Zum Denken anregende Irritationen

Mit einer «Preview-Ausstellung» machen die Ateliers Living Museum der Psychiatrischen Klinik auf ihr Sommerprojekt «Irritationen» aufmerksam. Es ist geprägt von der zweiwöchigen Zusammenarbeit von Patienten und einer Gruppe angehender Kunsttherapeuten aus München.

Michael Hug
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Eine Irritation der lieben Art: «Ich liebe dich» auf hundert Papierrosen. (Bild: Michael Hug)

Eine Irritation der lieben Art: «Ich liebe dich» auf hundert Papierrosen. (Bild: Michael Hug)

WIL. «Von Innen nach Aussen – von Aussen nach Innen» nennt sich die Rauminstallation von Tamara Flade und Patienten der Klinik. Flade und ihr Team haben zwei gemeinsam gemalte Bilder gegenübergestellt. Das eine beschreibt eine Landschaft, wie sie durch ein Fenster gesehen werden könnte. Das andere Bild zeigt die Situation in einem Zimmer, wie sie, durch das selbe Fenster von aussen betrachtet, sein könnte. In die Mitte hat die Künstlerin ein Fenster gestellt. Dem Betrachtenden obliegt es nun, sich seine bevorzugte Perspektive zu suchen: Von innen nach aussen zu sehen oder umgekehrt. Oder er kann sich die dargestellte Situation objektiv vor Augen führen. Fragen stellen sich: Wie kommt das Drinnen oder Draussen überhaupt zustande? Kann es ein Drinnen ohne draussen geben? Wer oder was ist drin oder draussen? Bin ich bei mir oder ausser mir?

Zum Denken anregen

Flades Installation ist eine von mehreren Irritationen des Gemeinschaftsprojekts, die zum Denken anregen. Dabei kann die Ausgangslage – Künstler und Patienten arbeiten gemeinsam – nicht nur, aber auch in Betracht gezogen werden. Es mag beide Seiten erst mal irritiert haben, als sie sich zum Sommerprojekt gefunden haben. Rose Ehemann, Leiterin der Ateliers Living Museum der Klinik, formulierte es so: «Es sind Persönlichkeiten, die sich aus ihrem Alltag herausgelöst haben, sogar Ländergrenzen überschritten haben und sich fremden Dialekten und Gewohnheiten stellten.» Mancher und manche mag da im ersten Moment irritiert gewesen sein, so wie es sich Ehemann gewünscht hatte für dieses Projekt: «Beteiligt waren jeden Tag willkommene Störfaktoren und Grenzüberschreitungen, um die eigene Flexibilität unter Beweis zu stellen.» Irritationen sind Grenzüberschreitungen, so Ehemanns These.

Erstmals draussen

Die Sommerprojekte der Psychiatrischen Klinik haben bereits Tradition. Jedes Jahr ziehen sie grössere Kreise, stets sind mehr Personen seitens der Patienten, der Mitarbeitenden oder des Hilfspersonals, der Klinik, der Tagesstätten und der Akutstation beteiligt. Bisher haben die Ausstellungen der geschaffenen Werke immer auf dem Klinikareal stattgefunden. Erstmals machen sich die Organisatoren um Rose Ehemann und Prof. Senta Connert von der Akademie der Bildenden Künste in München, die acht Studenten des Aufbaustudiums Kunsttherapie mitgebracht hatte, Örtlichkeiten in der Stadt Wil zu eigen. Eben auch ein Schritt von drinnen nach draussen, der wohl beide Seiten, Publikum und Kunstschaffende, möglicherweise irritieren wird. Der erst Ort war die Dienerschaftskapelle, wo am Freitagabend der Preview-Anlass mit sieben Vorschauwerken stattgefunden hat. Die Ausstellung findet vom 5. Juni bis 5. Juli in Schaufenstern und auf Plätzen der Wiler Altstadt statt.