Wo die Liebe hinfällt

Seitenblick

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Immer mehr frischgebackene Mütter und Väter lassen sich die Namen ihrer Kinder tätowieren. Vorgemacht hat das vor kurzem Ex-Miss-Schweiz Christa Rigozzi mit ihren Zwillingen. Wenigstens ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern sozusagen unkündbar. Insofern hat eine solche Körperbemalung also unbefristet Gültigkeit. Es kann höchstens sein, dass bei der immer höheren Lebenserwartung der eine oder andere Buchstabe in einer Falte verschwindet. So wird auf der Haut von 110-jährigen Senioren die Charlotte allmählich zur «Carotte» und der Nevin zum «Nein». Unter Umständen wäre Letzteres sogar noch passend, weil der Sohn schon als Dreijähriger immer alles abgelehnt hat und als Erwachsener nur widerwillig die Eltern im Altersheim besucht.

Gar nicht empfehlenswert ist es, sich den Namen von Ehemännern, Ehefrauen, Partnerinnen oder Partnern stechen zu lassen. Es sei denn, man sucht sich nach der Trennung eine Gleichnamige oder einen Gleichnamigen, wie es derzeit in einer Autowerbung zu sehen ist. Aber wie auch immer: Das Gedächtnis verlagert sich in der modernen Zivilgesellschaft immer mehr vom Kopf auf die Haut. Und weil die Haut eben ein Gedächtnis hat, hinterlassen Trennungen nicht nur auf der Seele Narben, sondern – im Falle einer Tattooentfernung – auch auf der Oberfläche des Körpers. «Drum prüfe, wen du ewig verewigst», könnte es vielleicht bald heissen.

Da gehen Pärchen, die am Wiler Stadtweier Liebesschlösser mit ihren eingravierten Namen montieren, schon weniger Risiken ein. Glaubt man an die Kraft dieses Rituals, müsste die Beziehung zwischen den Verliebten sowieso ewig halten. Das Schlüsselchen landet im Wasser und niemand kann die Verbindung mehr lösen. Aber was, wenn ein Jungfischer plötzlich einen Karpfen an Land zieht, der in seinem Magen ein paar Schlüssel mitführt? Wollte man den Pärchen Böses, müsste man nur noch die richtigen Schlösser dazu finden und diese öffnen. Etwas wahrscheinlicher ist es allerdings, dass irgendwann die kleine Brücke unter der grossen Last von immer mehr Herzen einbricht. Und dann fällt die Liebe eben hin, wo sie manchmal hinfällt – ins Wasser.