Wildschweine fordern die Jäger

Die Jagdstatistik untermauert die starke Vermehrung der Wildschweine. Anfangs der 1990er-Jahre wurden im Thurgau jährlich etwa 20 Wildschweine erlegt, aktuell waren es schon über 800. Für die Jäger bedeutet dies lange Nachteinsätze.

Silvan Meile
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FRAUENFELD. Thurgauer Jäger machen vermehrt Jagd auf Wildschweine. Weil diese Tiere für über 90 Prozent aller Wildschäden in der Landwirtschaft verantwortlich sind, stehen die Jagdgesellschaften dafür in der Pflicht. Für die Jäger gilt es, den in den vergangenen 25 Jahren stark angestiegenen Bestand der Wildschweine möglichst zu dezimieren. Während bis 1990 im Thurgau nur vereinzelte Wildschweine geschossen wurden, waren es in der Saison 2012/13 mehr als 800 dieser Tiere.

«Das Fleisch ist äusserst beliebt»

Das Fleisch der vielen erlegten Wildschweine kommt schliesslich auf den Teller. Die Einschätzungen über seine Beliebtheit sind unterschiedlich: «Jagdgesellschaften haben auch schon geklagt, dass es schwieriger wird, die Tiere abzusetzen», sagt Roman Kistler, Chef des kantonalen Amtes für Jagd und Fischerei. Schwierig sei es lediglich bei alten männlichen Tieren, sagt wiederum Walter Schmid, Vizepräsident der Thurgauer Jagdgesellschaft – das Fleisch der alten Keiler rieche etwas streng. «Wer so einen schiesst, muss ihn dann eben selber verwerten», sagt Schmid.

Abgesehen davon sei aber Wildschweinfleisch absolut gesucht und beliebt. «Wir haben sogar eine Warteliste von Abnehmern», sagt Schmid. Auch in Spitzenjahren, in denen sehr viele Tiere geschossen würden. Interesse an Wildschweinfleisch aus dem Thurgau würden selbst Abnehmer aus anderen Kantonen bekunden.

Jäger müssen mitbezahlen

Zurückhaltender ist die Fleischbranche. «Wildschweinfleisch ist kein Renner», erklärt Werner Herrmann, Präsident des Thurgauer Metzgermeisterverbands. Er könne zwar nicht für die ganze Branche sprechen, aber in seiner Metzgerei bestehe für Wildschwein kaum eine Nachfrage.

Es ist aber nicht etwa die Nachfrage nach dem Fleisch, sondern die Regulierung des Bestands an Wildschweinen, was die Jäger zum Schiessen der Tiere veranlasst. Denn die Jagdgesellschaften müssen für 15 Prozent der Schäden aufkommen, die Wildschweine in der Landwirtschaft anrichten; die restlichen 85 Prozent muss der Kanton bezahlen. Auf rund eine halbe Million Franken jährlich belaufen sich diese Kosten insgesamt. Kanton wie Jäger sind also bemüht, die Population der sich rasch vermehrenden Tiere einzudämmen.

40 Stunden für eine Wildsau

Für die Jagdgesellschaften bedeutet der starke Anstieg des Wildschweinbestandes einen grossen Aufwand. Die Tiere sind intelligent und deshalb etwa im Vergleich zu Rehen viel schwieriger und aufwendiger zu jagen, erklärt Schmid. Sie zeigen sich nur in der Nacht und reagieren sofort auf Geräusche und Gerüche. «Es braucht viel Wissen über das Verhalten dieser Tiere.»

Der grosse Aufwand für die Jagdgesellschaften zeigt sich an der erforderlichen Zeit. Eine Faustregel besage laut Schmid, dass ein Jäger für eine Wildsau rund 40 Stunden ausharren muss. Besonders betroffen sind die Jagdgesellschaften am Wellenberg und auf dem Seerücken; sie haben in ihren Revieren besonders viele Wildschweine.

Kein Wilder Westen im Osten

Wieso sich die Wildschweine im Thurgau besonders wohl fühlen, weiss Jagdaufseher Roman Kistler: «Die geringen Schneemengen im Winter sind ein Faktor», sagt er. Ein weiterer Grund seien die relativ kleinen Waldgebiete, die meist von Landwirtschaftsland umgeben seien und ausreichend zu fressen böten. Ausserdem fänden die Tiere hier genügend ihrer bevorzugten Nahrung, Früchte von Eichen und Buchen. Trotzdem würden im Thurgau keine Wildwestzustände herrschen, in denen ohne Regeln und Grenzen auf Wildschweine geschossen wird, sagt Roman Kistler.