«Wir müssen uns mehr wehren»

Der ehemalige Swissair-Pilot und Buchautor Werner Alex Walser engagiert sich seit vielen Jahren gegen den Fluglärm im Osten. Die Einsprachen gegen das neue Betriebsreglement des Flughafens Zürich gehen für ihn zu wenig weit.

Ursula Ammann
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Werner Alex Walser appelliert an Politiker und die Bevölkerung. (Bild: Ursula Ammann)

Werner Alex Walser appelliert an Politiker und die Bevölkerung. (Bild: Ursula Ammann)

Herr Walser, Sie sind ehemaliger Pilot und setzen sich gegen Fluglärm ein. Ist das kein Widerspruch?

Werner Alex Walser: Für mich ist das kein Widerspruch. Ich bin keinesfalls gegen den Flughafen – wie könnte ich auch –, denn auf eine gewisse Infrastruktur sind wir schon rein wirtschaftlich angewiesen. Mir und vielen Berufskollegen geht es einzig und allein um die Gerechtigkeit. Um wieder mehr Frieden am Himmel zu haben, soll der Fluglärm fair verteilt werden. Derzeit ist das Gegenteil der Fall: Der Süden wird privilegiert und der Osten trägt das Kreuz.

Der Flughafen Zürich will sein Betriebsreglement dahingehend ändern, dass die An- und Abflüge im Osten des Flughafens entflechtet werden. Was bedeutet das für die Region Wil?

Walser: Aus dem Blickwinkel der Sicherheit ist diese Entflechtung ein vernünftiger Entscheid, denn damit wird die Kollisionsgefahr zwischen startenden und landenden Flugzeugen verringert. Die Idee hinter dieser Änderung ist jedoch, das Ostkonzept zu stabilisieren. Das wiederum heisst, dass die Piste 28 Schritt für Schritt zur Hauptlandepiste umfunktioniert wird und die Frequenzen der Anflüge erhöht werden. Diese Anflüge erfolgen nach der Entflechtung alle aus dem nördlichen Sektor über Schaffhausen, den Thurgau und das Fürstenland, wobei sich der Fächer für die Auflinierung eher weiter östlich von Wil öffnen wird. So, wie ich es interpretiere, wird künftig auch die Gegend von Zuzwil und Henau vermehrt überflogen werden.

Mehrere Gemeinden sowie die Region Wil haben gegen die Änderung des Betriebsreglements Einsprache eingereicht. Was ändert sich dadurch?

Walser: Einsprachen sind gut, werden aber erfahrungsgemäss auf die lange Bank geschoben oder im Rundordner abgelegt. Unsere Vertreterinnen und Vertreter in Bern müssen sich endlich hörbarer gegen die Salamitaktik in Sachen Flughafen Zürich wehren und mehr Mitspracherecht verlangen. Vor allem unsere Ständerätin Karin Keller-Sutter muss sich diesbezüglich mehr vernehmen lassen. Aber auch die Bevölkerung muss hinstehen und verlangen, dass der Fluglärm auf alle Schultern verteilt wird. Wir müssen uns mehr zur Wehr setzen. Schliesslich sind wir hier im Osten keine Zweitklassemenschen.

Aber was ist, wenn sich die Bevölkerung hier vom Fluglärm gar nicht gestört fühlt?

Werner Alex Walser: Es kann gut sein, dass jemand mit der Situation, wie sie jetzt ist, klarkommt. Allerdings darf man nicht nur den Ist-Zustand betrachten, sondern muss den Fokus auch auf die Trends legen. Ohne massiven politischen Druck sieht es für uns nicht rosig aus und wir werden im Osten in Zukunft wohl noch wesentlich mehr Flugverkehr übernehmen müssen. Es wäre aber auch wichtig, sich aus Solidarität zu jenen, die unter der Ungleichbehandlung leiden, gegen solch einseitigen Pläne zu wehren. Doch es herrscht leider zunehmend eine Betroffenheitsdemokratie.

Welche Entwicklungen könnten in Zukunft auf uns zukommen?

Walser: Da die Piste 28 Schritt für Schritt zu einer Hauptlandepiste umfunktioniert werden soll, wird derzeit auch über deren Verlängerung diskutiert. Sollte diese realisiert werden, besteht die Gefahr, dass irgendwann auch die morgendlichen Anflüge über den Osten führen. Mit der Verlängerung wäre die Piste 28 auch für die Landung grösserer Flugzeuge geeignet. Weitere ungünstige Entwicklungen für den Osten würden sich mit der Unterzeichnung des neuen Staatsvertrags mit Deutschland ergeben: Anflüge täglich ab 18 bis 23 Uhr.

Sie kämpfen nun seit über 20 Jahren für eine Gerechtigkeit in Sachen Fluglärm und sind seit ihrer Pensionierung vor 15 Jahren nicht mehr geflogen. Haben Sie mit Flugzeugen abgeschlossen?

Walser: Diese Rolle war sicher nicht teil meiner Wunschliste. Meine Faszination für die Aviatik ist unverändert. Die Zeit als Pilot war Traum und Realität zugleich. Ich war privilegiert und habe viel von der Welt gesehen, dass ich dies nun gerne Mitmenschen gönnen mag.