Wohnen auf schmalem Raum

Wer wohnt denn da? Sandra Fässler und Juan-Pedro Zimmerli leben auf engem und gerade deshalb sehr stimmungsvollem Raum. Sie bewohnen das schmalste Haus in der Wiler Altstadt.

Natalie Brägger
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Wil. Das Privatleben von Juan-Pedro Zimmerli und Sandra Fässler spielt sich zwischen zwei Wänden ab, die nur gerade drei Meter voneinander entfernt sind. Ihre Wohnung an der Wiler Kirchgasse ist die schmalste in der gesamten Altstadt. «Es schauen darum immer wieder Touristen durch das Schaufenster neben der Eingangstür», erzählt Juan-Pedro Zimmerli. Aber obwohl die Wohnung nur drei Meter breit ist, scheint sie keinesfalls klein und eng.

Die Mieter können ihr Hab und Gut auf acht Stockwerken – Keller und Estrich eingerechnet – verteilen. Die bewohnten Stockwerke sind meist gleich eingeteilt und haben zwei Zimmer: eines zur Kirchgasse und eines zur Grabenstrasse hin.

Loft oder Altstadt?

Das Paar Zimmerli-Fässler ist im Februar vergangenen Jahres nach Wil gezogen. «Er hat in Zürich gearbeitet und ich in St.

Gallen, also suchten wir eine Wohnung in der Mitte», erinnert sich Sandra Fässler, die in einem der Räume in ihrem Haus einen Massageraum eingerichtet hat. Sie hätten etwas Spezielles, Stimmungsvolles gesucht, erklären die beiden. Dabei hätten sie auch ein modernes Loft besichtigt. Mit der Moderne und Geräumigkeit war dieses der absolute Gegensatz zur Wohnung in der Wiler Altstadt. Schliesslich fiel den beiden die Wahl aber nicht schwer.

«Ich habe mich sofort in dieses Haus verliebt», erzählt Juan-Pedro Zimmerli. Es sei lebendig hier, man sei mitten am Puls der Stadt und doch völlig in der Ruhe, schwärmen der 50-jährige Augenoptiker und seine Verlobte. Kein Wunder, können sie doch von ihrem Balkon aus eine wunderschöne Aussicht auf den Alpstein geniessen oder über die Dächer von Wil blicken.

Badezimmer im Flur

Für die elf Jahre als Designerin tätig gewesene Sandra Fässler und ihren Verlobten ist die Altstadt-Wohnung ein Bijou. Den rund 500 Jahre alten Bau, der zuvor immer von der Besitzerfamilie Russ bewohnt war, haben die beiden mit einer Mischung aus modernen und altertümlichen Möbeln eingerichtet, was der Wohnung einen ganz besonderen Charme verleiht.

Die alten Holzbalken und kleine Details wie alte Wand-Stukkaturen oder ein alter Kachelofen zeigen, dass das Haus eine lange Geschichte mit sich trägt. Dass der rechte Winkel darin noch nicht Einzug gehalten hat, wird an den Böden und Wänden unweigerlich sichtbar. Auffällig sind vor allem die engen und steilen Treppen sowie die Lage des Badezimmers.

Es liegt im Mittelgang des Hauses und muss durchquert werden, wenn man vom Schlafzimmer ins Gästezimmer des Hauses gelangen will. Auch der Estrich hat eine besondere Eigenheit: Eine Bretterwand mit einer Dicke von höchstens zwei Zentimetern trennt ihn von jenem der Nachbarn, durch die Spalten zwischen den Bretter kann man ohne Weiteres in den benachbarten Dachboden spähen.

Anstrengende Zügelaktion

Ans Ausziehen aus ihrer speziellen Wohnung denken Sandra Fässler und Juan-Pedro Zimmerli noch lange nicht. «Allein wegen des Zügelns», lacht die 39-Jährige. Das sei sehr happig gewesen, erinnert sich das Paar. «Sogar die beauftragten Zügelprofis hatten ihre Zungen am Boden», erzählt Juan-Pedro Zimmerli. So musste ein Sofa zuerst auseinandergeschraubt werden, bevor es hinauf ins Gästezimmer gehievt werden konnte. Sandra Fässler hatte beim Umzug vor allem Angst um ihr Klavier.

«Wir haben einen speziellen Klavier-Umzug-Service beauftragt, doch die beiden Umzugsmänner kamen arg an ihre Grenzen», erklärt sie. Ihr und ihrem Verlobten ist anzusehen, dass sie sich mit der speziellen Wohnung einen Traum erfüllt haben und in den engen Räumen total glücklich sind. Nur etwas stört die beiden an ihrer Wohnsituation: den Verkehr auf der Grabenstrasse würden sie liebend gern «abstellen».

In der Serie «Wer wohnt denn da?» berichtet die Wiler Zeitung in loser Folge von speziellen Häusern in der Region und ihren Bewohnern.