Zwei Liegenschaften, ein Ziel: Die Gemeinde Flawil will verkaufen

Die Gemeinde Flawil will zwei Liegenschaften, die in ihrem Besitz sind, verkaufen – mit unterschiedlichem Erfolg.

Tobias Söldi
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Neu und belebt: das Geschäfts- und Wohnhaus an der St. Gallerstrasse 62.

Neu und belebt: das Geschäfts- und Wohnhaus an der St. Gallerstrasse 62.

Tobias Söldi

Die beiden Liegenschaften könnten unterschiedlicher kaum sein. Mitten im Flawiler Stickerquartier westlich des Bahnhofs steht an der Neugasse 10 das ehemalige Stickerhaus. Der Garten des 1915 erbauten Hauses ist verwildert, die Fassaden abgenutzt, die Roll- und Fensterläden teilweise heruntergezogen beziehungsweise geschlossen.

Nur einige hundert Meter südöstlich davon, an der St.Gallerstrasse 62, wähnt man sich in einer anderen Zeit: Da präsentiert sich direkt an der Hauptstrasse ein modernes Wohn- und Geschäftshaus mit Flachdach, lang gezogenen Fensterfronten, akkurat gepflegter Hecke und Parkplätzen.

Alt und verlassen: das Stickerhaus an der Neugasse 10.

Alt und verlassen: das Stickerhaus an der Neugasse 10.

PD

Die beiden Gebäude haben aber mehr gemeinsam, als auf den ersten Blick scheint. Sie sind beide im Besitz der Gemeinde Flawil. Und beide sollen verkauft werden. Aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichem Erfolg.

Identitätsstiftender Charakter für Flawil

Das Stickerhaus an der Neugasse gehört seit 2015 der Gemeinde. Erworben wurde das Haus mit dem Ziel, es entweder fachgerecht zu sanieren oder an einen Interessenten zu veräussern, der bereit ist, das Objekt nach den Vorgaben des Quartierrichtplans umzubauen.

Letzterer ist streng: Das Stickerquartier ist von einer einheitlichen, prägnanten ortsbaulichen Struktur geprägt. Die Bauten sind noch weitgehend im Stil des Stickerhauses aus der Bauperiode von 1870 bis 1915 gehalten. Nur an wenigen Stellen ist das Gebiet durch orts- oder massstabsfremde Bauten gebrochen. Diese Einheitlichkeit gebe dem Quartier einen besonderen, identitätsstiftenden Charakter für ganz Flawil, heisst es im entsprechenden Quartierrichtplan.

Im Frühling 2018 beschloss der Gemeinderat, die Liegenschaft zu einem Preis von minimal 415000 Franken auszuschreiben. Ohne Erfolg: Keiner der Interessenten hätte alle Verkaufskriterien erfüllt, hiess es damals. Heute sieht es besser aus. Markus Scherrer, Informationsbeauftragter der Gemeinde, schreibt auf Anfrage:

«Die Gemeinde führt mit lokalen Interessenten konkrete Verkaufsverhandlungen.»

Ob dabei ein Umbau- und Sanierungsprojekt oder ein Neubauprojekt umgesetzt wird, sei noch offen. «In jedem Fall verpflichten sich die Käufer, die Vorgaben des Richtplans Stickerquartier einzuhalten», so Scherrer.

Das letzte Wort hat die Bürgerschaft

Beim Wohn- und Geschäftshaus an der St.Gallerstrasse 62 ist die Gemeinde schon ein paar Schritte weiter. Vergangenen Herbst hat die Gemeinde die Liegenschaft öffentlich zum Verkauf ausgeschrieben. Mit Erfolg. Markus Scherrer:

«Der Gemeinderat hat den Kaufvertrag vorbehältlich der Zustimmung durch die Bürgerversammlung genehmigt.»

Das letzte Wort haben nämlich die Bürgerinnen und Bürger: Da es sich um eine Liegenschaft im Finanzvermögen von über zwei Millionen handelt, müssen die Flawiler an der Bürgerversammlung vom 28. April dieses Jahres darüber bestimmen.

Nicht mehr zur Erfüllung öffentlicher Aufgaben da

Doch warum will die Gemeinde die Liegenschaft überhaupt veräussern? Der Grund liegt in ihrer Nutzung: Gemäss einem Strategiepapier des Gemeinderates aus dem Jahr 2015 soll der Verkauf einer Liegenschaft erfolgen, wenn das Grundstück nicht mehr benötigt wird, um die Erfüllung öffentlicher Aufgaben sicherzustellen. Denn: «Die reine Verwaltung von Finanzliegenschaften gehört nicht zu den Kernaufgaben einer politischen Gemeinde», heisst es dort.

Das ist seit Herbst der Fall. Dann hat nämlich die Spitex, die bis dahin an der St.Gallerstrasse 62 einquartiert war, ihre Büroräumlichkeiten an die Bahnhofstrasse ins Haus 5egg verlegt – womit an der St.Gallerstrasse keine öffentlichen Aufgaben mehr wahrgenommen werden.

Für die Räumlichkeiten, in denen die Spitex ihre Büros hatte, konnte bereits ein neuer Mieter gefunden werden, nämlich die Partnervermittlungsagentur von Andrea Klausberger. Im Gebäude befinden sich ausserdem zwei Aussenwohngruppen des Buecherwäldli der Heilpädagogischen Vereinigung (HPV) sowie eine Fünfeinhalb-Attikawohnung, für die sich mit dem Verkauf nichts ändern wird.