Zwingli war kein Heiliger: Positives Echo bei Vorpremiere des Films über Zürcher Reformator in Wil

Die Macher des Schweizer Spielfilms «Zwingli» stellten am Sonntagabend im Cinéwil ihre neue Kinoproduktion vor und erhielten vom Publikum viel Zustimmung.

Rolf Hürzeler
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Cinéwil-Geschäftsführerin Felicitas Zehnder, Schauspieler Max Simonischek, Produzentin Anna Walser und Regisseur Stefan Haupt beantworten nach der Vorpremiere die Fragen aus dem Publikum. (Bild: Erna Hürzeler)

Cinéwil-Geschäftsführerin Felicitas Zehnder, Schauspieler Max Simonischek, Produzentin Anna Walser und Regisseur Stefan Haupt beantworten nach der Vorpremiere die Fragen aus dem Publikum. (Bild: Erna Hürzeler)

Applaus im grossen Kinosaal. Soeben hat Regisseur Stefan Haupt dem Publikum im Cinéwil erklärt, weshalb er die Kappeler Kriegsszenen mit Reformator Ulrich Zwingli in seinem Film weggelassen hatte: «Die wären zu teuer gewesen, und wir wollten uns auf die anderen Seiten seines Lebens konzentrieren.» Etwa darauf, wie der Charismatiker in der Stadt Zürich mit seinen ketzerischen Thesen die katholische Kirche herausforderte und dabei weitgehend auf die Unterstützung der weltlichen Obrigkeit zählen konnte.

Die vorgängige «Zwingli»-Filmvorführung stösst beim Publikum auf ein positives Echo. Das ist angesichts der Geschichte der katholischen Stadt Wil bemerkenswert. Nur gerade zwei Jahre lang war Wil während der Religionswirren im frühen 16.  Jahrhundert protestantisch. Nach der Niederlage von Ulrich Zwingli in der Schlacht von Kappel von 1531 bekannten sich die Bewohner wieder zum alten Glauben.

Beeindruckt von der Überzeugungskraft

Aber der Zwist scheint die Kinogänger nicht mehr gross zu beschäftigen. Mit einer Ausnahme: Ein Besucher will von Hauptdarsteller Max Simonischek wissen, ob ihn die Figur des Reformators berührt oder gar verändert habe. Simonischek schlägt daraufhin ironisch das Kreuz auf der Stirn und versichert, dass ihm Zwinglis Glaube nicht sehr nahe gegangen sei: «Aber seine Überzeugungskraft, sein Durchhaltewillen und seine Eigenständigkeit beeindrucken mich sehr.» Ein anderer Kinogänger will wissen, weshalb Simonischek in der Titelrolle einen Zürcher und nicht Toggenburger Dialekt rede, da Zwingli aus Wildhaus stammte. Der Schauspieler sagt dazu: «Der ist halt überall in Europa herumgekommen und sprach ein Kauderwelsch.» Etwas naheliegender wäre allerdings die Erklärung gewesen, dass er selbst seine Kindheit in Zürich verbrachte und deshalb im Film nach seinem Schnabel sprechen konnte.

In der Pause lobt der evangelische Pfarrer Christoph Casty im persönlichen Gespräch die «sorgfältige Arbeit», die mit diesem Film geleistet worden sei: «Man sieht, dass Zwingli kein Heiliger war, sondern ein engagierter Theologe.»

Entspanntes Verhältnis der Landeskirchen

Heute sei das Verhältnis zwischen den Glaubensgemeinschaften in Wil entspannt: «Wir leben eine positive Ökumene, auch dank dem Zweiten Vatikanischen Konzil.» Die katholische Seelsorgerin Sabine Leutenegger von Rickenbach sieht das ähnlich: «Wir haben ein sehr gutes Miteinander, da merkt man keine Unterschiede.» Sie findet den Film «ausgewogen», obwohl die katholische Kirche jener Zeit durchwegs in einem schlechten Licht erscheint. Allerdings habe sich ihre Vorstellung von Zwingli mit dem Film verändert: «Ich dachte immer an einen eher klein gewachsenen, zähen Toggenburger und nicht an einen breitschultrigen Machtmenschen, wie ihn Simonischek verkörpert.»

Selfie mit dem Hauptdarsteller

Dieser posiert derweil gerade mit der Kinogängerin Brigitte Hilty im Zuschauerraum des Cinéwil. Sie strahlt: «Ich habe noch nie ein Selfie mit jemandem gemacht; das ist meine Premiere.» Offenkundig hat der Schauspieler sie beeindruckt.