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Wiler Stimmenzählerin Doris Schobinger: «Manche lassen ihrer Kreativität freien Lauf und wählen beispielsweise Globi»

Seit rund 20 Jahren zählt Doris Schobinger an Abstimmungen und Wahlen die Stimmen in der Gemeinde Wil aus.
Gianni Amstutz
Als Stimmenzählerin weiss Doris Schobinger genau, worauf beim Ausfüllen der Abstimmungs- und Wahlunterlagen zu achten ist.Bild: Gianni Amstutz

Als Stimmenzählerin weiss Doris Schobinger genau, worauf beim Ausfüllen der Abstimmungs- und Wahlunterlagen zu achten ist.Bild: Gianni Amstutz

Doris Schobinger hat den Aufschwung der SVP zur grössten Partei der Schweiz begleitet, genauso wie die erste grüne Welle nach der Atomreaktorkatastrophe in Fukushima und wird auch bei den Wahlen am Sonntag ihre Finger im Spiel haben. Direkte Unterstützung ist von ihr aber nicht zu erwarten, in ihrer Funktion ist Neutralität das oberste Gebot. Denn Doris Schobinger ist Stimmenzählerin.

Ohne Stimmenzählerinnen wie sie, die sich an Wahl- und Abstimmungssonntagen und an den Tagen zuvor in Stimmbüros landauf landab engagieren, würde die Demokratie nicht funktionieren. An Doris Schobinger führt wortwörtlich keine Wahl vorbei. Und das seit rund 20 Jahren. So genau wisse sie das nicht mehr, sagt die Wilerin. Stimmenzählerin wurde sie eher durch Zufall. Durch ihren Vater sei sie zur FDP gekommen, jedoch «selten politisch aktiv gewesen», wie sie sagt. Als sie dann durch die Partei erfahren habe, dass es zu wenige Stimmenzähler gebe, habe sie sich spontan gemeldet.

Einen anderen Blick auf die Politik erhalten

Bereut hat sie ihr Engagement jedoch nie. Das Stimmenzählen gewähre nicht nur einen spannenden Blick hinter die Kulissen, es habe in ihr überhaupt erst das Interesse an der Politik richtig geweckt. Sie sei, zwar schon vorher wählen und abstimmen gegangen, sagt Doris Schobinger. «Aber seit ich als Stimmenzählerin arbeite, habe ich keine Wahl oder Abstimmung mehr verpasst.» Und das betrifft nicht nur das Abgeben ihrer eigenen Stimme, sondern auch das Auszählen in der Gemeinde Wil.

Dieses folgt einem festen Muster. So wird bereits heute geprüft, ob die briefliche Stimmabgabe korrekt erfolgt ist. Dabei wird kontrolliert, ob der Stimmausweis unterschrieben ist und der Stimmzettel im dafür vorgesehenen Couvert liegt. Fehlt die Unterschrift oder sind die Stimmzettel nicht im separaten Couvert, so ist die Stimme ungültig.

«Manche Personen schicken bei Wahlen auch die Wahlanleitung zurück», sagt Schobinger schmunzelnd. Das habe jedoch keine Auswirkungen auf die Gültigkeit der Stimme. Sind die ungültigen Couverts erst einmal aussortiert, erfolgt am Samstag eine Grobsortierung. Dabei werden die verschiedenen Wahl- und Abstimmungszettel sortiert und in einem ersten Schritt bereinigt.

Immer mehr Wähler verändern die Listen

Das eigentliche Auszählen bzw. Erfassen der Stimmen erfolgt anschliessend am Sonntag. Während es bei Abstimmungen leicht sei, da nur Ja- und Nein-Stimmen sortiert werden müssten, stellten Wahlen eine grössere Herausforderung dar, sagt die erfahrene Stimmenzählerin. Speziell das Auszählen der Stimmzettel für den Nationalrat erfordere höchste Konzentration.

«Heute geben viel mehr Leute veränderte Listen ab als noch früher», sagt Schobinger. Will heissen: Anstatt eine vorgefertigte Liste mit zwölf verschiedenen Kandidaten derselben Partei abzugeben, streichen, kumulieren (gleicher Name zweimal auf der Liste) und panaschieren (Kandidaten verschiedener Listen mischen) viele Wähler. Dabei kommt es auch zu Kombinationen, die politisch gesehen absurd erscheinen. So könne es vorkommen, dass auf einem Wahlzettel sowohl SVP-Politiker Lukas Reimann stehe wie auch SP-Nationalrätin Barbara Gysi. Zwei Politiker, die das Heu definitiv nicht auf derselben Bühne haben also. Schobinger hat eine Erklärung für dieses Phänomen:

«Viele Leute wählen Personen, die sie persönlich kennen und sympathisch finden.»

Die Parteizugehörigkeit spiele bei diesen Wählern eine untergeordnete Rolle.

Gleichwohl gebe es die klassischen Listenwähler noch – vor allem bei den Pol-Parteien. «Viele SVP-Wähler sind sehr linientreu und geben ihre Stimmen ausschliesslich dieser Partei», sagt Doris Schobinger. Gleiches treffe ein Stück weit auch auf die SP und die Grünen zu. Solche Wahlverhalten zu beobachten und bei Abstimmungen gar Trends zu erkennen, bevor erste offizielle Hochrechnungen vorliegen, das macht für die Wilerin einen Teil des Reizes als Stimmenzählerin aus.

Vier-Augen-Prinzip und Stichproben

Wenn die Tendenz in jene Richtung deutet, die dem persönlichen Abstimmungsverhalten von Doris Schobinger entspricht, freut sie das natürlich. Gleichwohl ist ihr Hauptanliegen, dass alles fair abläuft, schliesslich sei sie den Wählern verpflichtet.

Dass falsch gezählt werde, sei ohnehin praktisch ausgeschlossen, sagt sie. Schliesslich werden nach dem Vier-Augen-Prinzip gearbeitet. Ausserdem werden laufend Stichproben genommen und bei sehr knappen Ergebnissen – wie etwa bei der Abwahl von Stadtrat Marcus Zunzer im Jahr 2015 – werde sicherheitshalber nochmals nachgezählt.

Obwohl beim Auszählen hohe Konzentration gefordert ist, gibt es auch immer wieder Anlass zum Schmunzeln. Verantwortlich dafür zeichnen die Wählenden. Bei Majorzwahlen beispielsweise können im ersten Wahlgang auch Personen stimmen erhalten, die nicht offiziell kandidieren.

Diese freien Linien werden jedoch nicht immer nur dafür genutzt, um Aussenseitern eine Stimme zu geben, wie Doris Schobinger weiss. «Manche lassen ihrer Kreativität freien Lauf und wählen beispielsweise Globi», sagt sie lachend. Diese Stimmen von fiktiven Charakteren gelten dann als ungültig. Auch ihren eigenen Namen hat sie bereits einmal auf einem Wahlzettel entdeckt. Wer diesen eingereicht hat, wisse sie jedoch nicht.

«Ich wäre gerne beim Auszählen dabei gewesen»

Bei diesen Wahlen wird Doris Schobinger lediglich bei den Vorbereitungen am Samstag teilnehmen. Das Auszählen am Wahlsonntag verpasst sie für einmal wegen eines Geburtstagsfests in der Verwandtschaft. «Das geht natürlich vor», sagt sie und fügt hinzu: «Ich wäre aber eigentlich schon gerne beim Auszählen der Stimmen dabei gewesen.»

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