«Zentrale Elemente sind ähnlich»

«Ich freue mich sehr auf den Einsatz am Spengler Cup. So, wie wenn ich einen WM-Final leiten dürfte», sagt Tobias Wehrli. Der 38-Jährige, der in den letzten 20 Monaten in drei WM-Finals stand, feiert am Spengler Cup Premiere als Head.

Georges Lüchinger
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Tobias Wehrli (links) wurde zusammen mit seinem Team nach dem WM-Final von René Fasel (Mitte) ausgezeichnet und mit einem «Gold-Präsent» geehrt. (Bild: Andre Ringuette)

Tobias Wehrli (links) wurde zusammen mit seinem Team nach dem WM-Final von René Fasel (Mitte) ausgezeichnet und mit einem «Gold-Präsent» geehrt. (Bild: Andre Ringuette)

Herr Wehrli, Sie kommen gerade von der Arbeit. Lassen sich Beruf und Ihre Tätigkeit als Schiedsrichter gut koordinieren?

Tobias Wehrli: Mein Leben besteht aus drei Welten – Beruf, Hockey und Privatleben. Es benötigt viel Koordination und Verständnis, um alles zu vereinbaren. Und auch Disziplin. Allerdings bin ich überzeugt, dass mir die Erfahrungen, die ich als Schiedsrichter mache, auch im Berufsleben weiterhelfen. So sind doch die zentralen Elemente ähnlich: Entscheidungen treffen, kommunizieren, Fehler eingestehen und Teamwork!

Am diesjährigen Spengler Cup stehen Sie erstmals als Schiedsrichter im Einsatz. Zuvor waren Sie bei sechs Durchführungen als Linienrichter tätig. Welches war der eindrücklichste Einsatz?

Wehrli: Der Erste war der Eindrücklichste. Als 15-Jähriger nahm ich meine Tätigkeit als Schiedsrichter auf, gleichzeitig wie ein guter Freund von mir. Er war überzeugt, dass wir es eines Tages an den Spengler Cup schaffen. Als er als Schiedsrichter aufhörte, schenkte er mir eine goldene Pfeife als Ansporn. Zehn Jahre später konnte ich dort auflaufen. Das war gewaltig. Die Pfeife hatte ich natürlich dabei, auch wenn sie schon lange nicht mehr im Einsatz stand. Nach fünf Jahren Unterbruch nun erneut am Spengler Cup im Einsatz stehend, erhoffe ich mir als Head wieder den Wow-Effekt, den ich bei meinem ersten Einsatz erleben durfte.

Wenn man Ihnen zuhört, hat man das Gefühl, dass Sie jeden Moment als Schiedsrichter auskosten.

Wehrli: Nach meinem Wechsel vom Linienrichter zum Headschiedsrichter lief alles wie im Traum, vor allem die letzten 24 Monate. Es begann im April 2014 mit meinem Einsatz im U18-WM-Final. Dieses Jahr durfte ich sowohl den Final der U20-

Weltmeisterschaft wie auch den Weltmeisterschaftsfinal in Prag leiten und jetzt kommt das Aufgebot für den Spengler Cup. Schöner könnte es nicht sein. Deshalb bin ich glücklich, zufrieden und ein wenig stolz, dass ich dabei sein kann.

Möchten Sie Ihre Tätigkeit als Schiedsrichter nicht zum Beruf machen?

Wehrli: Sag niemals nie. Wenn sich Job und Hobby aber weiterhin wie bis anhin entwickeln, passt es für mich zu 100 Prozent. Bei meinem Hobby kann ich den

Kopf vom Berufsalltag lüften und im Berufsalltag von meiner Tätigkeit als Schiedsrichter abschalten.

Was unterscheidet Sie von einem Profischiedsrichter?

Wehrli: Der Profischiedsrichter hat mehr Erholungsphasen. Ich stehe nach den Spielen oft nach einigen Stunden Schlaf wieder auf und setze mich morgens um

fünf Uhr in den Zug, um zum Beispiel von Genf zurück an den Arbeitsplatz zu gelangen. Sicher bin ich ab und an etwas müde, aber extrem zufrieden. Solange ich diese Kombination Arbeit/Hobby so koordinieren kann, mache ich sehr gerne so weiter.

Sie leiten im Durchschnitt zwei bis drei Spiele die Woche und zusätzlich noch internationale Turniere. Dazwischen werden Sie zudem auch einige Trainingseinheiten einschieben müssen?

Wehrli: Im Winter ist es mein Ziel, drei- bis viermal die Woche entweder auf dem Eis zu stehen oder Kraft- und Stabilitätsübungen zu absolvieren. Im Sommer ist das Training intensiver. Unsere Form wird zwei- bis dreimal bei Leistungstests im Bundesamt für Sport Baspo in Magglingen überprüft. Die Vergleiche zeigen, dass ich mich nach wie vor steigern kann. Unsere Führungscrew mit Beat Kaufmann und Brent Reiber hat noch mehr Professionalität in unsere Betreuung gebracht. Durch die Videoanalysen ist in den letzten Jahren aber auch der Druck gegenüber den Schiedsrichtern gestiegen.

Obwohl Amateur, standen Sie im WM-Final im Einsatz. Was gibt es da noch für weitere Ziele?

Wehrli: Na ja, eigentlich sollte man mit einem WM-Final-Spiel aufhören – aber es ist einfach zu schön! Ich bin noch mitten in der Lernphase und freue mich auf jedes neue Spiel. Als Linienrichter hatte ich Olympia 2010 als Ziel, erreichte dieses aber nicht. Die nächsten Olympischen Spiele sind 2018. Allerdings sind die Aussichten als Amateur dort teilzunehmen nahezu unmöglich. Aber man darf die Hoffnung nie

aufgeben!

Ist der Spengler Cup nach Ihren Erfolgen in diesem Jahr der i-Punkt?

Wehrli: Der Spengler Cup ist das Schönste, was man in der Schweiz erreichen kann. Man trifft immer wieder interessante Menschen, Sportler anderer Sportarten oder gar Bundesräte. Der Spengler Cup ist ein Familienevent mit einer schönen Atmosphäre. Ich freue mich sehr auf den Einsatz. So, wie wenn ich einen WM-Final leiten dürfte. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit allen Schiedsrichtern, vor allem aber auf Mikko Kaukokari aus Finnland. Mit ihm habe ich 2014 den U18-WM-Final gepfiffen. Er ist ein toller Typ. Eine grosse Bereicherung wird bestimmt auch Greg Kimmerly aus der NHL sein und Terry Gregson, der uns betreuen wird.

Durch die Persönlichkeiten aus der NHL werden Sie bestimmt vom Spengler Cup profitieren können?

Wehrli: Absolut. Wir profitieren immer voneinander. Terry Gregson ist eine sehr beeindruckende Persönlichkeit mit unglaublich viel Erfahrung. Er sprach vor dem WM-Final mit mir. Seine Worte waren für mich sehr eindrücklich.

An der Weltmeisterschaft leiteten Sie die Partie zwischen Russland und Kanada vor 17 400 Zuschauern. In Davos werden es an die 7000 Fans sein. Erleben Sie die Stimmung mit?

Wehrli: Als Linienrichter konnte ich die Stimmung noch besser miterleben, da haben wir gewisse Songs während des Spengler-Cups sogar mitgesungen. Als Schiedsrichter kann ich das (noch) nicht. Ob 20 000 oder 3000 Zuschauer spielt keine Rolle, die Anspannung ist sehr hoch. Klar geniesst man den einen oder anderen Moment, doch während der 60 Minuten gilt der Fokus ohne Einschränkung den Spielaktionen auf dem Feld.

Denken Sie, dass Sie irgendwann eine Partie von A bis Z geniessen können?

Wehrli: Ja und Nein. Es wird immer eine gewisse Anspannung vorhanden sein. Durch die vielen Kameras ist der Druck grösser geworden. Sie bringen uns zwar in der Entwicklung einen Schritt weiter, sie sind aber auch gnadenlos in der Analyse. Aber diese Anspannung zu erleben und diese gut zu meistern ist das Gefühl, das wir Schiedsrichter nach dem Spiel geniessen.

Wie ist das Verständnis von Schiedsrichtern und Spielern untereinander?

Wehrli: Eishockeyspieler und Schiedsrichter sind gemeinsam verantwortlich für die Show auf dem Eis. Daran können wir noch arbeiten, sind aber bezüglich Kommunikation auf einem guten Weg. Ich glaube, je länger ein Schiedsrichter in der Liga dabei ist, desto mehr Respekt erarbeitet er sich. Ich denke da zum Beispiel an Danny Kurmann. Er hat sich durch seine langjährigen Topleistungen sehr viel Respekt bei Spielern und Trainern erarbeitet – dort hinzukommen ist schwierig. Doch schön, wenn man gegenseitig von solchen Erfahrungen profitieren und sich mit jedem Spiel verbessern kann.

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