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Experte für erneuerbare Energien: «Ein mutiger Entscheid sieht anders aus»

Die Innerrhoder Standeskommission hat den geplanten Windpark Honegg-Oberfeld in den Wind geschossen. Rolf Wüstenhagen, Experte für erneuerbare Energien, findet, die Politik müsse sich mehr trauen.
Marco A. Cappellari
Solche Windparks wie hier im Kanton Wallis sind in der Ostschweiz zurzeit kaum denkbar. (Bild: Keystone)

Solche Windparks wie hier im Kanton Wallis sind in der Ostschweiz zurzeit kaum denkbar. (Bild: Keystone)

Am 6. November hat die Inner­rhoder Standeskommission entschieden, auf die Festsetzung des Gebiets Honegg-Oberfeld in Oberegg als Windkraftstandort im kantonalen Richtplan zu verzichten. Die Appenzeller Wind AG wollte dort zwei rund 200 Meter hohe Windräder bauen. Somit hat sich erneut ein Windenergie-Projekt in der Ostschweiz erledigt.

Rolf Wüstenhagen, fehlt der Ostschweizer Politik der Mut zur Windenergie?

In der Tat – ein mutiger Entscheid sieht anders aus. Das Muster, das wir hier beobachten, ist immer wieder das gleiche: Eine Gruppe von Gegnern schürt an den Standorten mehr oder weniger begründete Ängste gegenüber der Windenergie. Und die Exekutive beugt sich im Zweifelsfall dem lautstarken Widerstand, ohne zu prüfen, ob das die Meinung einer Mehrheit der Bevölkerung an den jeweiligen Standorten widerspiegelt. In der Westschweiz kam es hingegen in mehreren Standortgemeinden zu Volksabstimmungen, bei denen in den allermeisten Fällen eine Mehrheit für die Projekte stimmt.

Im Einwendungsverfahren in Innerrhoden sind 60 befürwortende und 500 ablehnende Stellungnahmen eingegangen. Gegner führen häufig ästhetische Gründe als Argumente an. Sind diese Einwände berechtigt?

Rolf Wüstenhagen Direktor Institut für Wirtschaft und Ökologie an der HSG (pd)

Rolf Wüstenhagen
Direktor Institut für Wirtschaft und Ökologie an der HSG (pd)

Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass eine deutliche Mehrheit der Stimmbürger die wirtschaftlichen und ökologischen Vorteile der Windenergie anerkennt. Die Ästhetik ist tatsächlich der einzige Aspekt, bei dem die Meinungen auseinandergehen – 28 Prozent der Befragten finden Windturbinen schön oder eher schön, ein Drittel findet sie nicht oder eher nicht schön, die anderen sind unentschieden.

Auch der Kanton St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden, die Ausserrhoder Gemeindepräsidentenkonferenz und das Land Vorarlberg hatten den Windpark abgelehnt.

In ihrem Bericht zur Interessensabwägung vom März 2018 hatte die Innerrhoder Standeskommission noch zahlreiche positive Argumente aufgezeigt: Die einheimische Windkraft-Produktion entspricht der vom Volk angenommenen Energiestrategie 2050, sie schafft regionale Wertschöpfung, sie dient dem Klimaschutz, und der Bau der Anlagen ist reversibel. Das zentrale Gegenargument ist die Veränderung des Landschaftsbildes. Die Regierung hatte allerdings in ihrem Bericht auch deutlich gemacht, dass der Standort Oberegg nicht weniger gut geeignet ist als andere Standorte im Kanton, und ihn darum als «unter Vorbehalt geeignet» eingestuft. Die jetzige Kehrtwende ist also nur durch den organisierten Protest zu erklären.

Worin unterscheidet sich die Ostschweiz von Standorten, in denen die Windenergie einen einfacheren Stand hat, wie etwa der Nordsee?

In praktisch allen unseren Nachbarländern gibt es schon wesentlich mehr Erfahrung mit Windenergie. Das führt zum einen dazu, dass die regionale Wertschöpfung eine viel grössere Rolle in der Diskussion spielt, was gerade in ländlichen Regionen zur Akzeptanz beiträgt. Zum anderen haben die Menschen in diesen Regionen direkte Erfahrungen mit Windkraftanlagen, so dass sie einige der Falschinformationen, die beispielsweise zum Thema Lärm verbreitet werden, einfach widerlegen können.

Wie gross ist die Lärmbelastung?

Windturbinen sind sehr leise, schon vorbeifahrende Autos machen mehr Lärm. Für Oberegg wurde im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung berechnet, dass bei den nächstgelegenen Häusern ein Wert von
50 Dezibel nicht überschritten würde. Das entspricht leiser Radiomusik.

Ist Windkraft in der Ostschweiz rentabel?

Windenergie gehört heute sowohl ökologisch als auch ökonomisch zu den wettbewerbsfähigsten Energieträgern. Die Umweltbilanz ist klar positiv: eine Windturbine spielt in nur drei bis sechs Monaten die Energie wieder ein, die zu ihrer Herstellung benötigt wurde, und erzeugt dann noch rund 15 Jahre klimafreundlichen Strom. In grossen Windenergie-Ländern wie den USA und Deutschland kostet die Windstromerzeugung heute weniger als zehn Rappen pro Kilowattstunde, das ist günstiger als neue Kohle- oder Atomkraftwerke. In der Schweiz sind die Kosten nicht ganz so tief, was einerseits damit zusammenhängt, dass es erst wenige Projekte gibt und die Entwickler nicht von Mengenrabatten beim Kauf der Turbinen profitieren. Zum anderen drücken auch die enorm langen Bewilligungsverfahren auf die Kosten.

Subventionen könnten helfen. Die kostendeckende Einspeisevergütung, das Fördersystem des Bundes, soll 2022 auslaufen.

Das Auslaufen der Förderung steht in einem gewissen Widerspruch zur hohen Dringlichkeit des Klimaschutzes. Die Investition in einheimische erneuerbare Energien ist eine Versicherung gegen die Folgekosten des Klimawandels. Die sinkenden Kosten der erneuerbaren Energien rechtfertigen ein Absenken der Höhe der Fördermittel, aber wenn gar nicht mehr gefördert wird und sich gleichzeitig nichts an den hohen Investitionsrisiken durch die langen Bewilligungsverfahren ändert, werden kaum neue Projekte realisiert werden.

Der Bund sieht in der Ostschweiz grosses Potenzial für Windpark-Projekte. Gemäss Energiestrategie 2050 sollen sieben bis zehn Prozent des Schweizer Energiebedarfs mit Windenergie gedeckt werden. Aktuell ist es weniger als ein Prozent. Der St. Galler Kantonsplaner, Ueli Strauss-Gallmann, nannte die Vorgaben des Bundes «utopisch». Sind sie das?

Um die Ziele zu erreichen, braucht es Exekutiv-Politiker, die den Mut haben, an konkreten Standorten für Mehrheiten zu werben. Bei Infrastrukturprojekten wird es immer auch Bedenkenträger geben. Gleichzeitig brauchen wir jedoch Strom, und der muss irgendwo erzeugt werden. Wirklich utopisch wäre es, beim Stromverbrauch so weiter zu machen wie bisher und zu hoffen, dass sich Auslandsabhängigkeit und Klimawandel in Luft auflösen.

Zur Person

Rolf Wüstenhagen ist Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie und leitet den Lehrstuhl für das Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen (HSG). Von 2008 bis 2011 war er Mitglied im Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), dem so genannten «Weltklimarat». Von 2011 bis 2015 war er ausserdem im Beirat Energiestrategie 2050 des Bundes. Im Jahr 2000 hat er seine Dissertation «Ökostrom – Von der Nische zum Massenmarkt» veröffentlicht. (mac)

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