Zündelnde Oma begeistert Jugend

«Hilfe! Ich will hier raus!» heisst der literarische Favorit der Flawiler Fünftklässler für den Prix Chronos 2016. Ihr Geschmack deckt sich damit nicht ganz mit jenem der Seniorinnen, die mehrheitlich für «Mein Dschinn» schwärmten – jenes Buch, das die Jugend auf Rang zwei gesetzt hatte.

Andrea Häusler
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Edith Bissegger schwärmte vom Lieblingsbuch der Kinder: «Weil ich auch eine so coole Grossmutter sein möchte.» (Bilder: Andrea Häusler)

Edith Bissegger schwärmte vom Lieblingsbuch der Kinder: «Weil ich auch eine so coole Grossmutter sein möchte.» (Bilder: Andrea Häusler)

FLAWIL. Wer am Prix Chronos mitmacht, liest überall, aber nie allen. «Ob in der Badi, im Altersheim, mit dem Grosi auf dem Sofa oder im Klassenzimmer – Jung und Alt lesen gemeinsam und beschliessen zusammen, welches der nominierten Bücher ihnen am besten gefällt.» Die Worte, mit denen Pro Senectute Schweiz als Veranstalterin die Wettbewerbsidee auf ihrer Homepage beschreibt, machen die Ziele des Leseanimations- und Buchpreises offensichtlich: Die Motivation zu lesen einerseits und der generationsübergreifende Dialog anderseits.

Schüler und fünf Seniorinnen

«Wir waren bisher immer unter den Teilnehmern», sagte Mirjam Widmer vom Leitungsteam der Flawiler Gemeindebibliothek am gestrigen Austauschnachmittag der Generationen. «Nur letztes Jahr ist es uns nicht gelungen, eine Schulklasse zu gewinnen.» Die Präsenz in diesem Jahr dankt Flawil der Klasse von Cécile und Peter Sutter, die sich gemeinsam mit den fünf lesenden Seniorinnen Jeannette Baumann, Ursula Steingruber, Angelika Heer, Edith Bissegger und Helena Kramer hingesetzt und Bücher gewälzt hatten. Und zwar seit September vergangenen Jahres, wie Cécile Sutter sagte. Gestern kam es nun zur direkten Begegnung zwischen Jung und Älter, zum Austausch von Erfahrungen, zur Auseinandersetzung mit den Inhalten der vier – nicht wie früher fünf – vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien nominierten Bücher.

«Liest du gerne?»

Es war ein Abtasten in kleinen Gruppen, ein Sich-näher-Kommen, das schliesslich zum Dialog über die gemeinsame Sache, die vier Erzählungen, führte. «Lest ihr denn gern?», fragte eine der Seniorinnen in ihre kleine Runde. Die Antworten waren unterschiedlich. Während die einen die Bücher geradezu verschlungen hatten, mussten sich andere diszipliniert durchbeissen.

Am besten gefielen – dies ging aus der abschliessenden Diskussion im grossen Kreis hervor – jene Bücher mit deren Protagonisten sich die Leserinnen und Leser leicht identifizieren konnten. Bei den Seniorinnen war dies «Oma Gundula» in «Hilfe! Ich will hier raus!», die das Pflegeheim anzündete und kurzentschlossen bei den etwas spiessigen Grubers einzieht, um die Familie mit einer spassigen Intrige so richtig aufzumischen. Oder der Urgrossvater in «Als Opapi das Denken vergass»; eine Erzählung, die Demenz aus der kindlichen Perspektive betrachtet und Urenkelin und Urgrossvater in einer Mischung aus Wirklichkeit und Vorstellungskraft ihre eigene Wahrheit finden lässt.

Am wenigsten punktete «Die Anarchie der Buchstaben». Darin gestaltet die neunjährige Perry – inspiriert von den Bewohnern des Heims ihrer Grossmutter – ein Abc-Buch, in dem die Buchstaben in keiner fixen Reihenfolge stehen müssen; Demenz also nicht als Mangel, sondern als Loslösen von bekannten Denkmustern dargestellt wird. Das Buch wurde von der Schulklasse als erstes ausgemustert und nur von einer Seniorin auf Rang eins gesetzt.

Knappe Entscheidung

In der Klasse Sutter/Sutter war die Wahl zwischen «Mein Dschinn» – einem Abenteuerroman über einen Elfjährigen, der aus dem Kinderheim abhaut um seine Mutter zu suchen – und «Hilfe! Ich will hier raus! ein Kopf-an-Kopf-Rennen, aus dem der letztere Titel siegreich hervorging. Das auch «Mein Dschinn» beliebt war, erstaunt Cécile Sutter: «Die Geschichte ist anspruchsvoll, der Text kleingedruckt – das verlangt Konzentration und bedeutet Lesearbeit.»

Die junge und die ältere Generation im Austausch über die vier Bücher, die sie gemeinsam gelesen haben.

Die junge und die ältere Generation im Austausch über die vier Bücher, die sie gemeinsam gelesen haben.

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