Redbull.» Das trinkt Tim Riebli normalerweise gar nicht. Aber in der Nacht von Donnerstag auf Freitag war nichts normal, und Riebli hatte nur zwei Stunden geschlafen, weil es schon am Donnerstag in aller Herrgottsfrühe anfing zu schneien.

«Wir wussten, dass der Schnee kommt, aber wir wussten nicht, in welchen Massen.»

Tim Riebli ist 34 Jahre alt und stellvertretender Bezirkschef beim Werkhof Frauenfeld. Er hat den Einsatz gegen die Schneemengen geleitet. Ohne Unterbrechung sind die Räumungsfahrzeuge die ganze Nacht gefahren. Normalerweise ist zwischen 22 und 4 Uhr Ruhe. Doch in extremen Situationen braucht es ausserordentlichen Einsatz. Benedikt Eberle, der stellvertretende Tiefbauamt-Chef, hat das gemeinsam mit den Betriebsleitern entschieden, Baudirektorin Carmen Haag war einverstanden.

Zuerst blieben die Lastwagen hängen, dann die Autos

Einsatzleiter Tim Riebli.

Einsatzleiter Tim Riebli.

Bild: Andrea Stalder

Es war der richtige Entscheid, sagt Tim Riebli. Er sitzt im Werkhof-Büro, Wollmütze auf dem Kopf, Müdigkeit in den Augen. Ein Typ, der ruhig bleibt, auch wenn es um ihn herum hektisch wird. Rund 200 Kilometer Kantonsstrassen gehören zum Frauenfelder Bezirk, von Diessenhofen nach Berlingen und bis hinauf nach Matzingen.

Tim Riebli unterwegs mit seinem Einsatzfahrzeug.

Tim Riebli unterwegs mit seinem Einsatzfahrzeug.

Bild: Andrea Stalder

Die Bornhauser Steige zwischen Herdern und Eschenz ist eine der heikelsten Stellen. Zuerst blieben die Lastwagen hängen, dann die Autos. Nicht einmal Schneeketten halfen. Eine Strasse zu sperren sei immer ein schwieriger Entscheid. Als der erste Baum knickte, rief Riebi seinen Chef an, Bruno Keller, Chef Strassenunterhalt beim Tiefbauamt. «Es wäre zu gefährlich gewesen, die Strasse offenzulassen», sagt Keller. Es sollte nicht die einzige Sperrung bleiben. Auch Keller hat in dieser Nacht nicht viel geschlafen.

Ein Autofahrer ignoriert die Sperrung und gerät
zwischen zwei umgestürzte Bäume

Es gibt sie, die unbelehrbaren Autofahrer, die solche Fahrverbote ignorieren. Keller schüttelt den Kopf: «Leider mehr, als man glauben möchte.» Einer schaffte es bis zum umgestürzten Baum, inzwischen war auch ein zweiter Stamm geknickt und er mit seinem Fahrzeug eingesperrt. Für die Einsatzkräfte heisst das Zusatzarbeit, wenn man Wichtigeres zu tun hätte.

In aller Eile organisierten sie Wienerli und Brot

20 Fahrzeuge waren im Frauenfelder Gebiet unterwegs. Die Chauffeure fuhren, bis ihre Salztanks leer waren, kehrten zurück zum Werkhof, um neu aufzuladen. Kurze Pause, Kaffee, ein paar Worte wechseln, nächste Runde. Zwei Chauffeure fuhren nur die Strecke zwischen Hörhausen und Steckborn ab. Rauf und runter. Eine Sisyphusarbeit: Zehn Minuten nach der Räumung war die Strasse wieder voller Schnee. «Nach der Sperrung war das unsere einzige Verbindung zum See», sagt Riebli. Zwischendrin fiel jemandem auf, dass nichts zu essen da war. Keller und Riebli organisierten in aller Eile Wienerli und Brot.

Bruno Keller, Leiter Tiefbauamt.

Bruno Keller, Leiter Tiefbauamt.

Bild· Andrea Stalder

Seit acht Jahren arbeitet Bruno Keller beim Thurgauer Tiefbauamt. Solche Schneemassen hat er noch nie erlebt. Er sagt:

«Ich bin unglaublich stolz auf die Jungs, sie haben einen super Job geleistet»

Der endlose Schnee wurde ohne schwere Unfälle gemeistert. Am Freitagmorgen hat eine Autofahrerin Keller ein Mail geschickt: «Vielen Dank für die geräumten Strassen.» So etwas stelle einen auf, sagt er.

Ab Freitagmittag hat sich die Situation auf den Thurgauer Strassen normalisiert. Um 17 Uhr begann für Tim Riebli das Wochenende. Sein Plan:

«Duschen, ins Bett und langsam wieder in den normalen Rhythmus kommen.»