Zeit zum Kuscheln und Küssen

Der Frühling ist da. Die Rocksäume rutschen nach oben, der Blick aufs Gegenüber wird intensiver, wir spüren ein Kribbeln im Bauch. Was ist dran an den Frühlingsgefühlen? Sexualberaterin Madeleine Bosshart kennt die Antwort.

Ruth Bossert
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Madeleine Bosshart: «Sich gegenseitig Komplimente zu geben macht das Gegenüber begehrenswert.» (Bild: Ruth Bossert)

Madeleine Bosshart: «Sich gegenseitig Komplimente zu geben macht das Gegenüber begehrenswert.» (Bild: Ruth Bossert)

Ist es wirklich so, dass unsere Hormone im Frühling verrückt spielen?

Madeleine Bosshart: Das Hormon Melatonin fördert den Schlaf. Es wird ausschliesslich nachts produziert. Weil es im Winter viel länger dunkel ist, ist der Melatoninspiegel dann auch tagsüber erhöht. Wenn es im Frühjahr wieder heller wird, werden die Melatoninwerte verringert, wir sind wacher und aktiver.

Und dann kommt noch das Glückshormon ins Spiel?

Bosshart: Genau, der Gegenspieler von Melatonin ist das Hormon Serotonin. Das Glückshormon wird durch das Sonnenlicht stimuliert und kurbelt auch die Sinneswahrnehmungen an. Die Hormonumstellung spielt auch physiologisch eine grosse Rolle.

Deswegen sind wir der Sexualität im Frühling mehr zugetan?

Bosshart: Das Sexualhormon Testosteron hat beim Mann einen jahreszeitlichen Rhythmus. Im Frühling und Sommer wird mehr produziert als im Herbst und Winter. Viele Männer fühlen sich mit einem höheren Testosteronspiegel wohler. Frauen kennen solch ausgeprägte Jahreszeitenrhythmen nicht. Bei ihnen spielt ihr eigener Monatszyklus eher eine wichtigere Rolle.

Spüren Sie in Ihrer Praxis diese saisonalen Gefühlsunterschiede? Wann braucht Mann und Frau die Hilfe einer Sexualtherapeutin am häufigsten?

Bosshart: Die Klienten suchen meine Hilfe, wenn der Leidensdruck gross ist und sie es nicht mehr aushalten und keinen anderen Ausweg sehen. Für viele bedeutet die Sexualtherapie eine riesige Hemmschwelle. Viele brauchen mehrere Anläufe, bis sie in die Praxis kommen.

Sicherlich sind es eher Frauen, die zu ihnen kommen?

Bosshart: Das stimmt genau nicht. Es sind vorwiegend Männer, meist zwischen 30 und 60 Jahren, die zu mir kommen. Oft werden sie von den Frauen geschickt, die dann im Lauf der Therapie zu uns stossen. Frauen kommen eher zu mir, wenn sie auf der Suche nach ihrer eigenen Sexualität sind oder der Leidensdruck wirklich zu gross ist.

Wie muss man sich eine Beratung vorstellen?

Bosshart: Für die Beratungsmotivation ist es wesentlich, dass die Person ihr sexuelles System versteht. Die Beratung ist ein persönlicher Entwicklungs- und Lernprozess und verändert das sexuelle Erleben. Es geht im wesentlichen auch darum, die Beziehung zum eigenen Geschlecht und die Wahrnehmung im eigenen Körper zu stärken, Hemmungen abzubauen und die Angst vor dem Versagen zu thematisieren. Angepasst an die Stärken und Grenzen werden unterschiedliche Bewegungsabläufe eingeübt, die zu Hause immer mehr mit sexueller Erregung und Genuss verknüpft werden. Ganz wichtig: In der Beratung behalten alle die Kleidung an. Ich bleibe in der Funktionalität, die Intimität lebt der Klient oder die Klientin zu Hause.

Wie schaffen Sie die nötige Distanz bei so viel Nähe?

Bosshart: Empathie ist das Zauberwort. Ich muss mich möglichst nah in die Gefühle und Gedanken meines Gegenübers hineinversetzen können und genau zuhören, was die Person mir sagen will. Ich vermittle viel Wissen. Mit diesem Wissen erleben viele Klienten erste kleine Veränderungen in ihrer Sexualität. Diese werden vom Partner bzw. der Partnerin wahrgenommen – es kann sich ein «Miteinander-Weiterentwickeln» bilden.

Und wenn die Sexualität endlich funktioniert, kommt dann noch die Beziehungsarbeit?

Bosshart: Ich blende die Beziehung, die Intimität zwischen Klient/Klientin und seinem Gegenüber nie aus. Sexualität ist auch Beziehung, beide Komponenten gehören zusammen. Deshalb ist es oft hilfreich, wenn der Partner bzw. die Partnerin im Lauf der Beratung dazustösst.

Wie weit mischen Sie sich in Partnerschaften ein?

Bosshart: Ich bin keine Paartherapeutin, bei Bedarf vermittle ich Paare weiter. Aber ich gebe gerne Tips, wie die eingeschlichene Monotonie wieder zu erotischer Verliebtheit wird. Ich rate Paaren, sich wieder mehr zu berühren, zu kuscheln, sich zu küssen. Es ist nie zu spät, seine zärtlichen Seiten zu entdecken.

Neben der Sexualberatung sind Sie auch in der Sexualpädagogik an Schulen und Institutionen tätig. Weshalb gehört Sexualerziehung ins Schulzimmer?

Bosshart: Kinder haben ein Recht auf eigene, altersgerechte Sexualität und darauf, ihren Körper kennen und lieben zu lernen. Was Kinder kennen, können sie auch schützen. Deshalb ist Sexualerziehung auch Kinderschutz und ein lebenslanger Lernprozess. Für ein Kind ist es in jedem Alter wichtig, über Beziehungen, Gefühle und die Liebe reden zu können. Fachpersonen haben die nötige Distanz und kommen nicht in den Rollenkonflikt. Sexualunterricht fördert die Beziehungsfähigkeit und die Liebesfähigkeit.

Wissen die heutigen Kinder nicht schon alles?

Bosshart: Sie bewegen sich im Internet, laden Pornofilmchen herunter und glauben, alles im Griff zu haben. Doch im Gespräch zeigt sich, dass sie nicht mehr wissen als Gleichaltrige vor 40 Jahren. Die Kinder sind heute eher verunsichert. Umso wichtiger ist altersgerechte Aufklärung. Eine vermehrte Zusammenarbeit von Sexualpädagogen, Eltern und Schule wäre optimal. Das ist für mich Prävention.

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