ZUCKENRIET: Sie förderte Generationen von Schülern

Nach der Ausbildung war die Oberstufenschule Sproochbrugg ihre erste Stelle. Am Freitag tritt sie in den Ruhestand. Hedi Kappeler erzählt über ihre Zeit in diesem Schulhaus, in dem sie knapp 40 Jahre wirkte.

Zita Meienhofer
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Fast 40 Jahre hat Hedi Kappeler an der Oberstufenschule Sproochbrugg (Gemeinden Niederhelfenschwil und Zuzwil) unterrichtet. Sie war während Jahren die einzige Frau als Klassenlehrkraft. (Bild: Zita Meienhofer)

Fast 40 Jahre hat Hedi Kappeler an der Oberstufenschule Sproochbrugg (Gemeinden Niederhelfenschwil und Zuzwil) unterrichtet. Sie war während Jahren die einzige Frau als Klassenlehrkraft. (Bild: Zita Meienhofer)

Zita Meienhofer

zita.meienhofer@wilerzeitung.ch

Bei ihrem ersten Schultag als Sekundarlehrerin erinnert sie sich vor allem an die 36 Schülerinnen und Schüler ihrer grossen Klasse. «Sie liefen in mein Schulzimmer, ein Schüler nach dem anderen, und es wollte nicht mehr enden», erzählt Hedi Kappeler heute lachend. Ebenfalls erinnert sie sich an ihr Vorstellungsgespräch, das im Wohnzimmer des damaligen Schulratspräsidenten Clemens Scherrer in Niederhelfenschwil stattfand. Und daran, dass in der Gemeinde Niederhelfenschwil nur eine einzige Wohnung zu haben war. Sie hatte keine Wahl. Im Nachhinein empfand sie diese Tatsache als Fügung: Sie blieb all die Jahre in dieser Wohnung. Sie gefiel ihr.

Im April 1978 trat Hedi Kappeler ihre erste Stelle als frisch ausgebildete Sekundarlehr- kraft mathematisch-naturwissenschaftlicher Richtung in der Oberstufenschule Sproochbrugg, Zuckenriet, an. Mit ihr kam auch Claudia Winter nach Zuckenriet. Sie trafen auf eine weitere weibliche Lehrkraft, Susanne Debrunner. «Von den insgesamt sechs Klassenlehrkräften der Sekstufe waren 50 Prozent Frauen, und diese unterrichteten mehrheitlich die Fächer mathematisch- naturwissenschaftlicher Richtung. Das war damals speziell», sagt sie rückblickend. Es dauerte nicht sehr lange, da verliessen ihre beiden Kolleginnen die Schule wieder, Hedi Kappeler blieb über Jahre die einzige Frau als Klassenlehrkraft an der Sproochbrugg. Während des Erzählens beginnt sie zu schmunzeln und erzählt die Anekdote des Lehrer-WCs. Das hatte sie zu Beginn stets gesucht und sich schliesslich damit abgefunden, dass es in diesem Schulhaus keine Toilette für Lehrkräfte gibt. Nach Jahren hat sie bemerkt, dass sich das Lehrer-WC in der Knabentoilette befand.

Mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer faszinierten

27 Jahre war sie Klassenlehrerin. Während 24 Jahren unterrichteten sie und Hans Brändle jeweils die beiden Parallelklassen. «Wir haben uns wortlos verstanden. Es war ein Einschnitt, als er 2002 pensioniert wurde», sagt Hedi Kappeler. Später reduzierte sie ihr Pensum und unterrichtete als Fachlehrkraft weiterhin Mathematik, Natur und Technik und Tastaturschreiben. Fächer, die sie schon immer faszinierten. «Die Naturwissenschaften, Mensch und Natur, sind ein Wunder. Es ist immer wieder spannend, in diese Welt einzutauchen», erklärt sie ihre Leidenschaft. Den Biologieunterricht hat sie während einigen Jahren teilweise nach draussen verlegt. So hat die Blumenliebhaberin mit ihren Schülern die Rabatten gepflegt und bepflanzt. Blumen holte sie nicht vom Gärtner, diese wurden angesät, pikiert und gepflanzt.

Offen kommuniziert, erklärt und wenn nötig Hilfe geholt

Hedi Kappeler lebt seit ihrer Geburt mit einer körperlichen Einschränkung. Sie hat nur fünf Finger und trägt zwei Oberschenkelprothesen. Aufgewachsen in Rapperswil besuchte sie dort die Schulen, wuchs auf wie ihre Gspänli ohne Einschränkung. Bevor sie die Ausbildung zur Oberstufenlehrerin begann, besann sie sich, ob es ihr wohl möglich sein wird, diesen Beruf in ihrer Situation auszuüben. Sie erkundigte sich bei Lehrkräften mit einer Behinderung, diese ermutigten sie zur Ausbildung. «Ich habe meine Einschränkungen immer offen kommuniziert, meinen Schülern genau erklärt, was ich gut kann und wo ich Schwierigkeiten habe. Es war mir wichtig, aufzuzeigen, dass auch mit einer Behinderung ein sinnvolles Leben geführt werden kann.»

Hedi Kappeler achtete auch darauf, dass sie mit den Schülerinnen und Schülern ihrer Klasse das macht, was andere Lehrer auch tun. Als Klassenlehrerin war sie in jedem Klassenlager, auf jeder Schulreise dabei. Dort, wo es ihr nicht möglich war, die Klasse zu begleiten, dort holte sie sich Unterstützung bei anderen Lehrkräften.

Lachend erinnert sie sich an das Klassenlager in Tenero. Als sie, die begeisterte und geübte Kajakerin, ihrer Klasse diese Sportart näherbringen wollte, als sie im Kajak sitzend von den Schülerinnen und Schülern vom Bootshaus ins Wasser getragen wurde. «Das war eine der vielen sehr schönen Erfahrungen», sagt sie heute. Ein Schmunzeln huscht über ihre Lippen, wenn vom Tastaturschreibunterricht die Rede ist. «Ich habe den Schülern jeweils meine fünf Finger gezeigt und gesagt, dass wir jetzt das Zehnfingersystem üben.»

Zurück an den See nach Rapperswil

Morgen Freitag unterrichtet Hedi Kappeler zum letzten Mal. Sie hält fest, dass es ihr in all den Jahren keine Minute langweilig geworden sei. Es müsse wohl der gleiche Stoff unterrichtet werden – aber an andere Menschen. Es sei ein faszinierendes Alter, das die Schüler in der Oberstufe haben. «Sie entwickeln sich vom Kind zum Jugendlichen, und das ist sehr spannend.» Nach fast 40 Jahren geht sie in Pension. Pläne für den neuen Lebensabschnitt hat sie noch nicht. «Ich möchte erst einmal ankommen und dann schauen, was auf mich zukommt.» Doch, eine erste Veränderung steht fest. Sie zieht nach fast 40 Jahren in Zuckenriet wieder zurück nach Rapperswil. «Ein Seekind kann den See nicht vergessen», sagt sie erklärend.