ZUM GEDENKEN

Willi Olbrich ist nicht mehr «Ein ganz Grosser unter uns, nicht Irgendeiner, nein, eine aussergewöhnliche, unbeschreibliche und allerhöchst respektvoll gebührende Persönlichkeit wurde uns unerwartet heimgeholt.

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Willi Olbrich ist nicht mehr

«Ein ganz Grosser unter uns, nicht Irgendeiner, nein, eine aussergewöhnliche, unbeschreibliche und allerhöchst respektvoll gebührende Persönlichkeit wurde uns unerwartet heimgeholt.» Mit diesen Worten, begleitet von Karl Mays Gedicht «Abschied», einer Fotografie, einer Feder und einem Kreuz, verkündete am Donnerstag die Todesanzeige in der Zeitung den unerwarteten Hinschied Willi Olbrichs.

Leeres Schlucken. Kann das sein? Eben noch war er kerngesund. Pflegte seine Frau, ordnete seine Archive, arbeitete an Projekten. Willi Olbrich ist nicht mehr. Vor der Todesanzeige war das kaum vorstellbar. Nun ist es Wirklichkeit. Schwarz auf Weiss steht es in der Zeitung geschrieben: Am Montag, 15. Oktober, um 14 Uhr wird Willibaldus Olbrich, wie er ganz genau hiess, auf dem Friedhof in Wil zu Grabe getragen. Geboren am 7. Juli 1934 in Wels in Oberösterreich, gestorben am 7. Oktober 2012 in Wil, in jener Stadt, die ihm und seiner Familie 1976 das Bürgerrecht verlieh. In jener schönen Stadt, die er so sehr liebte – und die ihm so viel zu verdanken hat.

Willi Olbrich ist nicht mehr. Und doch lebt er weiter in den Köpfen und Herzen der Menschen. In Wil, in Wels. Aber auch in Deutschland, besonders in Hohenstein-Ernstthal, dem Geburtsort von Karl May. Seit seinem dreizehnten Lebensjahr war der gebürtige Österreicher begeistert vom Werk und Wirken des deutschen Autors. So sehr, dass er später selber in die Gestalt Karl Mays schlüpfte: mit seinem Schnauz, dem Kinnbart, der Welle im weissen Haar, hoher Stirn und brauner Lederjacke. Oft sah man ihn so durch die Wiler Altstadt schreiten oder an Karl-May-Anlässen, stets ein freundliches Wort und ein feines Lächeln auf den Lippen.

Willi Olbrich ist nicht mehr. Mit ihm haben nicht nur die Karl-May-Freunde, sondern hat auch die Stadt Wil einen bedeutenden «Geschichtsforscher» verloren. Kaum ein anderer hat sich je mit solcher Akribie noch Unerforschtem in der Äbtestadt angenommen. Die ehemalige «Tagblatt»-Redaktorin Liliane Schär-Jaluzot erzählt in ihrem Buch «Goldener Boden», in dem sie zwanzig Wiler Persönlichkeiten porträtiert, Erfreuliches, Erstaunliches, Unglaubliches, ja gar Sensationelles aus dem Wirken Willi Olbrichs. «Er fand zum Beispiel heraus», schreibt die Autorin, «wo und wann der Bürgertrunk erstmals stattgefunden hatte, und entdeckte die Bedeutung des 'Gümpeli-Mittwochs, wie die Wiler den ersten Fastnachtsmittwoch nennen. Er erforschte die Ersterwähnung Wils im Kanton St. Gallen im Jahre 754 nach Christus.» An anderer Stelle im Buch ist zu lesen: «1997 liess ihn eine für Aussenstehende eher erfolglos scheinende Idee nicht mehr los: Sollte er den mehrstöckigen Dachstock im Hof zu Wil, die Kornschütte äbtischer Zeiten, nicht nach alten Getreidekörnern absuchen? Er tat es und wurde fündig. Die wissenschaftlichen Untersuchungen im Radiokarbonlabor des Geographischen Instituts der Universität Zürich ergaben, dass seine Funde etwa 250 Jahre alt waren.» Die 71 kostbaren Körner hat er der Stiftung Hof zu Wil übergeben, zusammen mit der fein säuberlich aufgearbeiteten und niedergeschriebenen Geschichte.

Willi Olbrich ist nicht mehr. In Erinnerung bleiben seine grossen Verdienste als Autor, Geschichtsforscher, Sammler, Helfer, Freund und Mensch. In Erinnerung bleiben seine Besuche auf der Redaktion der Wiler Zeitung, die er Mal für Mal mit neuem Wissen bereicherte. Willi Olbrich ist nicht mehr. Kaum vorstellbar.

Hans Suter

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