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«Wilder Osten»: Webplattform will dem Fachkräftemangel begegnen

Die Ostschweiz ist nicht nur ein spannender Arbeitsplatz, sondern ein schöner Lebensraum: Das verspricht die neue Plattform «Wilder Osten». Es ist nicht der erste Versuch, Fachkräfte in die Region zu locken.
Kaspar Enz
Bei der Stadler in Bussnang ist der Fachkräftemangel deutlich spürbar. (Bild: Reto Martin)

Bei der Stadler in Bussnang ist der Fachkräftemangel deutlich spürbar. (Bild: Reto Martin)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

«Wir haben 170 offene Stellen, die ich nur schwer besetzen kann», sagt Christoph Suter. Trotz Suche auf allen Kanälen. «KV-Stellen sind schneller besetzt», sagt der Personalchef von Stadler. «Aber der Fachkräftemangel betrifft nicht nur Ingenieure. Es geht auch um Schweisser, Schreiner oder Elektriker. Sie sind schwer zu finden.» So blieben Stellen oft lange offen, drei, vier Monate. «Für die anderen Mitarbeiter ist das eine Mehrbelastung.» Und es gehe nicht nur ihm so. «Scheinbar ziehen viele nicht gern in die Ostschweiz.»

Mehr als eine Jobbörse

Das soll sich ändern. Suter ist Präsident des Vereins Ostwärts. Er entstand aus einem Projekt, das die Standortförderer der Ostschweizer Kantone vor zwei Jahren anstiessen. Seit Ende September ist die Website «Wilder Osten» online: Sie will die Ostschweiz nicht nur als Arbeitsraum präsentieren, sondern auch als Lebensraum. Kinderbetreuung und Freizeitangebote sind ebenso Themen wie die Firmen, die Fachkräfte suchen.

Ein neuartiger Ansatz, sagt Geschäftsführerin Sabine Bianchi. Der «Wilde Osten» soll mehr sein als eine Jobbörse – denn Arbeitnehmer suchten nach mehr als nur einem Job. Die Work-Life-Balance sei wichtiger geworden, und da habe die Ostschweiz viel zu bieten: Säntis, See, günstiges Bauland. Aber Bianchi hofft auf mehr. Der «Wilde Osten» soll mehr als eine Website sein, sie soll eine Bewegung bringen. Vielleicht, so schwebt Christoph Suter vor, sage man eines Tages nicht mehr, man sei St. Galler oder Frauenfelder – sondern «Ostschweizer».

Boom verstärkt Fachkräftemangel

Dass die Wirtschaft neue Wege gehen will, um Fachkräfte zu finden, wundert Daniel Wessner nicht. «Die Arbeitgeber spüren einen grösseren Druck», sagt der Chef des Amtes für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Thurgau.

Denn die Wirtschaft boomt, Arbeitskräfte sind gefragt – aber die Ströme von Zuwanderern und Grenzgängern lassen nach. «Auch in Süddeutschland oder Vorarlberg geht es aufwärts. Die Lohnunterschiede sind kleiner geworden.» Derweil ziehen junge Ostschweizer für die Ausbildung weg – und bleiben. Auch wegen der höheren Löhne im Raum Zürich. Das sei kein St. Galler oder Thurgauer Problem, sagt Wessner, «sondern ein ostschweizerisches».

Nur 15 Prozent der Firmen merken nichts vom Fachkräftemangel

In der Ostschweiz ist der Fachkräftemangel überdurchschnittlich stark. Das war ein Ergebnis einer Studie der Grossbank Credit Suisse vom vergangenen Herbst. Und es ist einer der Gründe, weshalb aus der Initiative «Arbeitsplatzstandort Ostschweiz: Gemeinsam stärker» vom Jahr 2016 diesen Frühling der Verein Ostwärts wurde. Dass die Ostschweiz vom Fachkräftemangel besonders betroffen ist, lässt auch eine Umfrage der IHK Thurgau vermuten, die der Wirtschaftsverband kürzlich veröffentlichte: 45 Prozent der befragten Firmen gaben an, vom Fachkräftemangel stark betroffen zu sein. Nur gerade 15 Prozent der Thurgauer Unternehmen spüren laut «Fokus IHK» nichts vom Fachkräftemangel. Ein Mangel besteht demnach bei Handwerkern, technischen Berufen und Informatikern wie auch im Gesundheitsbereich. (ken)

Fokus auf Heimweh-Ostschweizer

Noch sucht der Verein Ostwärts Firmen und Organisationen als Mitstreiter. Eine Kampagne soll ab 2019 die eigentlichen Fachkräfte ansprechen. Besonders Heimweh-Ostschweizer will man in den «wilden Osten» locken. «Sie wissen schon, wie gut es hier ist», sagt Christoph Suter.

Heimliche IT-Hochburg

Ein Rückkehrer ist auch Paul Sevinç. Einst ging der Wittenbacher nach Zürich und gründete dort Doodle. «Damals war mir allerdings gar nicht bewusst, dass es in der Ostschweiz so viele IT-Unternehmen gibt», sagt er. Das gehe vielen Ostschweizern so. Heute ist Sevinç Präsident des Vereins IT St. Gallen, der mit der Kampagne «IT rockt!» Fachkräfte in die Gallusstadt lockt. Der Verein habe geholfen, die St. Galler Informatikbranche auf die Landkarte zu setzen, sagt er.

Bereits seit fünf Jahren kämpft «IT rockt!» gegen den Mangel an Informatikern in der unterschätzten IT-Hochburg. Kernstück ist auch hier eine Website, die Jobs, aber auch Unternehmen und die Region präsentiert. «Es gibt schon einzelne Mitglieder, die sagen, es habe nichts gebracht», sagt Sevinç. Aber auch viele Erfolgsgeschichten. «Firmen, die sagen: ‹Die letzten paar Leute habe ich über den Verein gefunden.› Ein anderes Mitglied sagt: ‹Ohne die Plattform wäre unser Wachstum nicht möglich gewesen.›»

In den letzten zwölf Monaten hätten rund 60 Leute Blindbewerbungen an den Verein geschickt: Leute, auf die die Mitglieder zurückgreifen könnten. Das zeige, dass eine solche Plattform durchaus Chancen haben könnte. «Allerdings haben wir mit der Informatik ein klares Profil.» Zumindest für einzelne Aktionen müsste der «wilde Osten» seines wohl schärfen, sagt er.

Direkte Kontakte mit Firmen knüpfen

Auch die Veranstaltung «Pro Ost» will Fachkräfte in die Ostschweiz holen. Rund 30 Ostschweizer Unternehmen stellen sich dort rund 300 jungen Hochschulabgängern vor. Die Erfahrungen seien gut, sagt Adrian Fischer. Seine Together AG führt den Anlass seit 2014 durch. «Knapp die Hälfte der Professionals schicken kurz danach eine Bewerbung ab.»

Etwa zehn von ihnen bekämen bald eine Anstellung. «Das tönt nicht nach viel», sagt Fischer. Es gehe aber gar nicht immer um eine sofortige Anstellung. «Es geht darum, Kontakte zu knüpfen. Den Schritt tun sie vielleicht erst in einem Jahr.» Oft haben die Teilnehmer einen Bezug zur Region, «sie sind von hier oder haben sich in jemanden aus der Ostschweiz verliebt», sagt Fischer. Familie, Wohnen wird wichtiger – Rückkehrer, wie sie auch der «Wilde Osten» sucht.

Unbekannte Ostschweiz

In die Ostschweiz zurückgekehrt ist auch Robert Stadler. Eher aus Zufall, sagt der Vize­direktor der IHK St. Gallen-Appenzell. Aber er weiss aus seiner Zeit in Zürich: «Dort weiss man fast nichts über die Ostschweiz.» Wichtig sind für die IHK deshalb Initiativen wie der geplante Ausbau der Informatikangebote an der HSG. «Wenn wir die Leute hier ausbilden, dann bleiben sie auch», sagt Stadler. Dann müsste man auch weniger Anstrengungen unternehmen, um Exil-Ostschweizer zur Rückkehr zu bewegen. «Aber wir teilen die Stossrichtung von solchen Projekten.»

Auch wenn ihr Erfolg wohl schwer messbar sei. Es lohne sich, mehr Leuten von der Ostschweiz als Lebens- und Arbeitsort zu erzählen. Um das erfolgreich zu tun, müsse man aber erst eines erledigen: «Vielleicht müssen wir uns erst selber davon überzeugen, dass es bei uns schön ist.»

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