«Wir bauen einen Kuhstall für jedes Kinderdorf»: Hinterthurgauerin sorgt für frische Milch für Flüchtlingskinder

Bianca-Maria Exl-Preysch aus Bichelsee hilft tibetischen Kindern in Indien. Zum Beispiel mit dem Bau eines Kuhstalls nach Schweizer Vorbild.

Daniela Huijser
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Mit ihrer Stiftung fördert Bianca-Maria Exl-Preysch (vorne in der Mitte) die Gesundheit von tibetischen Flüchtlingskindern.

Mit ihrer Stiftung fördert Bianca-Maria Exl-Preysch (vorne in der Mitte) die Gesundheit von tibetischen Flüchtlingskindern.

Bild: PD

Die zierliche Frau mit den grossen grau-blauen Augen kann laut werden. Nämlich immer dann, wenn ihr etwas wichtig ist. «Da bin ich eine typische Bayerin», sagt sie schmunzelnd. Doch Bianca-Maria Exl-Preysch wird nicht nur laut, sie packt auch an. Wenn sie etwas machen will, dann richtig. Das war schon bei ihrer Ausbildung so.

Von der Ökonomie zur Ernährungswissenschaft

Zuerst studierte sie Betriebswirtschaft, merkte aber bald, dass ihr diese Thematik nicht zusagt. Also absolvierte die zielstrebige Münchnerin noch ein Studium in Ernährungswissenschaften und schob auch noch ein Doktorat hinterher. Dass ihr diese Ausbildung dereinst bei einer karitativen Tätigkeit nützen würde, hätte sie damals nicht gedacht. Jahrzehnte lang arbeitete sie für Nestlé in der Ernährungswissenschaft in Deutschland und der Schweiz, die letzten Jahre in Asien und Australien. Vor zehn Jahren zog sie mit ihrem Winterthurer Mann Ulrich Preysch nach Bichelsee, wo dessen Eltern ein Ferienhaus in der Niederwies besassen. Nach einer umfassenden Renovation ist das abgelegene Haus zu ihrem Zuhause geworden. Doch die Verbindung zur weiten Welt, die hat Bianca-Maria auf eine besondere Weise aufrechterhalten.

Tibeter Kindern pragmatisch helfen mit Kuhställen

Bianca-Maria, die am liebsten mit dem Vornamen angesprochen wird, engagiert sich in Indien für tibetische Exil-Kinder. Mit lebhaften Gesten und dem einen oder anderen Augenrollen erzählt sie, wie es dazu kam. Die Kurzform: Ein Reitunfall, ein dreifacher Beckenbruch, eine lange Reha und eine Begegnung im Fitness «My Gym» in Wil machten die 67-Jährige auf das besondere Schicksal tibetischer Flüchtlingskinder in Indien aufmerksam. Heute leben dort noch etwa 8000 Kinder zwischen 5 und 18 Jahren in acht Kinderdörfern. «Die Fitness-Besitzer Tendar und Dolma Shitsetsang erzählten von diesen TCVs, den Tibetan Children Villages, in Indien», sagt sie.

«Ich war beeindruckt und fasziniert und übernahm 2013 die Patenschaft für ein fünfjähriges Mädchen, das gerade noch aus Tibet gekommen war.»

Mehrere Besuche folgten. Besuche, bei denen sie Kontakte mit engagierten Helfern knüpfte. Bald hielt sie Ernährungsvorlesungen für Ärzte und Pfleger im Tibetischen Spital von Dharamsala. Schliesslich schulte sie die 200 Hausmütter der acht Kinderdörfer. Diese müssen ihre Schützlinge oft mit abwechslungsarmen Lebensmitteln verpflegen, ohne Kühl- und Gefriergeräte.

Im September 2019 zogen die ersten Kühe in den neuen Stall.

Im September 2019 zogen die ersten Kühe in den neuen Stall.

Bild: PD

Auf eigene Kosten bezahlte sie ihre Flüge, auf eigene Rechnung liess sie das Buch zu den Ernährungsschulungen drucken. Mittlerweile werden die Kosten von der ICT Deutschland (Int. Campaign for Tibet) übernommen. Eine Nahrungsanalyse, angeregt durch die engagierte Hausmutter-Trainerin Kalsung Sharling zeigte, dass die Kinder unter Kalzium- und leichtem Eiweissmangel litten. Auch lagen einige B-Vitamine und vermutlich Vitamin A unter den empfohlenen Mengen. «Zwar gibt es viel Gemüse, doch die Portionen sind sehr klein». Wie aber könnte man diese Situation verbessern? Sicherlich hätte man Nestlé um Milchpulver bitten können, da die Kinder aufgrund der finanziellen Situation kaum Milch erhalten. Ein tägliches 250-ml- Glas Milch könnte das Kalzium- und Eiweiss-Problem mit einem Schlag lösen. Ein zusätzliches Ei und etwas mehr Gemüse würden alle Probleme lösen, da die Ernährung insgesamt ausgewogen war, vermutlich besser als in den meisten «modernen» Ländern. «Doch wir wollten eine nachhaltige Lösung.» Nach langem Brainstorming und vielen Tassen «Ginger Honey Lemon Tea» hatten sie die Lösung:

«Wir bauen einen Kuhstall
für jedes Kinderdorf.»

Einen Stall bauen und Kühe kaufen – das ist nirgends ein einfaches Projekt. Schon gar nicht, wenn das Ganze von der Schweiz aus geplant und in Indien realisiert werden soll. Dass sie ein solches Unterfangen als Privatperson überfordern würde, war Bianca-Maria Exl-Preysch bald klar.

Beherzter Start mit viel fachlicher Unterstützung

So gründete sie mit einem Eigenkapital von 50000 Franken eine Stiftung: die Snowland Children Foundation. «Snowland ist die Bezeichnung für Tibet», erklärt sie den Namen. Im Mai 2017 war es so weit: Die Stiftung und mit ihr ein gut vernetzter Stiftungsrat waren bereit für das Projekt Kuhstall. Bianca-Maria wurde aktiv, verschaffte sich und dem Schicksal der Tibeter-Kinder Gehör. Laut werden musste sie dazu gar nicht. Beherzt kontaktierte sie die Vereinigung Mutterkuh Schweiz. Kurz darauf meldete sich der Agrar-Ingenieur und Kuhfachmann Hans Ziswiler, Vizedirektor der Viehhandelsfirma Vianco. Er war begeistert vom Projekt und stellte sein Know-how gratis zur Verfügung. «Er bezirzte daraufhin die Innerschweizer Stallbaufirma Krieger, damit sie uns kostenlos die Pläne zeichnet», erzählt Bianca-Maria schmunzelnd.

Die Stiftung unterstützt auch die Ausbildung der Flüchtlingskinder.

Die Stiftung unterstützt auch die Ausbildung der Flüchtlingskinder.

Bild: PD

Alles klappte nach Wunsch und bald schon reiste die Stiftungsratspräsidentin mit Hans Ziswiler nach Indien – im Gepäck die Baupläne und Geld von zahlreichen Schweizer Spendern. «Innert eines Jahres stand der Stall, danach dauerte es noch ein Jahr für die Detailarbeiten. Einige Probleme waren, über die Distanz Schweiz–Indien nicht einfach zu lösen.» Dann aber war es so weit: Im September 2019 reiste Bianca-Maria erneut mit Hans Ziswiler nach Indien, um den Stall einzuweihen. Pünktlich zum grossen Fest trafen auch fünf Kühe mit drei Kälbern ein. «Wir entschieden uns für eine Rasse, die je zur Hälfte indisch und Jersey ist.» Die Kühe zu finden, sei kein Problem gewesen. Bianca-Maria erklärt, warum das so ist:

«Kaum jemand weiss, dass Indien
eine der grössten Rindfleischproduktion der Welt hat.»

Mittlerweile geht es mit dem Stall und den Kühen ziemlich gut vorwärts. «Leider starb eine Kuh an einer Weidekolik, da die Zuständigen eine Wiese mit extrem viel Klee angesät hatten. Zudem wurden noch zwei Stierkälber geboren. Deshalb wollen wir künftig mit gesexten Samen arbeiten und hoffen so, unseren Kuhbestand zu vergrössern», sagt Bianca-Maria Exl-Preysch, die inzwischen viel über die Kuhhaltung und Zucht gelernt hat. Und dieses Wissen vielleicht schon bald vertiefen kann, wenn sie in einem anderen Kinderdorf einen weiteren Stall bauen wird. «Aber zuerst sammeln wir hier Erfahrungen», sagt sie lächelnd.

Geschenkt: Die erste Glocke für die indischen Kühe

Derzeit hofft sie auf eine baldige Reise nach Indien. Gewöhnlich verbringt sie im Frühling zwei Monate in den Kinderdörfern, dieses Jahr fiel die Reise wegen Corona aus. Klappt es im Spätherbst, wird Bianca-Maria auch eine Kuhglocke im Koffer mitnehmen, wie sie erklärt: «Unser Nachbar Christian Feuz, Bauer ‹im Grund›, gehört zu den regelmässigen Spendern unserer Stiftung. Er schenkte mir die Glocke für eine der indischen Kühe.»

Nachhaltige Hilfe

Snowland Children Foundation

Die Stiftung «Snowland Children Foundation» bezweckt die Unterstützung einer nachhaltigen Struktur, welche das Überleben der Tibeter als lebendige Gemeinschaft im Ausland sichert. «Nachhaltig» bedeutet, dass die jungen Tibeter in einer gesunden Umgebung aufwachsen, ausgewogen und ausreichend ernährt sind und eine Berufsausbildung erhalten. Zum Stiftungsrat gehört auch der Wiler FDP-Stadtparlamentarier Jigme Shitsetsang.
Weitere Informationen im Internet unter www.snowland-children.org und per E-Mail bei bmexl@bluewin.ch. (dh)