«Wir sind Kameraden geworden»

Morgen beginnt die neue Legislatur im Thurgauer Kantonsrat. Aus dem Hinterthurgau sind mit Hanspeter Wehrle (FDP) und Willy Weibel (CVP) zwei Politiker pensioniert und nun nicht mehr dabei. Sie blicken auf 34 Jahre als Grossrat zurück und charakterisieren sich gegenseitig.

Simon Dudle
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Wie eh und je: Die nun pensionierten Kantonsräte Willy Weibel und Hanspeter Wehrle liefern sich beim Fototermin einen verbalen Schlagabtausch. (Bild: Simon Dudle)

Wie eh und je: Die nun pensionierten Kantonsräte Willy Weibel und Hanspeter Wehrle liefern sich beim Fototermin einen verbalen Schlagabtausch. (Bild: Simon Dudle)

Herr Weibel, sie sind nach 16 Jahren im Grossen Rat zurückgetreten. Bei Ihnen, Herr Wehrle, waren es sogar 18 Jahre. Sind Sie Sesselkleber?

Hanspeter Wehrle: Als ich mich vor vier Jahren zur neuerlichen Kandidatur entschieden hatte, war ich sicher, noch einiges bewegen zu können. Doch ab jetzt hätte es wohl begonnen, das Aussitzen. Und das will ich nicht.

Willy Weibel: Ich glaube nicht, dass ich ein Sesselkleber gewesen bin. Am Anfang war ich stark in der Fraktionsarbeit tätig, am Schluss mehr im Büro. Aus der Vernunft heraus hat man ein Ablaufdatum. Dieses ist erreicht.

Herr Weibel, wer ist Hanspeter Wehrle?

Weibel: Einer, der weibelt, Unterschriften sammelt und Knochenarbeit verrichtet. Es braucht solche Leute. Er ist ein gründlicher und fleissiger Politiker.

Herr Wehrle, wer ist Willy Weibel?

Wehrle: Er kann gut auf Menschen zugehen und bleibt dran. Mit seiner wohlüberlegten Art und dem grossen Wortschatz kann er Voten gut einbringen. Er ist offen im Gespräch, auch bodenständig. Ein stiller Schaffer.

Was würden Sie anders machen, wenn Sie nochmals in die Politik einsteigen könnten?

Weibel: Ich würde früher damit beginnen. Politik stand nicht auf meinem Lebensplan. Anfänglich unterschätzte ich die Wirkung, die man als Kantonsrat hat. Denn man ist mehr als ein Hundertdreissigstel. Wenn man sich engagiert einsetzt, hat man etwas zu sagen.

Wehrle: Bei mir ist es umgekehrt. Ich hatte es geschätzt, in jungen Jahren mein Geschäft aufzubauen. So durfte ich mit einem schon gefüllten Rucksack in die Politik einsteigen.

Im Hinterthurgau hat es viele Vertreter der Politischen Gemeinden im Kantonsrat, dafür wenige Gewerbler. Ist das ein Problem?

Wehrle: Für ein besseres Abbild der Bevölkerung fehlen mir im Kantonsrat mehr Leute, die täglich im Beruf um jeden Franken kämpfen. Beispielsweise Gewerbler und Arbeiter oder auch eine Hebamme oder Verkäuferin. Jedoch ist auch das Fachwissen von Gemeindepräsidenten und Juristen zentral für die Gesetzgebungsarbeit.

Weibel: Es ist schon so, dass die Gemeindepräsidenten viel ausbaden müssen, was im Kantonsrat bestimmt wird.

Während Ihrer Wirkenszeit musste die CVP die Vorherrschaft im Hinterthurgau an die SVP abtreten.

Weibel: Das ist schwierig, kommt aber nicht überraschend. Leute, welche traditionell CVP gewählt haben, sterben immer mehr aus. Zudem hat der Bezug zur Kirche abgenommen. Wenn ich SVP oder Grün wähle, dann kenne ich die Marke. Bei der CVP dominiert hingegen die Vielfalt.

Herr Wehrle, «Ihr» Münchwilen ist im Kantonsrat untervertreten.

Wehrle: Es ist vor allem schade, dass der Bezirkshauptort Münchwilen keinen FDP-Vertreter mehr hat. Andererseits war ich aber acht Jahre der einzige Münchwiler Kantonsrat. Weniger toll finde nach diesen Wahlen eher die ungleiche Verteilung im Bezirk generell. Aadorf ist nun übervertreten, und im Osten gingen Rickenbach, Wilen, Bettwiesen und Tobel ganz leer aus.

Was bleibt haften?

Weibel: Wir sind Kameraden geworden. Und dies trotz inhaltlich zum Teil unterschiedlicher Meinungen. Es bleibt auch etwas Einfaches: Man muss 66 von 130 Grossräten für sich gewinnen, dann wird es nachhaltig.

Wehrle: Für mich zentral ist das Wissen, was es braucht, damit ein Staat funktioniert. Mir ist im Kantonsrat eine grosse Welt aufgegangen. Man muss trotz vieler Bäume immer den Wald sehen.