Zwischen Kreuz und Auferstehung

Kurt Rose schreibt im Lied «rise up» im Ökumenischen Liederbuch für die Jugend: «Zwischen Kreuz und Auferstehung, zwischen Finsterwelt und Tag, zwischen Angst und heller Freiheit leben wir.

Thomas Rau
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Kurt Rose schreibt im Lied «rise up» im Ökumenischen Liederbuch für die Jugend: «Zwischen Kreuz und Auferstehung, zwischen Finsterwelt und Tag, zwischen Angst und heller Freiheit leben wir. Zwischen sinnlos Leid und Freude, zwischen Schmerz und warmem Trost, zwischen Flut und Regenbogen leben wir. Zwischen Schuldlast und Vergebung, zwischen Not und helfend Heil, zwischen Blutgewalt und Frieden leben wir. Zwischen Trostlosnacht und Hoffnung, zwischen Widersinn und Sinn, zwischen Kreuz und Auferstehung leben wir.»

Das Jahr der Kirche hat seine Höhe und Mitte in dieser heiligen Woche, in der die Kirche das Gedächtnis des Leidens und Sterbens und der Auferstehung des Herrn begeht. In allen Konfessionen werden diese Tage mit grosser Hingabe, Feierlichkeit und Andacht begangen. Warum «Heilige Woche»? Für die Glaubenden geht es nicht nur um ein Berichten und Sich-berichten- Lassen, was in jenen fernen Tagen in Jerusalem geschehen ist. Es geht darüber hinaus, und viel mehr noch, um ein Begleiten des Herrn auf seinem Weg zum Leiden, zum Kreuz und zum Grab bis zu seinem Sieg über den Tod und zum Triumph des Lebens. So wie das Leben des Christen ein Begleiten, ein Nachfolgen des Herrn ist und immer neu sein soll.

Wo solches geschieht, ist das immer noch und immer wieder aussergewöhnlich und besonders, oder, wenn man so will, auch «heilig»: «... zwischen Kreuz und Auferstehung leben wir.» In der Karwoche ist die grosse Dramatik aller menschlichen Existenz komprimiert in einer umfassenden Schau des Lebens des Jesus von Nazareth und damit allen Lebens.

Die gottesdienstlichen Feiern drängen sich stark zusammen. Es geht um das Ganze, es geht um alles. Jetzt singen die Christen ihre ernstesten Klage- und Bussgesänge, am freudigsten den Lobpreis ihres Herrn und das Triumphlied des Sieges über den Tod. Wer sich auf solches Begehen – in seinen unzähligen Variationen – einlassen kann, ist ganz nahe am Pulsschlag des christlichen Glaubens, kann das «Geheimnis» des Glaubens und der Kirche erfahren.

Es kann tief bewegen und Veränderungen bewirken, durch solches Begehen dieser Tage, zu ahnen, zu glauben, auch zu erfahren, dass jenes ferne Geschehen auch mein Leben enthält und alle meine Erfahrungen aufnimmt: Hilfe, Beistand, Treue und Liebe genauso wie Angst, Schuld, Verleumdung und Verrat, ohnmächtiges Leiden und Tod, tiefstes Scheitern und nicht geglaubte Neuanfänge – mein Kreuz und meine Auferstehung. Mein Leben im Leben von Jesus Christus. Das ist das «Geheimnis des Glaubens».

Und nicht nur individuell, sondern universal: Diese Geschichte ist nicht nur mit dem Leben des einzelnen Menschenkindes verflochten, sondern mit dem Leben aller Welt. Darin liegt der Grund des Heiles, der Wandlung, der Neugeburt durch die Taufe und der endgültigen Erlösung – für den einzelnen Menschen, für die ganze Schöpfung.

Es besteht kein Zweifel, der Sonntag, wie wir ihn heute noch haben, entstand aus dem Herrentag der ersten Christenheit, an dem diese allwöchentlich die Auferstehung ihres Herrn beging mit Lobgesang und der Feier des heiligen Mahles. In den Zeiten, in denen Europa nach und nach christlich wurde, geschah es jeden Sonntag, dass die Mönche, wenn sie sich vom Schlaf erhoben, stehend das Osterevangelium hörten und mit ihren Lobgesängen darauf antworteten. Einfach und klar war das. Solch elementares Verstehen ist auch heute noch notwendig: Einfach und klar sollen wir verkündigen, was nach christlichem Glauben den Sonntag zum Sonntag macht: Die Auferstehung des Jesus Christus von den Toten – Quelle von Hoffnung und Freude der Christen aller Zeiten, an allen Sonntagen und für alle Werktage.

Thomas Rau ist evangelischer Pfarrer. Gestern abend wurde er zum neuen Pfarrer der Evangelischen Kirchgemeinde Wil gewählt.

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