Neue Kampfjets? Nein danke! Degersheim und Hemberg stimmten gegen den Trend

Nur vier der 78 St.Galler Gemeinden lehnten die Kampfjetbeschaffung ab – darunter Degersheim und Hemberg. Eine Suche nach möglichen Gründen und Erklärungen.

Andrea Häusler
Drucken
Teilen
Ganz knapp wurde die Vorlage zur Beschaffung neuer Kampfjets angenommen.

Ganz knapp wurde die Vorlage zur Beschaffung neuer Kampfjets angenommen.

Bild: Urs Flueeler / KEYSTONE

Gesamtschweizerisch war die Zustimmung hauchdünn. Im Kanton St.Gallen hingegen sprachen sich immerhin 53,35 Prozent der Stimmenden für die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge aus. Und dies ziemlich geschlossen. Einzig die Stadt St.Gallen, die Gemeinde Rorschach sowie Degersheim und Hemberg scherten aus und lehnten die Vorlage ab.

In Degersheim fiel das Nein mit 52,1 Prozent (822 Stimmen) noch deutlicher aus als in Hemberg, wo sich 51,5 Prozent (224 Stimmen) gegen die Investition von maximal sechs Milliarden Franken in die Schweizer Luftwaffe aussprachen. Dies bei jeweils hohen Stimmbeteiligungen von 62,95 Prozent in Degersheim und gar 68,7 Prozent in Hemberg.

Das Abweichen einer Referenzgemeinde

Die Suche nach Gründen für das Nein in den beiden Gemeinden an der West-/Nordwestperipherie des Kantons gestaltet sich schwierig. Degersheims Gemeindepräsidentin Monika Scherrer vermutet denn auch spontan «eine gewisse Zufälligkeit», sucht dann aber doch nach weiteren Erklärungen. Der Entscheid entgegen den nationalen und kantonalen Mainstream erstaunt sie. Umso mehr, als Degersheim als Referenzgemeinde für eidgenössische Abstimmungen gelte. Fluglärm? Scherrer verneint:

«Es gibt zwar eine Vereinigung gegen Fluglärm, doch liegt Degersheim nicht direkt in einer An- oder Abflugschneise.»

«Es gibt zwar eine Vereinigung gegen Fluglärm im Dorf, doch liegt Degersheim nicht direkt in einer An- oder Abflugschneise.» Die wahrscheinlichste Begründung sieht sie in der Gesinnung jener Stimmberechtigten, die am Wahlgang teilgenommen haben. Der Trend zeige tendenziell nach links. Das spiegle sich auch in den Resultaten der beiden (nicht gewählten) Gemeinderatskandidaten: «Stefano Calore dürfte sämtliche SVP-Stimmen auf sich vereint haben, erhielt aber rund 200 Stimmen weniger als die parteilose Leiterin der Monteranaschule, Susanne Tobler.»

Hemberg hat sogar extra nachgezählt

13 Stimmen spielten in der 900-Seelen-Gemeinde Hemberg das Zünglein an der Waage. «Die Ablehnung der Vorlage hat uns extrem überrascht, so sehr, dass wir die Stimmen nachgezählt haben», sagt Hembergs Gemeindepräsident Christian Gertsch. Auch er schliesst aus, dass die Angst vor zunehmendem Fluglärm das Abstimmungsverhalten in diese Richtung beeinflusst hat. «Es ist ja nicht so, dass die FA-18 über die Dächer des Dorfs donnern. sagt er und ergänzt halb ernsthaft, halb im Spass:

«Was den Lärm betrifft, sind hier eher die Motorräder das Problem»

Gertsch geht davon aus, dass eine stärkere Mobilisierung der linken Kräfte stattgefunden hat. Ein Indiz für Bemühungen in diese Richtung sei auch die ausserordentlich hohe Stimmbeteiligung von fast 69 Prozent.

Gleichzeitig räumt Christian Gertsch mit dem nach wie vor verbreiteten Irrglauben auf, Hemberg sei ausschliesslich eine traditionelle, bäuerlich geprägte Landgemeinde. «Es gibt hier durchaus auch progressive Kräfte, welche für eine gute Durchmischung der Bevölkerung sorgen.»

Keine generell armeekritische Haltung

Dass sich die Stimmenden von Degersheim und Hemberg bei einer Armeevorlage gegen die nationale und kantonale Mehrheitsmeinung stellen, ist im Rückblick auf die vergangenen Jahre übrigens einmalig. Sowohl als es 2014 um die Gripen-Beschaffung ging als auch bei den Abstimmungen über die Abschaffung der Wehrpflicht (2013) stimmten die beiden Gemeinden mit dem Mainstream. Und bei der Initiative gegen Kampffluglärm in Tourismusgebieten (2008)? Diese schickte Hemberg mit 72,87 Prozent Nein-Stimmen bachab, Degersheim gar mit einem Nein-Anteil von 72,9 Prozent.