Zahlen beigen und Zähne putzen

Weil ihr das Studium der Erziehungswissenschaften zu theoretisch war, wählte Celina Baumgartner nach einem Semester kurzum einen anderen Weg. Sie flog nach Indien und arbeitete drei Monate als Lehrerin in einem Freiwilligenprojekt.

Mario Fuchs
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Englisch, Mathe und Zähneputzen: Celina Baumgartner (hinten rechts) unterrichtete in Indien nach abwechslungsreichem Stundenplan. (Bild: zVg)

Englisch, Mathe und Zähneputzen: Celina Baumgartner (hinten rechts) unterrichtete in Indien nach abwechslungsreichem Stundenplan. (Bild: zVg)

NIEDERWIL. Sommer 2011, Kantonsschule Wil. Celina Baumgartner hält ihr Maturazeugnis in den Händen. Und weiss genau, was sie will: Lehrerin werden. Sie schreibt sich aber nicht an der PH, an der Pädagogischen Hochschule, sondern an der Uni Zürich ein. Hauptfach: Erziehungswissenschaften. Die Vorlesungen sind interessant, die junge Frau gewöhnt sich langsam an den Uni-Betrieb. Nach einigen Wochen aber muss sie sich eingestehen: «Das ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe.» Der Unterricht ist zwar interessant – der 20jährigen Maturandin aber «viel zu theoretisch». Am Ende des ersten Semesters ist klar: Übung Halt!

Im Slum von Jaipur

Sommer 2012, auf der Terrasse eines Mehrfamilienhauses in Niederwil. Celina Baumgartner sitzt im Gartenstuhl. Die Sonne scheint ihr ins Gesicht. Sie erinnert sich an den Moment ihres Entschlusses. Und sagt: «Ich wollte weg, erst einmal etwas anderes sehen.» Asien oder Südamerika kommen in die engere Auswahl. Dann fällt die Entscheidung leicht, denn: «Ich habe nie Spanisch gelernt.» Am 12. März dieses Jahres ist es so weit. Celina Baumgartner hält nicht mehr ihr Maturazeugnis, sondern ein Flugticket in den Händen: Zürich–Jaipur. Linguista, ein Büro für Sprachaufenthalte und Freiwilligeneinsätze, hatte ihr einen Einsatz vermittelt. In einem Slum von Jaipur soll sie Kinder im Vorschulalter unterrichten, gemeinsam mit einheimischen Lehrern und anderen Freiwilligen aus aller Welt.

Kopieren von Hand

Von der indischen Grossstadt ist die junge Frau überwältigt. Ein Vergleich verdeutlicht das: Niederwil hat 1300 Einwohner, Jaipur mit drei Millionen fast einen Drittel der ganzen Schweiz. Der Verkehr ist laut, die Farben stark, die Gerüche einzigartig. «Wir arbeiteten mitten im Slum», erzählt Celina Baumgartner. In ihrer Klasse sitzen manchmal zehn, manchmal zwanzig Kinder. «Je nachdem, wie wichtig den Eltern der freiwillige Schulbesuch ihrer Kinder ist.» Mit anderen Freiwilligen wohnt sie in einem Camp, im Doppelzimmer mit Kajütenbett. Zwei Stunden Unterricht am Tag, und nochmals so viel Zeit für die Vorbereitung. Diese ist auch bitter nötig: Aufgabenblätter für ihre Schüler schreibt die Neo-Lehrerin immer von Hand – für alle. «Zugang zu einem Kopierer gab's nur zweimal in der Woche», erinnert sich Celina Baumgartner. Nebst Englisch und Mathematik steht auf dem Stundenplan auch Hygiene. Die Kinder lernen von der Schweizerin, wie sie sich die Zähne richtig putzen.

«Die Arbeit hat mir geholfen»

Am Wochenende bleibt Zeit für Ausflüge. Im Bus oder Zug geht's zu den berühmten Sehenswürdigkeiten, so etwa zum Taj Mahal oder an den heiligen Fluss Varanasi. Und überall, wo sie, die junge Europäerin, einen Fuss hinsetzt, sind ihr die Blicke der indischen Männer gewiss. «Ich war eine regelrechte Attraktion, alle schauten mir nach.» Was anfangs nervt, daran gewöhnt sie sich mit der Zeit. Auch an das indische Essen mit viel Gemüse und noch mehr Curry. Als «richtig scharf» empfindet sie die Mahlzeiten nur in den ersten Wochen. Trotzdem vermisst sie ein Stück Schweizer Komfort: «Eine richtige Dusche gab's nirgends.»

Nach Abschluss des achtwöchigen Einsatzes erkundet Celina Baumgartner zusammen mit einer Schwedin und einer Holländerin den Kontinent einen Monat lang auf eigene Faust. Dann hält sie wieder ein Flugticket in den Händen: Jaipur–Zürich. Und sie weiss jetzt auch wieder, was sie will: Lehrerin werden – immer noch. «Die Arbeit mit den Kindern hat mir sehr geholfen. Es ist das Richtige für mich.» An der PH hat sie sich bereits eingeschrieben.