«Zirkus macht keinen Spass mehr»

FLAWIL. Der Thurgauer Zirkus Stey zieht derzeit durch die Region. Erfolge feiert der Traditionszirkus immer seltener. Oft ist es die Bürokratie, die dem unbeschwerten Zirkusleben einen Strich durch die Rechnung macht.

Bernard Marks
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Rolf Stey will seinen Zirkus schon bald an seinen Sohn übergeben. (Bild: bm.)

Rolf Stey will seinen Zirkus schon bald an seinen Sohn übergeben. (Bild: bm.)

Die Sonne brennt auf das Zirkuszelt, während gerade die Nachmittagsvorstellung beginnt. Es duftet nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Alles ist so, wie man sich einen Zirkusbesuch vorstellt, doch etwas Entscheidendes ist anders. Am Eingang zur Manege sitzt ein Clown. Er hat die Beine übereinander geschlagen und wartet. Fast gelangweilt schaut er auf den Eingang, aber an diesem Nachmittag wollen nicht mehr Gäste kommen.

Ein paar Kinder mit leuchtenden Augen sitzen zwar in Begleitung ihrer Mütter bereits in dem abgedunkelten Zelt, doch zwei Drittel der Stühle bleiben leer.

Auf dem Gelände des Bildungszentrums Mattenhof hat der gesamte Tross von Wohnwagen und Anhängern für drei Tage eine Bleibe gefunden. Rund vierzig Menschen, Artisten, Arbeiter und Familienmitglieder sind mit dem Thurgauer Zirkus Stey derzeit unterwegs.

Alles wird schwieriger

«Heute macht Zirkus keinen Spass mehr», sagt der Clown, der eben noch am Eingang sass. Es ist Rolf Stey, eine der lebenden Zirkuslegenden der Schweiz und Präsident des Verbandes Schweizer Zirkusunternehmen. «Uns wird es von Seiten der Behörden immer schwerer gemacht», erklärt Stey weiter. Besonders schwer sei es im Kanton St. Gallen geworden. Plakatieren und das Aufstellen von Tafeln werde immer umständlicher, meint Stey. Dem Zirkus werden Steine in den Weg gelegt, wo es nur geht.

Früher sei das anders gewesen. Stey wird deutlicher: «Damals waren wir mit dem Zirkuszelt immer mitten im Dorf, da besuchten uns die Leute gerne.» Bei Standorten ausserhalb des Dorfes kommen einfach weniger Menschen. Ein gutes Gegenbeispiel dafür war der Auftritt des Zirkus in Appenzell. «Dort waren wir mitten drin und hatten volles Haus», erzählt Rolf Stey. Da blüht das Künstlerherz in ihm auf. Aber umso trauriger wird er, wenn wenig Besucher in den Zirkus kommen, wie an diesem Tag in Flawil.

In Flawil habe auch noch die Post versagt, und die Flyer wurden nicht verteilt. Schnell sind die Mitarbeiter von Zirkus Stey losgelaufen und haben die Flyer eigenhändig im Dorf verteilt. Aber auch in anderen Dörfern scheint der Zirkus nicht mehr so willkommen wie früher. «In Degersheim mussten wir zum Beispiel unser Gastspiel absagen, denn trotz ursprünglicher Zusage des Platzbesitzers wurde die Bewilligung unerwartet und kurzfristig zurückgezogen», berichtet Stey.

Lange Tradition

Rolf Stey ist schon viele Jahre im Zirkusgeschäft, und der Name Stey bürgt für eine lange Zirkustradition. Als Kind gefiel Rolf Stey das nomadenhafte Leben des Zirkus. Aber jetzt möchte er langsam kürzer treten. Mit drei lernte Rolf das Balancieren auf einem Seil – wie bei seinen Vorfahren fliesst auch in seinen Adern Zirkusblut.

Im Jahr 1437 wurde die «Gauklerdynastie» Stey zum ersten Mal erwähnt. Rolf Stey übernahm den Zirkus zusammen mit seiner Frau Irene im Jahr 1983, als die Mutter Mathilde Stey starb. Heute ist Rolf Stey 65 Jahre alt und möchte die Geschäfte seinem Sohn in die Hände legen. «Wenn er möchte», sagt Rolf Stey etwas zögernd, denn er weiss, dass das Zirkusgeschäft heute nicht mehr so rosig ist. Ganz bewusst will der Zirkus-Profi aus diesem Grund wieder zurück zu den Ursprüngen der Gauklerei. «Traditionell» heisst deshalb derzeit das Motto des Zirkus Stey.

Man sucht daher vergebens exotische Tiere wie Tiger, Bären oder Elefanten, sondern findet nur einfache Haustiere, die bei ihren Aufführungen Spass haben. «Das gefällt den Kindern genauso gut», erklärt Rolf Stey. Auch die Akrobaten machen aus wenig Mitteln viel. Da geht auch schon einmal ein echter Porzellanteller beim Jongleur kaputt.