Zu Tisch mit Asylsuchenden

Jeden Freitagmittag treffen sich Asylsuchende zusammen mit freiwilligen Helfern zum gemeinsamen Mittagstisch. Das Solidaritätsnetz Ostschweiz ist nun auch in Wil angekommen.

Silvan Meile
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Heute gibt es Paella. Das spanische Reisgericht kochte ein Algerier zusammen mit einer Mexikanerin. Am grossen Tisch sitzen rund 25 Menschen. Sie kommen aus Nepal, Eritrea, Mazedonien, Somalia, Pakistan, Albanien, Nigeria, Sri Lanka, Afghanistan und der Ostschweiz. Jeden Freitag treffen sich an der Glärnischstrasse Asylsuchende aus der Region Wil zum gemeinsamen Mittagessen, und um sich miteinander unterhalten zu können. Man tauscht die Sorgen des Alltags aus – in der Fremdsprache Deutsch – die es damit gleichzeitig zu verbessern gilt. Das Bedürfnis nach sozialen Kontakten ist bei diese Leuten nebst der kostenlosen Mahlzeit ein wichtiger Grund, den Mittagstisch am Freitag zu besuchen. Eine dafür gegründete Regionalgruppe des Solidaritätsnetzes ist für die Organisation verantwortlich. Mit 30 bis 50 Franken kann für 20 Personen gekocht werden, erklärt der evangelische Pfarrer Christoph Casty, der den Mittagstisch mitgegründet hat. Die beiden Landeskirchen gaben dem Projekt ein Startkapital.

Gerichte aus aller Welt

Ajith, Asylsuchender aus Sri Lanka, ist an jedem Mittagstisch als Helfer dabei. Dieser Anlass gibt ihm eine Struktur in seine Wochenplanung. Täglich besucht er einen Deutschkurs in Wil, der ebenfalls dank Freiwilligenarbeit angeboten wird. Ausserdem steht er in seinem Wohnort Bettwiesen in Kontakt mit einem betagten Ehepaar. Diesem hilft er regelmässig im Haushalt und bei Gartenarbeiten. Nicht selten suchen die beiden Pensionäre auch einfach nur jemanden für ein Gespräch. Auch so kann Ajith seine Deutschkenntnisse verbessern. «Immer Zuhause sitzen, ist langweilig», sagt er. Interessant am Mittagstisch in Wil findet er, dass er unterschiedliche Gerichte aus aller Welt probieren kann. Denn die Asylsuchenden kochen meistens eine Spezialität aus ihrem Heimatland. Jeden Freitag ist jemand anders fürs Kochen zuständig. Schweinefleisch gibt es nie.

Im Einsatz für Menschenwürde

Die Paella hat von der Pfanne in die Teller gewechselt und ist auf dem Weg in die rund 25 Mäuler am Tisch. Gespräche mit dem Tischnachbarn sind im vollen Gange. Die Schwierigkeit, eine Arbeit zu finden, ist bei diesen Leuten ein Dauerthema. Sie stehen ganz zuunterst auf der Liste jener Personen, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. In ihrer Heimat waren sie Fotografen oder Mathematiker. Mit der Mithilfe am Mittagstisch haben sie hier immerhin etwas zu tun, und etwas zu essen. «Man muss halt einfach mal anfangen, ein Angebot auf die Beine zu stellen», sagt eine der rund zehn freiwilligen Helferinnen des Mittagstisches. Ein Ausbau des Angebots, mit verschiedenen Kursen und Aktivitäten, könnte sie sich vorstellen und sei auch ein Bedürfnis. Ganz nach dem Vorbild des Solidaritätshauses in St. Gallen. Noch ist man in Wil nicht soweit. Doch mit dem Mittagstisch, dem Herzstück und Symbol des Solidaritätsnetzes Ostschweiz, das sich 2004 aufgrund der wiederholten Verschärfung des Asylgesetzes formierte, ist in Wil ein Grundstein gelegt. Weitere Projekte könnten folgen.

Der Mittagstisch für Asylsuchende ist kostenlos und steht allen Interessierten aus der Bevölkerung offen. Er findet jeden Freitagmittag in den Räumen der Freikirche GvC an der Glärnischstrasse statt.