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Zorniger Wiener spürt Flucht der Zeit

Das mit der Sprachbarriere fängt schon beim Namen an. Joesi, denkt man sich als Hüter einer gut ostschweizerischen Zunge, klar, kommt von Joseph und wird «Tschösi» prononciert, allenfalls «Jösi» ginge noch. Doch weit gefehlt.
Pablo Rohner
Am Ende ging Joesi Prokopetz ohne Zugabe, jedoch nicht, ohne vorher eine Zugabe gegeben zu haben. (Bild: Pablo Rohner)

Am Ende ging Joesi Prokopetz ohne Zugabe, jedoch nicht, ohne vorher eine Zugabe gegeben zu haben. (Bild: Pablo Rohner)

Das mit der Sprachbarriere fängt schon beim Namen an. Joesi, denkt man sich als Hüter einer gut ostschweizerischen Zunge, klar, kommt von Joseph und wird «Tschösi» prononciert, allenfalls «Jösi» ginge noch. Doch weit gefehlt. Als «Tschosi» stellt sich Joesi Prokopetz am Freitagabend dem Publikum im gut gefüllten Wiler Chällertheater vor. Noch bevor er sie unter ersten Lachern von den Rängen einführt, haben sich die «mundartlichen Abgründe» schon aufgetan zwischen Kabarettist und Zuhörerschaft. Doch Prokopetz verspricht Abhilfe: Bei Nachfragen zu idiomatischen Besonderheiten sei er selbstverständlich zu «semantischen Diskussionen» bereit. Mit der Begrüssung der «heterogenen Masse», für welche er seine «Zielgruppe Publikum» ansieht, beschliesst Prokopetz sein Startfurioso, das unmissverständlich klar macht, welche Richtung der Abend im dunklen Gewölbekeller des Baronenhauses nehmen wird.

Eloquente Klagerei

In kunstfertig verschachtelten Sätzen hält Prokopetz eine Suada von glänzender Eloquenz, «Tatort»-Kenner dürften sich an manchen Stellen an den Ton des Münsterer Pathologen erinnert gefühlt haben. Den mit einer guten Prise «Wiener Schmäh» gewürzten Schwällen zu folgen und den darin transportierten Sinn und Witz zu erfassen, erfordert von den Zuhörenden Geistesgegenwärtigkeit. Zwischendurch lockert Prokopetz seinen elaborierten Text mit zündendem Wortwitz: «In den besten Jahren hat man die guten schon hinter sich.»

Legte Prokopetz in früheren Programmen noch an höchster Stelle Beschwerde über die Schöpfung ein, kommt «Vorletzte Worte» als kabarettistische Zeit- und Vergänglichkeitsklage daher. Als hätte er sich mit dem Dasein nicht nur abgefunden, sondern inzwischen sogar ein wenig angefreundet. Und weil seine Zeit unerbittlich zerrinnt, packt ihn die Wut. Zum Ziel seines Zorns kann alles werden, was seine erbarmungslos zerrinnende Zeit verschwendet. Das österreichische Fernsehen, das seinen Bildungsauftrag erst nach Mitternacht zu erfüllen beginnt, oder die generelle «Helenefischerisierung» der Unterhaltungskultur. Da hält sich Prokopetz lieber an die Klassiker, deren im Nachhall zu Würde gekommene letzte Worte (Kants «Es ist gut», Goethes «Mehr Licht») er jedoch als profane Banalitäten entlarvt.

«Stammtisch-Forschung»

Um zu verhindern, dass sein Zähneknirschen plötzlich von der Gewölbedecke widerhallt, zieht der sympathische Polterer von Zeit zu Zeit riesige Sedierungspillen aus einer goldenen Dose. Eingeworfen, entfalten sie alsbald subversive Wirkung: Mit einem Mal wird der zugedröhnte Prokopetz der Absurdität der Aufführungssituation gewahr und beginnt damit, sich über sein Publikum lustig zu machen.

Zwar mit etlichen Höhepunkten gespickt (grossartig der samstägliche Einkauf eines schlafwandlerischen Er und einer peitschenschwingenden Sie), gerät der unvermeidliche Unterschied-zwischen-Mann-und-Frau-Teil etwas gar lang. Gerne hätte man stattdessen weitere Erkenntnisse aus der «Stammtisch-Forschung» präsentiert gekriegt und vertieft, weshalb «Herr Gescheit» nach ein paar Bier mit zuverlässiger Regelmässigkeit zu «Herrn Laut» mutiert. Natürlich will das Chällertheater am Ende eine Zugabe. Die gewährt Prokopetz seinem Publikum, indem er zu einer letzten Polemik ausholt. Und zwar zu einer auf die Zugabe selbst und indem er verspricht, gleich ohne eine solche zu gehen.

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