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Das beliebige Spiel mit den Fakten: Leitartikel zur Dorfbachabstimmung in Zuzwil

2,5 Kilometer Bach, permanente Überflutungsgefahr, zwei Sanierungsprojekte und unterschiedliche Ansichten: Am 20. Oktober stimmt Zuzwil über den Hochwasserschutz des Dorfbachs ab.
Andrea Häusler
Weniger idyllisch als in den Tagen zuvor: Der Zuzwiler Dorfbach oberhalb der Tüfenwiesstrasse nach den Regenfällen am vergangenen Mittwochvormittag. (Bild: Andrea Häusler

Weniger idyllisch als in den Tagen zuvor: Der Zuzwiler Dorfbach oberhalb der Tüfenwiesstrasse nach den Regenfällen am vergangenen Mittwochvormittag. (Bild: Andrea Häusler

Die Ausgangslage ist komfortabel. Zuzwils Stimmbürgerschaft kann nicht nur über den Schutz der Bevölkerung und der Infrastruktur vor einem Hochwasserereignis befinden, sondern auch bestimmen, mit welchen Massnahmen der Dorfbach in die Schranken oder eben ins Gerinne gewiesen werden soll. Die Wahlmöglichkeit ist dem Ad-hoc-Komitee zur Rettung des Dorfbachs (AHK) zu verdanken. Dieses hatte den Bau eines rund 600 Meter langen Entlastungsstollens durch den Kirchhügel als Alternative zum durchgehenden Ausbau des Bachgerinnes angeregt. Die Bürgerschaft bewilligte daraufhin 110000 Franken für die Finanzierung der nun vorliegenden Machbarkeitsstudie.

Andrea Häusler

Andrea Häusler

Dass eine Wahl auch Qual sein kann, zeigt die engagierte Diskussion der vergangenen Wochen, die Kampagne der Gegner der beiden Sanierungsprojekte(AHK und SVP) sowie die Argumentation der Befürworter des Gerinneausbaus (Gemeindebehörden, FDP, CVP und SP). Die intensive Auseinandersetzung mit den Ausbauprojekten trägt Früchte: Die Defizite der Stollenvariante sind transparent geworden. Selbst das Ad-hoc-Komitee steht nicht mehr hinter seinem Alternativvorschlag: zu teuer. Tatsächlich kostet der Hochwasserschutz mit Stollen mit 17,7 Mio. Franken netto fast 10 Mio. Franken mehr als der Gerinneausbau über die gesamte 2,5 Kilometer lange Bachstrecke (8,1 Mio).

Wobei die Empfehlung, auch die Stollenvariante bachab zu schicken, nicht bedeutet, dass das AHK das Projekt auch gedanklich verwirft. Einen Stollen will man weiterhin, bloss nicht diesen. Denn nicht die Idee ist aus Komiteesicht schlecht, sondern die Arbeit der Planer. Von Falschberechnungen ist die Rede, auch von bewusster Kostenmanipulation. Untermauert werden die Behauptungen mit selber erhobenen Daten. Diese zeigten, dass geringere Dimensionen, kleinere bauliche Eingriffe und entsprechend tiefere Baukosten möglich wären. Im Gewässerbau erfahrene Ingenieure bestreiten dies und belegen es auch. Nur: Das AHK blendet das aus. Genauso wie die angekündigte Opposition jenes Grundeigentümers, auf dessen Boden das Einlaufbauwerk zu stehen käme. Ob klein oder gross: Den Bau eines Entlastungsstollens würde er bis vors Bundesgericht bekämpfen. Sagt er zumindest. Täte er das, sänken die Chancen irgendeiner unterirdischen Bachentlastung gegen null. Zumal mit dem Gerinneausbau eine bewilligungsfähige, kostengünstigere Alternative auf dem Tisch liegt.

Ob es unter solchen Voraussetzungen sinnvoll wäre, den Stollen nach einem allfälligen Nein an der Urne weiterzuverfolgen, ist fraglich. Viel günstiger wäre ein optimiertes Projekt nicht und es blieben die Unterhaltskosten und die erwähnten Restrisiken bezüglich der Systemsicherheit.

Besser stehen die Chancen auf Realisierbarkeit bei der Variante Gerinneausbau, der allerdings nicht minder heftige Opposition entgegenschwappt. Seitens der Bachanstösser, aber auch aus dem Lager der SVP und des AHK, welches diese Variante per se ablehnt: Wegen der Verschandelung des Dorfkerns, der Beanspruchung von Privateigentum sowie angeblich nicht budgetierter Positionen, die Mehrkosten von einem Drittel brächten. Belegt werden die Aussagen freilich nicht.

Zu beweisen brauchen die Gegner der Vorlagen auch nichts. Das AHK wird so spontan, wie es entstanden ist, wieder verschwinden. Dessen Mitglieder tragen keinerlei Verantwortung. Diese obliegt den gewählten Behörden, aber auch den Fachplanern, die für ihre Angaben geradestehen müssen, und dem Kanton, der die Unterlagen geprüft und als korrekt befunden hat.

Es ist nicht zu leugnen: Die Verbreiterung des Gerinnes hat für die Bachanstösser einschneidende Konsequenzen. Denn für die Profilaufweitung wird privates Eigentum beansprucht. Den Verlust gleicht auch nicht das Wissen darum aus, dass der Landbedarf mehrheitlich in der «Grünzone Freihaltung» liegt. Denn diese wirkt raumerweiternd und wurde, ob zulässig oder nicht, teilweise auch mit Objekten «bebaut». Gleichzeitig ist die Überschwemmungsgefahr latent, nicht omnipräsent. Genauso wie es die Folgen einer Überflutung sind, die zu erwartenden Leistungskürzungen sowie die neue Selbstbehaltregelung der kantonalen Gebäudeversicherung.

Seit 2014 plagt sich Zuzwil mit seinem Hochwasserschutz, wissend, dass Massnahmen dringlich sind. Als der Bach vor knapp 40 Jahren letztmals saniert wurde, lebten in der Gemeinde 2076 Personen, heute sind es 4750. Seither sind Ein- und Mehrfamilienhäuser aus dem Boden geschossen, Strassen entstanden und Versickerungsflächen verschwunden. Gleichzeitig haben die Niederschlagsmengen zugenommen. Das hat seinen Preis – und dieser beschränkt sich nicht auf jenen sanften Ausbau des Bachbetts, dem grossmehrheitlich applaudiert wird. Dieser entspräche auch nicht den gesetzlichen Vorgaben: Bundes- und Kantonssubventionen blieben aus.

Am 20. Oktober kann zwischen zwei Varianten entschieden werden. Doch Zuzwil zaudert. «2 x Nein – so nicht.» Aber, wie denn? Weder die AHK-Flyer noch die Plakate und Verfasser der hemdsärmelig auf öffentliche Visualisierungen gekritzelten Nein-Parolen liefern umsetzbare Vorschläge.

2 x Nein bedeutet so nichts anderes, als den Entscheid aufzuschieben, eine Zusatzschlaufe einzulegen, um irgendwann – um Steuerfranken ärmer und schlimmstenfalls Überflutungen reicher – festzustellen, dass der Bachlauf, die Häuser und Strassen geblieben, die abzuleitenden Wassermengen nicht weniger und die Gesetze nicht lockerer geworden sind. Und, dass die Vereinbarkeit von Eigeninteressen und Gemeinwohl so schwierig ist wie zuvor.

Der Entscheid für eines der beiden Projekte ist ein erster Schritt auf einem langen und hürdenreichen Weg, der über höchst sensible Verhandlungen mit Grundeigentümern, über Einsprache- und allenfalls Rekursbehandlungen führt. Deshalb ist jetzt der Zeitpunkt für ein klares Bekenntnis zum Hochwasserschutz, für ein Ja zu jenem Projekt, das die Anforderungen der Zukunft erfüllt und reelle Chancen auf eine zeitnahe Umsetzung hat.

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