Seine Leidenschaft liegt im Regionalen: Warum Simon Keller nicht nach Berlin will 

Die Bretter, die die Welt bedeuten, liegen für ihn in der Ostschweiz: Schauspieler, Autor und Produzent Simon Keller übernimmt bald die Leitung der Bühne Thurtal. Wer ist der junge Mann hinter den vielen Gesichtern?

Interview: Tobias Söldi
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Vielfältig: Der 25-jährige Simon Keller steht nicht nur auf der Bühne, sondern schreibt auch Theaterstücke und führt Regie. (Bilder: Tobias Söldi)

Vielfältig: Der 25-jährige Simon Keller steht nicht nur auf der Bühne, sondern schreibt auch Theaterstücke und führt Regie. (Bilder: Tobias Söldi)

Simon Keller, früher bauten Sie als Automatiker elektrische Maschinen, heute stehen Sie auf der Bühne. Wie ist es dazu gekommen?

Die Schauspielerei war immer da. Schon als Kindergärtler habe ich bei den Grosseltern Zirkus- und Theaterstücke aufgeführt. Am liebsten wäre ich direkt an die Schauspielschule gegangen. Die Vernunft hat dann aber gesiegt, und ich habe mich entschieden, zuerst eine Ausbildung zum Automatiker zu machen. Sie gibt mir Rückhalt. Erst danach fing ich an der Schauspielschule an.

Trotzdem sind die Tätigkeiten doch völlig verschieden.

Absolut nicht. Ich komme gerade von einer Sitzung, an der wir über Bühnenlicht und Ton gesprochen haben. Das ist um einiges einfacher, wenn man ein wenig technisches Wissen hat. Ausserdem habe ich gelernt, strukturiert und zuverlässig zu arbeiten. Das ist wahnsinnig wichtig in der Theaterbranche.

Welche Rollen liegen Ihnen am meisten, wenn Sie auf der Bühne stehen?

In der Schauspielschule habe ich herausgefunden, dass ich kindliche Typen sehr gut spielen kann. Aber auch das Gemeine, Hinterhältige liegt mir.

Ich glaube, dass man nur das spielen kann, was man auch auszustrahlen vermag.

In jeder Rolle steckt also etwas von Ihnen selbst?

Früher hätte ich das verneint, mittlerweile muss ich aber «Ja» dazu sagen. Damit eine Figur authentisch ist, muss sie etwas mit einem selbst zu tun haben.

Gibt es auch Figuren, die Sie überhaupt nicht spielen können?

Ja, den Macker, den Aufreisser. Eine meiner Schauspiellehrerinnen hat es einmal so formuliert: Wenn der «Erosduft» nicht da ist, kann man diese Rollen einfach nicht spielen. Dass mir dieser Typ nicht liegt, war mir aber schon immer klar.

Verlieren Sie auch manchmal den Bezug zur eigenen Person, wenn Sie zwischen den verschiedenen Rollen hin- und herspringen?

Das ist tatsächlich eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt. Ich habe schon stundenlange Diskussionen darüber geführt, was das wahre Ich ist. Ich glaube, wir spielen immer eine Rolle. In unterschiedlichen Situationen und vor unterschiedlichen Menschen verhält man sich jeweils ganz anders.

Nun engagieren Sie sich vermehrt hinter der Bühne, schreiben Stücke, führen Regie. Warum?

Eigentlich war ich immer ein Theatermacher, habe es aber Schauspielerei genannt. Ich habe einen Theaterverein gegründet, Stücke geschrieben, stand aber immer auch auf der Bühne. Heute habe ich das Gefühl, mehr im Geschichtenerzählen Zuhause zu sein. Wenn ich mir ein Stück anschaue, denke ich über die Inszenierung nach. Wenn ich schauspielere, habe ich Ideen zum Bühnenbild. Das sagt einiges aus.

Gefällt Ihnen das Rampenlicht nicht mehr?

Doch, natürlich. Es wäre falsche Bescheidenheit, wenn ich das abstreiten würde, und ich werde bestimmt wieder schauspielern. Bei einer tollen Rolle bin ich sofort dabei. Aber Schauspieler zu sein, ist auch anstrengend: jede Woche Castings und unzählige Absagen. Das ist für mich verlorene Zeit. Ich bewundere Leute, die wirklich ausschliesslich Schauspieler sind.

Ihre Stücke sind sehr vielfältig. Es gibt solche über den Tod, über Atomkraftwerke und Social Media. Haben sie ein verbindendes Element?

Einen roten Faden gibt es schon. Es geht dabei aber mehr um das Formale: die Wendungen, die Sprache, die Struktur des Stücks. Inhaltlich kann es praktisch alles sein. Nur das persönliche Interesse muss da sein.

Wo stossen Sie auf Themen?

Vieles springt mich im Alltag an, in Zeitungen, den Nachrichten, im Radio. Die Idee für «Social Reality» ist entstanden, als ich gesehen habe, wie viele Leute im Zug am Smartphone sind.

Sie übernehmen auch Auftragsarbeiten. Wie steht es da um künstlerische Freiheit?

Ich will mich nicht einschränken lassen und achte darauf, dass ich mein eigenes Ding daraus machen kann.

Das ist Ihnen auch bei der Bühne Thurtal wichtig, deren Leitung Sie vor kurzem übernommen haben.

Ja. Dass ich meine eigenen Ideen umsetzen kann, war eine der Bedingungen. Willy Hollenstein, mein Vorgänger, hat mir versichert, dass ich diese Freiheit haben werde. Dafür zolle ich ihm Respekt. Er kann loslassen. Ich weiss nicht, ob mir das auch so gut gelungen wäre.

Alles neu bei der Bühne Thurtal also?

Nicht alles. Bei den Freilichtspielen gibt es keine wahnsinnigen Veränderungen. Wir setzen weiterhin auf historische Stoffe, Laiendarsteller und eine schöne Freilichtbühne. Neu wird es aber auch eine Märchenbühne und kleinere Kammerspiele geben.

Sie studieren in Zürich, sind dort auch schon aufgetreten. Und jetzt kehren Sie zurück in Ihre Heimatregion. Reizt Sie die weite Welt nicht?

Viele Schauspielerkollegen wollen nach Berlin. Ich habe dieses Feuer nicht. Bei mir ist die Leidenschaft umso grösser, wenn ich hier, im Regionalen, etwas anpacke. Im Vergleich mit einer Stadt läuft hier kulturell einfach auch etwas weniger. Das ist für mich eine Chance: Ich habe mehr Möglichkeiten, etwas auszuprobieren, und kriege auch mehr Beachtung, weil der Markt nicht übersättigt ist.

Können Sie von Ihrer Arbeit leben?

Als Schauspieler konnte ich mich gut über Wasser halten. Jetzt, als Leiter der Bühne Thurtal, hat sich die Situation geändert. Ich bin mein eigener Chef, muss die Leute selber zahlen. Da gibt es einige grosse Fragezeichen: Werden wir genug Tickets verkaufen? Interessiert die Leute, was wir machen? Das Risiko ist enorm.

Eine Belastung?

Ich lasse nicht zu, dass mich diese Fragen lähmen. Aber manchmal macht es schon Angst. Darum trenne ich klar: An der Budgetsitzung mache ich mir Sorgen ums Geld, danach nicht mehr.

Arbeiten Sie noch nebenbei?

Ja, als Automatiker zu etwa 40 Prozent bei meinem früheren Arbeitgeber. Es ist auch für den Kopf eine schöne Abwechslung.

Jungspund übernimmt Bühne Thurtal: Der Uzwiler Simon Keller wird Nachfolger von Willy Hollenstein

Ab Sommer leitet der Schauspieler, Autor und Produzent Simon Keller die Bühne Thurtal. Er folgt auf den Wiler Willy Hollenstein, der nach zehnjähriger Tätigkeit zurücktritt. Der Wechsel ist nicht die einzige Veränderung, die den Verein dieses Jahr beschäftigen wird. Gestern wurde dem 25-Jährigen von der Gemeinde Uzwil zudem die Auszeichnung «Mittelpunkt 2019» verliehen.
Tobias Söldi