«Wir bilden Multiplikatoren aus»

Im Klassenzimmer von Marianne Gartmann sitzen Jugendliche, deren kultureller Hintergrund unterschiedlicher nicht sein könnte. Ihre grosse Gemeinsamkeit: Deutsch ist nicht ihre Muttersprache.

Monique Stäger
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Wort für Wort arbeitet sich Marianne Gartmann mit ihren Schülerinnen und Schülern durch einen Geschichtstext. (Bild: mst.)

Wort für Wort arbeitet sich Marianne Gartmann mit ihren Schülerinnen und Schülern durch einen Geschichtstext. (Bild: mst.)

Der Text ist gespickt mit Ausdrücken, die nicht ganz einfach zu verstehen sind: Wörter wie «Ketzer», «Thesen», «Konzil» oder «kirchenkritische Interpretationen» kommen darin vor. Es ist ein Text über Martin Luther und die Reformation – Geschichtsstoff für Oberstufenschüler. Die Jugendlichen, die sich in einer Runde zusammen mit ihrer Lehrerin Marianne Gartmann mit diesem Text befassen, besuchen die Oberstufe im Sonnenhof. Sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Ihre Muttersprache ist nicht Deutsch. Und nun dieser komplexe Text aus dem Geschichtsunterricht – eine Herausforderung.

Aus aller Welt

Seit 15 Jahren unterrichtet Marianne Gartmann die Integrationsklasse. Bei ihr laufen die Fäden für alle Integrationsschüler der Stadt Wil im Oberstufenalter zusammen. In ihrem Schulzimmer herrscht ein Kommen und Gehen. Ihre Schüler besuchen teilweise Fächer in einer Regelklasse im Sonnenhof, teilweise besuchen sie die Lektionen bei der 59jährigen Integrationslehrkraft. «Im Moment unterrichte ich ein buntes Multikulti-Gemisch aus Kuba, Italien, Eritrea, Mazedonien, Tibet, Tschechien und Ungarn», erzählt Marianne Gartmann. Zurzeit sind acht Schülerinnen und Schüler bei ihr eingeteilt. «Das sind eher wenig», so das Urteil der Lehrerin. Während der vergangenen Jahre sei die Zahl stetig zurückgegangen, doch die Herausforderung des Berufs sei grösser geworden, meint sie.

«Die Zuwanderung aus dem Balkan hat abgenommen. Früher war die Klasse homogener, was den kulturellen Hintergrund und das Wissen anbelangt.» Heute bestünden teils gravierende Unterschiede beim Wissensstand der Schüler. «Es gibt Jugendliche, deren Allgemeinbildung nicht einmal das Basiswissen umfasst. Demgegenüber stehen solche, die in ihrem Bildungsstand unseren Schülern voraus sind, aber es fehlt an der Kenntnis der deutschen Sprache.»

Grundlagen erarbeiten

Wie lange eine Schülerin oder ein Schüler die Integrationsklasse bei Marianne Gartmann besucht, ist sehr unterschiedlich. «Es hängt nicht allein von der Intelligenz der Jugendlichen ab, sondern entscheidend ist der Kulturkreis, aus dem diese Menschen zu uns kommen.» Wenn sie ein Ziel im Leben hätten und ihr Dasein in der Schweiz auf Freiwilligkeit beruhe, dann sei die Integration einfacher und schneller.

Ausbildung als Ziel

In der Integrationsklasse geht es in erster Linie darum, die Grundlagen in der Sprache, Mathematik und dem Allgemeinwissen zu erarbeiten. Dazu gehört auch Musik. «Ich benutze gern Volkslieder, denn die Texte sind einfach, klar verständlich, sie gehören zu unserer Kultur und Sprache, die Tonalität gefällt den Schülern, und sie singen diese Lieder gern.» Wichtig sei ihr, dass die Jugendlichen lernen, nicht zu werten, bevor sie etwas kennengelernt haben. Nach der obligatorischen Schulzeit gelte das Prinzip: Wer die Schule verlässt, hat eine Anschlusslösung. «Die Oberstufe soll zu einer Berufsausbildung hinführen. Es geht nicht nur darum, eine Lehrstelle zu finden, sondern eine Lösung zu erreichen, bei der ich sicher bin, dass der Jugendliche sie auch packen kann.»

Ein Geben und Nehmen

Die verschiedenen Kulturen im Klassenzimmer unter einen Hut zu bringen, das sei die Herausforderung, erzählt Marianne Gartmann aus Erfahrung. «Die Jugendlichen kommen aus einer monokulturellen Umgebung und stehen nun vor der Herausforderung, sich in dieser Multikulti-Gesellschaft zurechtzufinden.» Das sei die Faszination, die ihr Beruf noch heute auf sie ausübe. «Es ist ein Geben und ein Nehmen. Langfristig geht es bei der Integration darum, die jungen Menschen als Multiplikatoren auszubilden. Sie sollen in ihrer Welt, in ihrem Kreis, helfen, eine Öffnung für unsere Welt zu erreichen.»

Es sei für sie immer wieder ein bewegendes Erlebnis, wenn sie einem ihrer ehemaligen Schülerinnen oder Schülern begegne und feststellen könne, dass sich diese beruflich entwickelt haben und die Integration gelungen sei.