«Wir dürfen den Draht zu den Leuten nicht verlieren»: Kirchen auf Sinnsuche

Die Gesellschaft verändert sich – und damit auch die Rolle der Kirche. Kirchgemeinden in der Region sind bemüht, sich neu auszurichten.

Tobias Söldi
Drucken
Teilen
Welche Funktionen wird die Kirche – im Bild ein Blick in die katholische Kirche in Henau – in Zukunft bieten? (Bild: Tobias Söldi)

Welche Funktionen wird die Kirche – im Bild ein Blick in die katholische Kirche in Henau – in Zukunft bieten? (Bild: Tobias Söldi)

Um die Kirche steht es nicht zum Besten: Mitgliederschwund, Imageprobleme und die zunehmende Verweltlichung unserer Gesellschaft machen ihr zu schaffen. Die Zahlen für die römisch-katholische Kirche des Kantons St. Gallen sprechen Bände: Hier sind 2017 insgesamt 2036 Personen aus der Kirche ausgetreten – im Gegensatz zu 54 Kircheneintritten, wie das Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut (SPI) zeigt. Die reformierte Kirche weist im Kanton St. Gallen sogar noch höhere Austrittszahlen aus.

Vor allem aber verändert sich laut SPI das Mitgliederverhalten. Neue Formen der Zugehörigkeit lösen die traditionelle Verbundenheit ab. Mitglied der Katholischen Kirche zu sein, bedeutet heute nicht mehr automatisch, an traditionellen Riten teilzunehmen. So habe etwa das Feiern von Sakramenten wie der Taufe oder der Eheschliessung stetig abgenommen. Das Fazit der Autoren der Statistik: Die Kirchen sind gefordert, auf diese Entwicklungen aktiv und gestaltend zu reagieren.

Die Erwartungen 
an die Kirche

Paul Gähwiler-Wick,  Präsident des Kirchenverwaltungsrats Henau-Niederuzwil

Paul Gähwiler-Wick,
Präsident des Kirchenverwaltungsrats Henau-Niederuzwil

«Es braucht eine Weiterentwicklung und neue Impulse», ist auch Paul Gähwiler-Wick, Präsident des Kirchenverwaltungsrats Henau-Niederuzwil, überzeugt. Die drängendsten Probleme in Uzwil: Nachwuchsmangel, Mitgliederschwund, die abnehmende Bedeutung des Christentums in der Gesellschaft, passive Mitglieder.

«Wir müssen aktiv werden, damit wir den Draht zu den Leuten nicht verlieren und sie mit unserer Botschaft wieder besser erreichen.»

Darum haben die Kirchenverwaltungsräte Bichwil-Oberuzwil und Henau-Niederuzwil vergangenen Herbst ein Projekt zur Weiterentwicklung der Katholischen Kirche in der Region lanciert. «Auf diese Weise wollen wir herausfinden, welche Bedürfnisse und Anforderungen die Leute an die Kirche haben», erklärt Gähwiler-Wick.

Weiterentwicklung

Die beiden Kirchenverwaltungsräte von Bichwil-Oberuzwil und Henau-Niederuzwil haben kürzlich das Projekt «Weiterentwicklung der Katholischen Kirche Uzwil und Umgebung» gestartet. Ziel des Projekts ist es, neue Impulse für die Kirche in der Region zu finden und Klarheit über die künftige Ausrichtung zu schaffen. Am Vormittag des
13. September laden die Projektverantwortlichen zum öffentlichen Kick-off-Anlass ins Pfarreiheim Niederuzwil. Dort wird diskutiert, in welchen Projekte Resultate erreicht werden sollen. Anmeldung an paul.gaehwiler-wick@kath-uzwil.ch. (pd)

Ein Vorhaben, das viel verändern könnte

Wie diese Wünsche lauten, soll an einem Kick-off-Anlass im September herausgefunden werden. Es ist keine kleine Sache, die auf die Kirche zukommt, sondern eine, die unter Umständen viel verändert. Gähwiler-Wick spricht von einer «grundlegenden Auslegeordnung». Auch vor vermeintlichen Konstanten wie dem sonntäglichen Gottesdienst macht diese Neubetrachtung nicht Halt. Gähwiler-Wick erklärt:

«Wir haben vier Kirchen in unserem Gebiet, in denen jeden Sonntag ein Gottesdienst gefeiert wird. Die Frage ist, ob dies gewünscht ist.»

Zudem gehe es darum, sich klarer zu positionieren, neue Angebote zu finden und Bestehendes anzupassen, als Institution aktiver zu werden, aber auch die vielen passiven Mitglieder zu aktivieren.

Dass Veränderungen nicht immer auf Gegenliebe stossen, ist sich Gähwiler bewusst. Doch sagt er: «Da mache ich mir keine Sorgen. Alle sehen, dass Veränderungen nötig sind.» Wichtig sei es aber, dass die Entwicklungen breit und demokratisch abgestützt seien. In zwei Jahren soll der Prozess abgeschlossen sein, hofft Gähwiler. Trotz allem glaubt er an die Rolle der Kirche in der Gesellschaft:

«Die Kirche kann in der heutigen individualisierten Zeit vielen Leuten einen tieferen Halt geben.»

«Die Kirche muss sich 
der Zeit anpassen»

Uzwil ist nicht die einzige Kirche, bei der etwas im Tun ist. Bei der Evangelischen Kirchgemeinde Flawil läuft seit 2015 ein ähnliches Projekt, die «Generationenkirche» (siehe Kasten). Auch dieses Vorhaben beschäftigt sich mit der Frage, wie die Kirche in Zukunft aussehen und welche Aufgaben sie wie übernehmen soll. «Die Kirche muss sich der Zeit anpassen», erklärt Daniela Zillig-Klaus, Mitglied des Projekt-Leitungsteams. «Um den Fortbestand garantieren zu können, sind Veränderungen notwendig», ist auch sie überzeugt.

Generationenkirche

2015 hat die Kirchenvorsteherschaft der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Flawil sich entschlossen, einen mehrjährigen Gemeindeentwicklungsprozess unter dem Namen «Generationenkirche Flawil» in die Wege zu leiten. Das Ziel des Projekts: Die Kirche soll «attraktive Lebens- und Begegnungsräume mit verschiedenen Zugängen» bieten. Dafür wurden drei Konzepte erarbeitet, welche die Kirche als Ort für Kultur, als Ort zum Feiern und als niederschwellige Begegnungsplattform in den Blick nehmen. Weitere Infos unter www.ref-flawil.ch/generationenkirche. (pd)

Ein Zufall, dass beide Kirchen gerade jetzt aktiv werden? Gähwiler-Wick betont, dass es für solche Projekte auch entsprechend motivierte Leute braucht, welche die Führung übernehmen. «Wir haben viele aktive und an der Zukunft der Kirche interessierte Leute.»