Wo ist Karin Keller-Sutter?

Im Hofkeller sind die rund zehn Medienschaffenden im Vergleich zu den anwesenden Besuchern am frühen Morgen noch beinahe in der Überzahl.

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Es ist punkt 12 Uhr. Ein Aufschrei geht durch die Menge, Karin Keller-Sutter fehlen zwei Stimmen. (Bild: Monique Stäger)

Es ist punkt 12 Uhr. Ein Aufschrei geht durch die Menge, Karin Keller-Sutter fehlen zwei Stimmen. (Bild: Monique Stäger)

Im Hofkeller sind die rund zehn Medienschaffenden im Vergleich zu den anwesenden Besuchern am frühen Morgen noch beinahe in der Überzahl. Die Chancen für die Wiler Kandidatin seien aus seiner Sicht eher klein, ist die Meinung eines Anwesenden im Hofkeller zu Beginn der Fernsehübertragung der Bundesratswahlen um 8 Uhr. Als Wiler und als Ostschweizer würde er Karin Keller-Sutter (FDP) aber gerne als künftige Bundesrätin sehen. «Doch wer soll dann Karin Keller-Sutter in der St. Galler Regierung ersetzen?», fügt er dann noch hinzu.

Angeregte Diskussionen

Dreieinhalb Stunden später ist der Hofkeller gefüllt mit Leuten. SP-Kandidatin Simonetta Sommaruga ist als Bundesrätin gewählt. Nun geht es um den Sitz der FDP. Niemand will sich den historischen Moment – die mögliche Wahl der Wilerin Karin Keller-Sutter – entgehen lassen. Die Besucher finden sich im von der FDP-Ortspartei Wil organisierten Wahlbistro zum politischen Public Viewing ein.

Die erste Live-Schaltung des Schweizer Fernsehens in Form eines Interviews mit FDP-Ortsparteipräsident Jigme Shitsetsang aus dem Hofkeller flimmerte bereits über den Bildschirm und die Emotionen aus der Äbtestadt waren fürs nationale Fernsehbild eingefangen. Doch noch immer werden Live-Bilder der Wiler Kandidatin im Fernsehen vermisst. Lediglich ein Standbild aus dem Archiv ging über den Sender. «Wo ist wohl Karin Keller-Sutter?», hört man aus den Zuschauerreihen.

«Und wieso hat es dort keine Kamera?» Wo sich die offizielle Bundesratskandidatin während der gesamten Wahlen versteckt hielt, bleibt bis zum Ende der Übertragung aus dem Bundeshaus ein Rätsel. Als medienscheu war sie bislang nicht bekannt. Die Stimmen des zweiten Wahlgangs sind mittlerweile ausgezählt. Karin Keller-Sutter liegt um zwanzig Stimmen deutlich hinter dem zweiten FDP-Kandidaten Johann Schneider-Ammann zurück, während sich für Jean-François Rime von der SVP ein Achtungserfolg abzeichnet.

Applaus nach Wahlgang

Rege Diskussionen übertönen nun im Hofkeller die Stimmen aus dem Fernseher. «Rein rechnerisch könnte es noch reichen», hört man jemanden sagen. Entscheidend ist nun, auf wen die vierzig Stimmen der ausgeschiedenen Kandidatin der Grünen, Brigit Wyss, fallen werden. Und die Stimmen fallen teilweise auf die Wiler Kandidatin. Nach dem dritten Wahlgang macht Keller-Sutter Boden gut und lässt die Hoffnung im Hofkeller wieder aufkeimen und Applaus aufkommen.

Das Finale im Public Viewing ist vor dem vierten Wahlgang eingeläutet, ein Penaltyschiessen auf dem politischen Parkett. Das Publikum im Hofkeller steckt die Köpfe zusammen und diskutiert die möglichen Szenarien durch, die nun folgen könnten: Fallen nun die 28 Stimmen von Wyss auf die Wilerin? Tritt die FDP gar nur noch mit einer Kandidatur gegen den Vertreter der SVP an? Tritt dieser vielleicht gar nicht mehr an und überlässt der FDP ein Kopf-an-Kopf-Rennen? Die Stimmung ist angespannt, der Ausgang ungewiss.

Hängende Köpfe

Das Schweizer Fernsehen schwenkt nochmals in den Hofkeller und befragte eine Jugendfreundin von Keller-Sutter.

Um zwölf Uhr kommt das Resultat des vierten Wahlgangs, das das Ausscheiden der Wiler Kandidatin bedeutet. Zwei Stimmen liegt sie hinter dem SVP-Kandidaten Rime zurück. Enttäuschung macht sich breit im Hofkeller, den viele Besucher in getrübter Stimmung verlassen, ohne den fünften und entscheidenden Wahlgang zwischen Schneider-Ammann und Rime am Fernsehen zu verfolgen.

Und plötzlich sind die Medienschaffenden im Hofkeller beinahe wieder in der Überzahl im Vergleich zu den Besuchern. Schnell stürzen sie sich mit ihren Kameras und Mikrophonen auf die noch anwesenden Personen, um von diesen ein Interview oder nur ein kurzes Statement zu erhalten.

Silvan Meile