Per Jagdgesetz erlaubt: Wildernde Hunde dürfen in der Ostschweiz abgeschossen werden

Reisst ein wildernder Hund ein Reh, darf er per Gesetz im Kanton Appenzell Ausserrhoden abgeschossen werden. Auch im Kanton St.Gallen ist das erlaubt. Angewendet wird diese Massnahme jedoch selten – auch weil Hundehalter zunehmend Verantwortung übernehmen.

Alexandra Pavlovic
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Die Jagd ist ein Grundbedürfnis eines jeden Hundes. Je nach Rasse ist dieser Trieb etwas ausgeprägter als bei anderen. (Archivbild: TZ/Susanne Basler)

Die Jagd ist ein Grundbedürfnis eines jeden Hundes. Je nach Rasse ist dieser Trieb etwas ausgeprägter als bei anderen. (Archivbild: TZ/Susanne Basler)

Hundehalter wissen: «Wer sein Tier wildern lässt, macht sich strafbar.» Gemäss der Jagdgesetzgebung gilt das Wildern als ein Offizialdelikt und muss von Amtes wegen verfolgt werden. Im Kanton Appenzell Ausserrhoden ist es zudem erlaubt, gestützt auf Artikel 33 der kantonalen Jagdverordnung, dass Jagdpolizeiorgane wildernde Hunde jederzeit entschädigungslos abschiessen können. «In den vergangenen zehn Jahren ist das aber erst einmal vorgekommen», sagt Heinz Nigg, Amtsleiter für Raum und Wald des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Wenn immer möglich, versuchen die Jagdbehörden vorher zu intervenieren.

Appenzell Ausserrhoden ist aber nicht der einzige Kanton, in welchem wildernde Hunde abgeschossen werden dürfen. Auch im Kanton St.Gallen ist das per Gesetz erlaubt, wie Dominik Thiel, Leiter Amt für Natur, Jagd und Fischerei des Kanton St.Gallen, auf Nachfrage sagt. «In der kantonalen Jagdverordnung darf gemäss Artikel 42 ein wildernder Hund abgeschossen werden, wenn dieser das Wild unmittelbar gefährdet oder erneut wildert, nachdem die Halterin oder der Halter von der Wildhut oder der Jagdgesellschaft schriftlich ermahnt wurde.» Berechtigt zum Abschuss seien die Pächterin oder der Pächter gemäss Gesetz nur im eigenen Revier. Ausgenommen sei der Abschuss auf Anordnung des Amtes für Natur, Jagd und Fischerei. Die Pächterin oder der Pächter muss den Abschuss eines Hundes umgehend der Wildhut melden.

«Für jedes getötete Tier verlangen wir Schadenersatz»

Dieses männliche Rehkitz wurde am Sonntag in Heiden tot gefunden.

Dieses männliche Rehkitz wurde am Sonntag in Heiden tot gefunden.

Nicht immer aber lassen sich Hunde vom Wildern abhalten. Derzeit ermittelt die Appenzeller Jagdverwaltung in einem Fall von drei getöteten Rehen. Wildernde Hunde haben drei Tiere am vergangenen Wochenende gejagt und anschliessend getötet. Einen übel zugerichteten Rehbock und ein Rehkitz fand man in Heiden, einen weiteren Rehbock in Speicher. «Wer die fehlbaren Hunde und ihre Halter sind, ist nach wie vor unklar», sagt Heinz Nigg. Die bisherigen Ermittlungen hätten keine neuen Erkenntnisse geliefert. «Es ist leider nicht so einfach die Täter anhand der Beweise oder Spuren ausfindig zu machen. In den meisten Fällen können wir die Tat lediglich einer Tierart zuordnen sprich, ob das Reh von einem Hund, einem Fuchs oder gar Wolf gerissen wurde.»

Kann aber dank Ermittlungen ein fehlbarer Hundehalter eruiert werden, so droht diesem nicht nur eine Busse. «Wir rapportieren jeden Vorfall an die Staatsanwaltschaft. Diese prüft die Beweise und beschliesst aufgrund der vorhandenen Informationen das Strafmass», erklärt Nigg weiter. Was das für Strafen sind, kann der Amtsleiter nicht sagen, da von Fall zu Fall entschieden wird. Neben den Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft, droht Hundehaltern im Kanton Appenzell Ausserrhoden noch ein verwaltungsrechtliches Verfahren.

«Für jedes getötete Tier verlangen wir zusätzlich Schadenersatz. Der Wertesatz für ein totes Rehkitz beträgt 200 Franken, für ein Rehbock 400 Franken und für eine trächtige Rehgeiss 600 Franken.»

Selbiges Bild zeigt sich im Kanton St.Gallen: Auch hier sei es nicht immer einfach die fehlbaren Tiere und ihre Halter zu ermitteln, sagt Dominik Thiel. Letzteren droht wie auch im Kanton Appenzell Ausserrhoden eine Busse sowie eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft.

Hundehalter müssen Fürsorgepflicht nachkommen

Obwohl innert kurzer Zeit im Appenzellerland mehrere Rehe gerissen wurden, hat der Kanton kein gröberes Problem mit wildernden Hunden, wie Amtsleiter Nigg sagt: «Es ist schwierig von einer Tendenz zu sprechen, da in einem Jahr mehr Fälle vorkommen, im anderen weniger. Die Statistik zeigt aber, dass die Anzahl der gerissenen Tiere in den vergangenen Jahren konstant war. Pro Jahr rechnen wir etwa mit sechs Vorfällen.» Wie viele es genau im Kanton St.Gallen sind, kann Amtsleiter Thiel nicht sagen, doch auch hier sei keine klare Tendenz feststellbar. Allgemein lasse sich aber festhalten, dass sich die Situation in den eher ländlichen Gebieten über die Jahre verbessert habe. Dies hänge auch damit zusammen, dass auch auf dem Land das Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem eigenen Hund gestiegen sei und man die Tiere heute nicht mehr so leicht frei herumlaufen lasse, wie auch schon.

Damit die Zahl der Vorfälle weiterhin konstant bleibt oder gar abnimmt, plädieren beide Amtsleiter an die Fürsorgepflicht der Hundehalter. Diese müssten weiterhin ihrer Pflicht zur Beaufsichtigung ihrer Hunde nachzukommen. Denn im Winter sind die Wildtiere noch dringender als sonst auf Ruhe und Schutz angewiesen. Bei der Flucht durch den Schnee verbrauchen Wildtiere viel lebensnotwendige Energie und sinken im Schnee oftmals tiefer ein als die verfolgenden Hunde. «Ihre Überlebenschancen sind gering. Mit einer verantwortungsbewussten Hundehaltung könnte das Tierleid vermieden werden», sagt Heinz Nigg.

«Nicht einfach nur einen Spaziergang machen»

Wie aber kann es überhaupt dazu kommen, dass Hunde wildern? «Das liegt in ihrem Naturell», sagt Giulia Lautz, Leiterin der Martin Rütter DOGS Hundeschule in Wil/St.Gallen. Viele vergessen, dass die Jagd ein Grundbedürfnis eines jeden Hundes sei. «Die Tiere müssen dabei aber nicht immer nur ein Tier jagen. Wenn Hunde einem Blatt nachrennen, schnüffeln oder etwa eine Katze verfolgen, dann ist das auch eine Form von Jagen», sagt Lautz. Zudem sei das Jagen oder Wildern nicht bei jedem gleich ausgeprägt. «Es kommt nicht nur auf die Rasse, sondern auch auf die Veranlagung an, ob ein Hund wildert oder eher nicht. Jagdhunde etwa sind eher prädestiniert als Gesellschaftshunde.»

Hundebesitzer müssen also nicht Angst haben, dass ihre Vierbeiner plötzlich anfangen zu wildern. Wichtig sei dennoch, das Verhalten des eigenen Hundes im Auge zu behalten und bei allfälligen Anzeichen des Wilderns zu reagieren, so die Hundetrainerin.

«Der Hund muss lernen, dass er mit seinem Hundebesitzer seinen Jagdtrieb ausleben kann. Für die Halter heisst das: Nicht einfach nur kurz einen Spaziergang machen, sondern den Hund aktiv beschäftigen.»

So erlebe das Tier immer wieder Erfolgsmomente mit seinem Besitzer und komme gar nicht erst auf die Idee auszubüxen oder gar nach Wild zu jagen.